Der Wetterschmöcker und Wolkenflüsterer

Die Frühlingswanderung in der Zentralschweiz findet bei blendender Sicht und Föhnwind statt. Auf der Route trifft man nicht nur auf historische Denkmäler sondern auch auf den Schutzpatron der Pilger.

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Für den Ostersamstag hatte ich eine Wanderung im Kanton Bern vorgesehen, von Belp über den Lisiberg nach Niederscherli. Am Vorabend disponierte ich um. Von Westen ziehe eine Kaltfront heran, im Bernischen werde es regnen; hingegen werde in der Zentralschweiz der Föhn das Schlechtwetter fernhalten: So mailte ich es meinem Grüppli - Planänderung!

Steil durchs Stechlaub

Ich war dann am Samstagmorgen mächtig stolz, als wir bei Schornen, zwischen dem Ägerisee und Sattel gelegen, aus dem Bus stiegen: Föhnwind, blendende Sicht, Sonne! Und weit und breit keine Regenwolke!

Wir zogen nicht sofort los, sondern beschauten uns den Ort. Hier, auf Schwyzer Boden, wo sich die von Berghängen gesäumte Ebene verengt, fand 1315 die Schlacht am Morgarten statt. Heimische Bauern massakrierten, die ständische Ordnung der Epoche missachtend, österreichische Ritter samt Gefolge. In der Nähe, am Ägerisee, gibt es auf Zuger Terrain ein riesiges Morgarten-Schlacht-Denkmal; man lasse sich von ihm aber nicht verwirren: Es hat weniger mit dem Mittelalter zu tun als mit der Gegenwart. Die Zuger waren damals am Morgarten mit den Habsburgern unterwegs, stellten aber Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihrem eigenen Monument den Anschluss an den gesamteidgenössischen Patriotismus wieder her.

Eine Kapelle, eine Tafel in der Wiese, ein militanter Letziturm sind auf dem Schlachtgelände zu betrachten. Wir taten es, stiegen dann gegenüber der Kapelle in den Hang. Erstes Ziel: der Punkt Fisterenwald. Steil ging es durch Stechlaub aufwärts auf einem Pfad hart an einer Felskante; weil er breit ist und mit einem Seil gesichert, war die Passage gefahrlos. Immer schöner sahen wir hinab auf den See und hatten bald auch Fernsicht.

Zur zweiten Etappe

Endlich, nachdem wir auch auf einem Strässchen und auf einer breiten Försterpiste gegangen waren, Fisterenwald. Diese Wanderweg-Verzweigung liegt praktisch auf der Kantonsgrenze Schwyz-Zug. Über eine Art Hochebene hielten wir im Folgenden vorwärts zum Kapellchen St. Jost. Der Heilige dieses Namens ist Schutzpatron der Pilger, das Kapellchen liegt an einem alten Pilgerweg. Das herzige Holzhaus daneben ist eine einfache Wirtschaft und Nachfolger des 2005 abgebrannten Bruderhauses.

Wir gingen weiter, der Föhn rüttelte an uns. Eine Viertelstunde später erreichten wir den Raten, einen Pass zwischen Oberägeri und Biberbrugg. Wir kehrten ein, fanden das im grossen Stil modernisierte Restaurant nicht gemütlich, aber zweckmässig und assen: Entrecôte, Schnitzel Pommes Frites, Salatteller, Safrannudeln - jedem das Seine. Toll war mein Coupe Dänemark. Obwohl ich ihn «klein» bestellt hatte, kam ein Riesending, fein war das Monumentaldessert auch.

Hernach die zweite Etappe: hinab nach Biberbrugg, wieder Schwyz. Wir wählten die kürzere Version à 1 Stunde und 40 Minuten. Gingen zuerst auf Schotter. Dann auf dem Asphalt einer Nebenstrasse. Schliesslich auf einem breitem Kiesweg; er führte durch eine Ecke des Hochmoores zwischen Biberbrugg und Rothenthurm, eines bräunlichen Ödlandes vor dem düsteren Höhronen-Hügelriegel.

Der Dämpfer

Am Bahnhof Biberbrugg, einem derzeit grauenvollen Ort voller Abschrankungen, Baugruben, Bagger, war Gehschluss. Meine Gefährten dankten mir nun innig für meine geniale Entscheidung, die Wanderung hierher zu verlegen - denn in der Tat waren wir zu einer guten Portion Sonne gekommen und hatten die Regenkleider nicht auspacken müssen. Ein Dämpfer war es dann am Abend freilich, als ich ein Wanderfoto auf Facebook platzierte und mich dort als Wetterschmöcker und Wolkenflüsterer zelebrierte. Freund Otto schrieb mir nämlich umgehend, bei ihm im Kanton Bern habe die Sonne den ganzen Tag geschienen, keine Spur von Regen!

Thomas Widmer stellt jeden Donnerstag eine Wanderung vor.

Erstellt: 14.04.2010, 17:03 Uhr

Infobox

Route: Schornen (Bushaltestelle der Linie Oberägeri-Sattel) – Fisterenwald – St. Jost – Raten – Gutsch – Bahnhof Biberbrugg
Dauer: vier bis viereinhalb Stunden.
Höhendifferenz: circa 300 Meter auf-, 250 abwärts.
Charakter: Mässige Steigung, grossartige Aussicht plus am Anfang eine Portion Geschichte in Form des Morgarten-Schlachtgeländes.
Höhepunkte: Das Morgarten-Terrain. Der Wanderbeginn mit dem seilgesicherten Weg durch einen Wald voller Stechlaub. Die Sicht vom Raten auf Säntis, Speer, Pilatus, Rigi.
Einkehr: St. Jost (einfach, nur an Wochenenden). Raten (365 Tage offen).

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