Appetit auf alkoholfreies Bier

Schwangere und Sportler wissen es schon lange: Alkoholfreies Bier ist besser als sein Ruf. Langsam merken das auch alle anderen.

«Röstbrotige Aromen»: Die Berner Biersommeliers Pierre Dubler, Anna Rohrbach und Mich Gfeller (von links) degustieren alkoholfreie Biere.

«Röstbrotige Aromen»: Die Berner Biersommeliers Pierre Dubler, Anna Rohrbach und Mich Gfeller (von links) degustieren alkoholfreie Biere. Bild: Beat Mathys

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In den vergangenen 15 Monaten tat Yaëlle Frutig etwas, das sie vorher nie getan hatte. Die Lehrerin aus Bern trank regelmässig ­alkoholfreies Bier. Sie tat es aus dem naheliegendsten Grund, den es geben kann: Frutig war schwanger, bekam eine Tochter und stillte sie.

In dieser Zeit hat Frutig etwas Interessantes über Bier ohne Alkohol herausgefunden. Die 35-Jährige spricht vom «sozialen ­Aspekt», von einem «Placebo-Rausch». Sie spricht davon, dass man sich in einer Gruppe Bier trinkender Menschen als – freiwilliger oder unfreiwilliger – Abstinenzler besser amüsiert, wenn man ein alkoholfreies Bier trinkt, als wenn man zum Beispiel zu einem Mineralwasser greift. Es gehe um das Gefühl, dazuzuge­hören. Und das gehe mit einem Getränk, das gleich aussieht und gleich schmeckt wie jenes mit ­Alkohol, das die anderen trinken, einfach besser.

Enormes Potenzial

Yaëlle Frutig ist nicht allein. Weltweit wächst der Appetit auf das Alkoholfreie. In der Schweiz ist der Anteil vom alkoholfreien am gesamten Biermarkt laut dem Schweizer Brauerei-Verband seit 2008 von 1,8 auf 3 Prozent gestiegen. In Deutschland beträgt dieser Anteil 10, in Spanien sogar mehr als 17 Prozent. Tendenz überall steigend. Der weltgrösste Brauer, Anheuser-Busch InBev mit Sitz in Brüssel, will bis 2025 ein Fünftel seines Bierumsatzes mit Alkoholfreiem machen. Man sehe «enormes Wachstumspotenzial» auf dem Gebiet, heisst es beim Un­ternehmen. Der Konzern braut über 200 Marken, darunter weltbekannte wie Corona, Budweiser oder Leffe.

Und auch beim Schweizer Marktführer Feldschlösschen, der zur dänischen Carlsberg-Gruppe gehört, klingt es ähnlich: «Der Trend zu Gesundheit, Wellness und bewusster Ernährung kann sich langfristig zugunsten des alkoholfreien Bieres auswirken», sagt Feldschlösschen-Sprecherin Gaby Gerber, ihres Zeichens auch diplomierte Biersommelière. Alkoholfreies Bier werde aus natürlichen Rohstoffen hergestellt und sei kalorienarm. Das seien für Konsumenten «positive Argumente». Ausserdem hätten die Vorurteile gegen das Alkoholfreie in den letzten Jahren abgenommen. Oder anders gesagt: Wer heute an der Bar ein Alkoholfreies bestellt, wird nicht mehr schräg angesehen.

Malziger Geschmack

Alkoholfreies Bier wird auf zwei verschiedene Arten hergestellt. Entweder wird die Gärung gestoppt, bevor Alkohol entsteht. Oder man entzieht dem Bier nach dem Brauen den Alkohol. Die zweite Variante ist technisch anspruchsvoller und teurer, bietet aber den Vorteil, dass im Getränk mehr biertypische Aromen erhalten bleiben. Beim vorzeitigen Stoppen der Gärung ist die Hefe nur kurz in Kontakt mit dem Bier, der Geschmack im Abgang wird so in der Regel malziger. Für welches Verfahren sich eine Brauerei entscheide, sei eine «Philosophiefrage», sagt Expertin Gerber.

Und ja: Die geschmacklichen Unterschiede sind beim alkoholfreien Bier genauso gross wie beim Pendant mit Alkohol. In einem Blindtest, den drei diplomierte Berner Biersommeliers für diese Zeitung durchgeführt haben, war von «röstbrotigen Aromen» die Rede, von «faszinierender Schaumstabilität» und auch davon, dass ein Bier schmecke «wie Ovomaltine mit Karton gekreuzt». Aus sechs zufällig ausgewählten alkoholfreien Bieren kürte die Expertenrunde das schottische Brewdog Nanny State Hoppy Ale zur Siegerin (Hier gehts zum Ranking der besten alkoholfreien Biere). Deutlich schlechter schnitt das populärste Produkt im Land ab. Feldschlösschen alkoholfrei erhielt weniger als halb so viele Punkte wie die Testsiegerin.

Und Yaëlle Frutig? Auch sie hat sich in den vergangenen 15 Monaten durch die verschiedenen Marken getestet. Ihr Favorit ist Appenzeller Leermond, das im Test dieser Zeitung auf Platz 5 ­gelandet ist. Yaëlle Frutig sagt, dieses Bier trinke sie auch jetzt noch regelmässig, nach Schwangerschaft und Stillzeit. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.06.2017, 11:25 Uhr

Warum enthält alkoholfreies Bier meistens Alkohol?

Ist es Etikettenschwindel, dass ein als «alkoholfrei» bezeichnetes Bier wie Feldschlösschen ­alkoholfrei oder Clausthaler trotzdem 0,5 Prozent Alkohol enthält? Nein. In der Verordnung des Bundes über Getränke steht, dass «alkoholfreie» Getränke bis zu 0,5 Prozent Alkohol enthalten dürfen. Rechtlich ist ein 0,5-Prozent-Bier in der Schweiz also das Gleiche wie eines mit 0,0 Prozent. Dass viele Brauer einen Miniteil Alkohol in ihren Alkoholfreien belassen, hat aber einen anderen Grund. Sie tun es, weil Alkohol ein wichtiger Geschmacksträger ist – wie beim Essen Zucker oder Fett.

Dass man von alkoholfreiem Bier betrunken werden kann, wenn man nur schnell genug Unmengen davon in sich reinschüttet, ist übrigens ein Mythos: Bis heute konnte niemand beweisen, dass jedwelche konsumierte Menge an 0,5-Prozent-Bier den Alkoholgehalt im Blut nachweisbar macht.

PS: Eine reife Banane enthält etwa 0,6 Prozent Alkohol. fs

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