Analyse

Alte Turnschuhe! Kein Proviant!

AnalyseWenn auf den Herbst zu die Hochsaison beginnt, häufen sich die Bergunfälle. Eine Anleitung, wie man sich mit grösster Wahrscheinlichkeit in Gefahr bringt.

So sollte eine Wanderung nicht enden: Bergrettung durch die Rega.

So sollte eine Wanderung nicht enden: Bergrettung durch die Rega. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lieber Bergwanderer.
Die männliche Form in der Anrede ist bewusst gewählt. In unseren Schweizer Alpen sterben nämlich viermal mehr Männer als Frauen. Lieber Bergwanderer, jetzt beginnt wieder die Hochsaison des Wanderns. Hier die Anleitung respektive das Szenario, wie Sie am Effizientesten im Gebirge in Not geraten und zünftig verunfallen.

Die Unternehmung beginnt mit einer umfassenden Nichtvorbereitung: Ignorieren Sie sämtliche Informationsquellen! Wanderbücher mit Routendetails und Zeitangaben zum Beispiel. Die in perfekter Qualität auf das Smartphone herunterladbaren Swisstopo-Karten. Nützliche Internetseiten wie Hikr.org, wo man anschauliche Fotos findet. Oder auch Wandersite.ch, wo es zu den Routen Updates von Leuten gibt, die diese begingen: «Die ganze Strecke ist nach unten mit Laub bedeckt, aus dem Steine und Wurzeln herausragen – gefährlich!»

All das nehmen Sie nicht zur Kenntnis. Natürlich blenden Sie die Wetterfrage ebenfalls aus. Ihre Zeitung zeigt an dem Morgen der Wanderung eine schwarze Wolke mit Blitzsymbol über dem Westen und Südwesten der Schweiz. Sie haben davon keine Ahnung; übermüdet von der langen Zecherei am Vorabend haben Sie auf der Anreise im Zug nicht gelesen, sondern gedöst. Auserwählt haben Sie sich das Wallis, weil Sie da als Kind gern die Gotte besuchten. Gute Wahl! Das Wallis ist das Land der besonders bösen Berge und abrupten Wege. Darum ist es unter allen Kantonen der Spitzenreiter bei den tödlichen Bergunfällen mit einem Anteil von 40 Prozent im letzten Jahr.

Okay, Sie sind nun also im Rhonetal. Dunkle Wolken ziehen sich bereits zusammen. Es donnert in der Ferne. Sie hören nichts, weil Sie der Sound aus Ihrem iPod absorbiert. Froh sind Sie über Ihre zwar abgelaufenen, doch toll bequemen alten Turnschuhe. Stöcke haben Sie keine dabei und geniessen daher totale Handfreiheit, die Sie zu Beginn im Steilwald für ein paar Telefonanrufe nutzen. Zeit haben Sie ja genug; das Bergdorf hinter dem Pass, das Sie sich anhand des Wegweisers im Tal spontan erwählten, ist sechs Gehstunden entfernt.

Es ist allerdings schon ein Uhr nachmittags. Und das letzte Wegstück vor dem Dorf ist bei Nässe gefährlich – aber das wissen Sie ja nicht. Weil Sie Ihre Kondition lange vernachlässigt haben, ermatten Sie schon nach zwei Stunden. Zu trinken haben Sie eine Büchse Cola Zero, zu essen nur einen alten Schokoriegel, den Sie zu Hause in letzter Minute einsteckten. Sie müssen sich aber nicht grämen, wenn Ihnen nun mangels Flüssigkeit und Kalorien schwindlig wird und Ihr Puls rast. Sie sind mit dem Unwohlsein, das sie auch in der Stadt ab und zu befällt, nicht allein: 2010 war bei 36 von 173 hierzulande tödlich verunglückten Alpinisten und Bergwanderern ein Herz-Kreislauf-Problem Unfallursache.

Billigjäckli ohne Kapuze

Der eiskalt einsetzende Regen belebt Sie nachhaltig. Dass Sie sich mangels Mütze einen Sonnenbrand eingefangen haben, spielt im Moment keine Rolle; Sie beginnen zu frieren. Das dünne Billigjäckli aus Ihrem alten Rucksack, den Sie an einem Promoanlass von Red Bull gratis bekamen, wärmt Sie nicht. Natürlich hat das Ding auch keine Kapuze, sodass Sie mit klatschnassen Haaren im Giftwind gehen.

Langsam wird Ihnen jetzt ein wenig unheimlich. Doch Sie waren immer ein cooler Typ und haben sich aus so mancher Bredouille gemogelt. Als Sie feststellen, dass Sie sich verirrt haben, zücken Sie das Handy, um die Tourismusstelle anzurufen. Jawohl! Der Akku ist knapp noch stark genug. Aber oh weh! «Kein Empfang» steht auf dem Display, Sie können also nicht im Internet nach der Nummer suchen. Können nicht telefonieren. Und eine Behelfs-Geländekarte aufrufen und sich selber orten geht auch nicht.

Eine halbe Stunde später endet Ihre Wanderung abrupt. Sie rutschen auf Schiefer acht Meter tief in eine Rinne. Gegen fünf Uhr nachmittags findet Sie ein Bauer, der im Tal seine Grossmutter besucht hat. Die Rettung geschieht per Helikopter. Sie sind mittelschwer verletzt und unterkühlt, überleben aber im Unterschied zu jenen 54 Menschen, die letztes Jahr in der Schweiz beim Bergwandern zu Tode kamen. Wie viele werden es heuer sein? Jedenfalls hätten Sie, lieber Bergwanderer, es fast in die entsprechende Statistik geschafft.

Mit der Google-Suche «Bergnotfallstatistik 2010» kommt man zu den offiziellen, detaillierten Zahlen.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.08.2011, 18:03 Uhr

Artikel zum Thema

«Was hilft, ist Wandern»

Max Frisch war ein begeisterter Wanderer und Alpinist. Reportagen über Gipfeltouren und detaillierte Bergepisoden in seinen Romanen laden zum Nachsteigen ein. Mehr...

Der perfekte Wanderschuh

Hochkomplex und deshalb immer bequemer: Wanderschuhe sind ausgeklügelte Systeme. Wir haben nachgefragt, worauf man beim Kauf und bei der Pflege achten muss. Mehr...

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Baum fällt: Eine Frau geht an einem Baum vorbei, der während eines Sturms in Kiew umgeknickt ist. (16. August 2018)
(Bild: Valentyn Ogirenko) Mehr...