Vom Idyll in die Skilift-Moderne

Die Passwanderung im deutschsprachigen Wallis ist von Gegensätzen geprägt: Auf ein Weltklassesetting folgen schüttere Grashänge und brutale Servicesträsschen. Für Abwechslung ist auf jeden Fall gesorgt.

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Binn kommt uns reichlich abseitig vor. Der Ort ist nach aussen, zum Rhonetal hin, abgeriegelt durch die Twingischlucht. Anderseits ist der Herrgottswinkel historisch gesehen von verblüffender Zivilisiertheit. Die Kelten siedelten hier, und später entwickelte sich eine römische Nachfolgekultur, was Gräberfunde belegen. Das «Ofenhorn», ein stilvoll renovierter Belle-Epoque-Kasten, zeugt davon, dass Binn einst gar mondän war. Das Dorf genoss europaweite Reputation für seine Mineralien, die Engländer kamen in Scharen, darunter auch Winston Churchill.

Von Binn nach Ze Binne

Und noch etwas sei vorausgeschickt, bevor ich die Wanderung von Binn über den Saflischpass hinüber Richtung Brig abhandle und mich also in Bewegung setze. Binn, das in den Neunzigerjahren per Inserat verzweifelt Zuzüger mit Kindern suchte, war vormals auch ein pulsierender Durchgangsort. Ein Transitdorf. Über den Albrun lief der Fernhandel mit Gütern und Vieh nach Italien, und es gibt eine Handvoll weiterer, zum Teil wilder Übergänge nach Süden: Ritterpass, Chriegalppass, Geisspfad, Valdeserta und andere.

All diese Pässe haben für den heutigen Fussgänger den Nachteil, dass er eben in Italien landet. Es ist dann eine Mühe, mit dem öffentlichen Verkehr auf weitem Umweg nach Hause zu kommen. Reizvoll wäre das Projekt aber sehr wohl, all die Pässe zu meistern. Fürs erste nahmen ich und mein Berner Wanderkollege Stefan uns aber ganz bescheiden den erwähnten, binnenschweizerischen Saflischpass vor.

Vollen Magens zogen wir los. Wir hatten im «Ofenhorn» zuvor das opulente Morgenbuffet geplündert. Kein Wunder, litten wir bei der ersten Steilstufe. Der Weg führt von Binn nach Ze Binne; dort zweigt nach rechts die Route durch die Twingischlucht ab. Und es bietet sich in dieser Richtung ein, pardon für die Abgeschmacktheit des Ausdrucks, Weltklassesetting: bewaldete Bergflanken, der Länge nach halbiert und abgeschält wie mit dem Messer, nackten Fels offenbarend.

Vom Skisport dominiert

Wir selber hielten geradeaus, keuchten dann aufwärts, aufwärts, aufwärts bei grossartigem Rückblick ins Tal. Endlich wurde uns eine lange, tundraartige Flachrinne zwischen Bröselbergen links und rechts zuteil, das Saflischtal. Diese Etappe auf einem Natursträsschen war leicht; und wir merkten, indem wir von Velos überholt wurden, dass der Saflischpass auch ein Bikerpass ist. Nach der Mässhitta hatten wir Wanderer allerdings wieder klaren Vorteil: Es kam Steilstufe zwei. Die Biker mussten absteigen und ihre Velos schieben und tragen.

Lange, bevor wir sie erreichten, sahen wir die Passhöhe. Auf ihr angekommen, streckten wir uns kurz aus, und ich gestehe, dass ich eine Viertelstunde schlummerte. Als wir uns wieder hochgerappelt hatten, begann der Abstieg. Er führte in eine zugespitzte Moderne. Den Hang nach Fleschbode und Rosswald hinab dominiert der Skisport. Im Sommer sieht das ungut aus: schüttere Grashänge, brutale Servicesträsschen, Masten allenthalben. So ging das bis Rosswald; anderseits waren da auch elegante Dinge zu betrachten; eindrücklich die Simplonstrasse tief unter uns mit der Riesenbrücke.

Rosswald selber stellte sich als Sonnenterrasse heraus – hier stehen Ferienhäuser, kann man einkehren und in einem Badeseelein planschen. Wir aber nahmen subito die Gondel hinab nach Ried bei Brig und waren uns einig: Binn und seine Region, das Binntal, sind im Vergleich zur unmittelbaren Umgebung ein wahres Idyll.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.07.2010, 09:28 Uhr

Zu Fuss

Route: Binn Dorf – Ze Binne – Saflischtal – Mässhitta – Saflischpass – Fleschbode - Rosswald

Dauer: 6 ½ Stunden.

Höhendifferenz: 1100 Meter auf- und 750 abwärts.

Charakter: Aus dem abgelegenen Binn zurück in die Moderne. Weit und anstrengend.

Höhepunkte: Die aufgeschnittenen Bergflanken bei Ze Binne und der Eingang zur Twingischlucht. Die tundraartige Landschaft um die Passhöhe. Die Einkehr nach dem langen Weg.

Einkehr: gegen Schluss bei Fleschbode und in Rosswald (Gondel hinab nach Ried bei Brig).

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