«Vor Dirigenten habe ich keine Angst. Eher sie vor mir»

Sie galt als Wunderkind und wollte schon im Alter von 6 Jahren Solistin werden: Heute ist die Violinistin Anne-Sophie Mutter 53 und feiert ihr 40-Jahr-Jubiläum – als Solistin. Ein Gespräch über Lords, Multitasking und Roger Federer.

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Fehlt Ihnen Lord Dunn-Raven, wenn er nicht bei Ihnen ist?
Anne-Sophie Mutter: Nein. Ich bin im Urlaub immer sehr glücklich. Musik ist immer in meinem Kopf, aber ich kann gut wochenlang lesen, wandern, schwimmen und essen, ohne dass ich meine Geige vermisse.

Wie lässt sich Ihr Verhältnis zu Ihrer Stradivari mit dem besonderen Namen beschreiben?
Für einen Nichtmusiker ist das wohl schwer nachvollziehbar. Neurologisch wissen wir, dass ein Gegenstand, den man oft in Händen hält und zu dem man eine emotionale Bindung aufbaut, vom Gehirn aus als Teil des Körpers angesehen wird. Das kann sowohl ein Instrument wie auch zum Beispiel ein Tennisschläger sein. Die Geige ist zu einem Teil von mir geworden. Aber im Unterschied zu einem Tennisschläger hat eine Geige eine lange Geschichte hinter sich, Lord Dunn-Raven ist über 300 Jahre alt. Bei jeder Interpretation lässt man einen Teil seiner Emotionen im Instrument zurück. Ich glaube, dass das den Charakter des Instrumentes prägt.

Was soll mit der Geige nach Ihrem Ableben geschehen?
Also erst mal wird sie ein paar Jahrzehnte Ruhe brauchen (lacht). Ich spiele auf ihr, seit ich 20 bin. Nach der Ruhepause wünsche ich ihr einen Geiger, der nicht der Technik und der Eitelkeit frönt, sondern einen ganz engen Dialog mit der Geige pflegt. Ein Musiker muss sein Instrument erzählen lassen, nicht umgekehrt. Wir sind als Interpreten immer nur Möglichmacher, es geht nie um uns.

Ihr Spiel wird oft als rein und makellos schön bezeichnet. Können Sie mit solchen Attributen etwas anfangen?
Makellos, schön . . . Tja. Was ist makellos? Diese Attribute kommen in meinem Repertoire nicht vor. Zudem suggeriert «makellos» eine gewisse Endgültigkeit. Und diese Sichtweise ist völlig ungeeignet, wenn es um Kunst geht. Ich bin eine Suchende. Ich habe zwar bereits vieles gefunden, aber gerade deshalb weiss ich, dass diese Reise endlos weitergeht. Auch spieltechnische Möglichkeiten sind nie ausgeschöpft, man kann stets weiter verfeinern.

«Souverän» ist auch ein Wort, das oft fällt, wenn Sie jemand beschreibt. Gibt es etwas, was Sie verunsichert? Gewisse Dirigenten vielleicht?
Wenn ich auf die Bühne gehe, habe ich mich gut vorbereitet und weiss, was ich tue. Und vor Dirigenten habe ich keine Angst. Eher sie vor mir (lacht).

Als 13-Jährige gaben Sie Ihr erstes Konzert mit dem Dirigenten Herbert von Karajan. Waren Sie damals auch schon so selbst­bewusst?
Ich glaube, man sucht sich den Beruf aus, der zur Persönlichkeit passt. Als ich im Alter von 6 Jahren meinen ersten Wettbewerb gewonnen hatte, wurden alle Teilnehmer nach ihrem Berufswunsch gefragt. Alle Kinder sagten «Musiker». Ich war die Einzige, die «Solistin» sagte. Ein paar Jahre später habe ich dann auch verstanden, dass wir Musiker sein müssen und nicht nur ­Solisten.

Welche Erinnerungen haben ­Sie an Ihr erstes Konzert mit Karajan?
Ich erinnere mich an zwei Dinge. Zum einen, dass er mich vor dem Konzert fragte, ob ich nervös sei. Und ich meinte etwas garstig: «Nein, warum?» Zum anderen das Ende des Konzerts: Ich stand vorne am Bühnenrand. Herbert von Karajan war direkt hinter mir und applaudierte. Das hat mich damals sehr erstaunt und auch ein bisschen erschreckt. Es zeigt, dass er ein sehr warmherziger und grosszügiger Musiker und Lehrer war.

Er soll aber auch sehr streng gewesen sein.
Ja, streng und fordernd, aber immer mit dem Herzen dabei.

Sie haben eine Stiftung gegründet, um junge hoch begabte Violinisten zu fördern. Was ist das Wichtigste, das Sie Ihren Schülern mitgeben möchten?
Ein Musiker kann einem anderen nur den Weg weisen, ihn gehen muss man immer allein. Ich versuche, richtungsweisende Denkanstösse zu geben, die genügend Raum für eigene Recherche lassen. Ich will keine Klone heranzüchten, das ist mir ganz wichtig. Ausserdem war die Maxime von Herbert von Karajan: Wer alle seine Ziele erreicht, hat sie zu niedrig gesteckt. Diese Rastlosigkeit, das permanente Feilen, das prägte ihn, und es prägt auch mich. Das will ich meinen Kollegen mitgeben. Ich möchte ihnen auch zeigen, dass Scheitern dazugehört. Es ist nur die Frage, was wir daraus machen.

Herbert von Karajan hat Sie auch mal nach Hause geschickt.
Ja, da war ich 16. Wir wollten das Violinkonzert von Beethoven einstudieren. Ich spielte die ersten zwanzig Takte, dann unterbrach er mich und sagte, ich solle nächstes Jahr wiederkommen. Ich war aber nicht überrascht. Ich fühlte mich in dem Repertoire nicht Zuhause, es war einfach noch zu früh.

Am Menuhin Festival in Gstaad treten Sie ohne Orchester auf, nur mit Ihrem Pianisten Lambert Orkis. Wie fühlen sich solche Auftritte an?
Je weniger Personen auf der Bühne stehen, umso intimer wird der Dialog. Es ist ein bisschen wie in einer Gesprächsgruppe von acht – das wäre dann ein Oktett – , das kann sehr angeregt sein, sehr diversifiziert, aber zu intimen Themen kommt man da nicht. Und zwischen Klavier und Geige ist das dann natürlich möglich. Da sind eine Intimität, eine Direktheit und auch eine Schnelligkeit des Dialoges möglich, die es mit grossem Orchester nicht gibt.

Nehmen Sie das Publikum beim Spielen überhaupt wahr?
Das Publikum spielt eine grosse Rolle. Es ist gar nicht so sehr der Augenkontakt, man spürt es. Man nimmt die Atmosphäre im Saal wahr und versucht die Zuhörer, die noch nicht bei sich oder im Konzertsaal angekommen sind, in die Musik hineinzuziehen. Wenn ein Publikum noch nicht aus dem Alltag ins Konzert abgetaucht ist, kann es ein Konzert stark beeinflussen. Es kann aber auch beflügeln und das sind dann die Momente, in denen Zeit, Raum und Mensch zu einer Einheit verschmelzen.

Sie stehen seit 40 Jahren im Rampenlicht. Mussten Sie erst lernen, damit umzugehen, eine öffentliche Person zu sein?
Es ist halb so wild, ich bin nicht Roger Federer. Ausserdem hatte ich Zeit, da reinzuwachsen. Zuerst waren es nur wenige Konzerte in Deutschland, und erst nach und nach kamen Auftritte in Europa hinzu, schliesslich Amerika und Fernost. Die Reiserouten werden weiter, es kommen immer mehr musikalische Freunde hinzu, und irgendwann lernt man auch damit umzu­gehen, in der Öffentlichkeit zu stehen. Man kann durchaus als Privatmensch weiter existieren.

Ist es ein Kraftakt, ein solcher Privatmensch zu bleiben?
Ach nein, das geht. Meine Auftritte sind öffentlich, abgesehen davon führe ich ein absolut normales Leben. Man hat es ja selbst in der Hand, welche und wie viele Partys man besucht. Wenn ich keinen Medienrummel will, meide ich Orte, an denen der Rummel stattfindet. Ganz einfach.

Werden Sie denn in Ihrer Heimatstadt München oft erkannt?
Hin und wieder, aber ich kann ganz normal einkaufen oder essen gehen. Ich muss mich dabei auch nicht verhüllen mit Hut und Sonnenbrille. Das wäre albern und im Übrigen sowieso viel auffälliger.

Nutzen Sie Ihren Promistatus auch mal aus?
Wie meinen Sie das?

Zum Beispiel, um etwas schneller oder geschenkt zu bekommen oder in einer Schlange nicht
anstehen zu müssen?
Also Gratisschokolade nehme ich immer gerne an (lacht). Früher habe ich den Vorteil genutzt, wenn ich mit meinen Kindern zum Beispiel im Europapark war. Damit wir bei den Bahnen nicht anstehen mussten. Aber auch wenn das jetzt cheesy klingt: Ich habe es nicht wegen mir getan, sondern wegen der Kinder. Ich wollte einfach, dass sie eine super Zeit ­haben.

Ist es heute schwieriger, als junge Musikerin im Musikmarkt Fuss zu fassen?
Nein, das kann man so nicht sagen. Heute kommen einfach noch viel stärker eine optische Komponente und eine Schnelllebigkeit hinzu. Wir haben eine Fülle von exzellent trainierten Spezialisten, und es gibt immer mal wieder ein Ausnahmetalent, einen echten Musiker. Es ist schwer, sich gegen eine Masse von gut vermarkteten Spezialisten durchzusetzen. Aber das war schon immer so.

Was ist denn der Unterschied zwischen einem Musiker und einem Spezialisten?
Ein Spezialist ist ein Techniker, der eigentlich nichts falsch macht. Das, was sie können, kann man trainieren. Ein Musiker ist ein Künstler, der auf hohem Niveau träumen kann. Es ist wie der Unterschied zwischen einem normalen Tennisspieler und Roger Federer. Wenn Federer eine gute Tagesform hat, dann ist er ein grosser Künstler, weit über das technische Können hinaus. Die Finesse des Spiels, das ganz persönliche Moment, die Schnelligkeit des Kopfes, die Risiko­bereitschaft . . .

. . . Sie kommen ja richtig ins Schwärmen!
Ja, ich bin bekennender Roger-Federer-Fan. Zudem hatte ich schon immer eine Affinität zu dieser Sportart, ihrer Eleganz, aber auch zur Strategie, die dahintersteckt.

Spielen Sie selbst auch Tennis?
Nein, ich habe als Kind nie gespielt und jetzt noch damit anzufangen, wäre wahrscheinlich fatal (lacht).

Können Sie Musik hören, einfach zum Entspannen?
Nein. Wir hatten grad neulich ein Sommerfest mit der Familie, und einer meiner Patensöhne spielt sehr gut Gitarre. Er fing irgendwann an zu spielen und wollte das eigentlich nur so als Background, während wir uns unterhielten. Doch vom ersten Ton an herrschte Totenstille. Dieses Zuhören ist eine wichtige Qualität im Leben, nicht nur, wenn jemand musiziert, sondern überhaupt. Multitasking ist eine teuflische Erfindung. Man sollte sich immer mal wieder hinsetzen und genau hinhören. Hinsetzen und genau lesen. Sonst bleibt man immer an der Oberfläche.

Was tun Sie denn, wenn Sie doch mal abschalten wollen?
Dann gehe ich raus in die Natur. Am liebsten gemeinsam mit meinen beiden Zwergdackeln Bonnie und Clyde. Und sonst liebe ich die Stille. Wenn es ganz still ist, kann ich abschalten.

Staunen Sie manchmal über Ihr Leben?
Nein, dafür habe ich keine Zeit (lacht).

(Berner Zeitung)

Erstellt: 07.08.2017, 10:51 Uhr

Anne-Sophie Mutter im Gespräch – und in Gstaad

Die Violinistin empfängt zum Interview in ihrem Büro in München – eine umfunktionierte Altbauwohnung etwas ausserhalb des Stadtzentrums. Die Räume sind freundlich, hell und hoch, in einer Ecke des Sitzungszimmers liegen ein Hundebett und Hundespielzeug für die beiden Dackel von Anne-Sophie Mutter.

Die 53-Jährige trägt sportlich zerrissene Jeans, einen Streifenpulli, bunte Turnschuhe und eine Kette mit dem Schriftzug «Darling». Ob sie den «Darling» wohl ironisch meint? Jedenfalls scheint eine solche Bezeichnung nicht recht zu Anne-Sophie Mutter zu passen. Dafür wirkt sie zu zielstrebig, zu eigenständig. Sie ist kein Darling, der allen gefallen will.

Im Gespräch wirkt die Musikerin kontrolliert, aber nie verkrampft. Herzlich, aber nie emotional. Distanziert, aber nicht unnahbar. Sie beantwortet jede Frage schnell und in druckreifen Sätzen. Am liebsten spricht die Mutter von zwei erwachsenen Kindern über Musik – Privates hält sie privat.

Anne-Sophie Mutter galt als Wunderkind. Im Alter von 5 Jahren wünschte sie sich eine Geige, ein halbes Jahr später nahm sie bereits an Talentwettbewerben teil – die sie meistens gewann. 1977, da war sie 13, debütierte Mutter als Solistin an den Salzburger Pfingstkonzerten. Dirigiert wurde das Konzert von Mutters langjährigem Mentor: Herbert von Karajan (1908–1989).

1997 gründete die Geigerin die Stiftung «Freundeskreis der Anne-Sophie Mutter» zur Förderung hoch begabter Streicher.

Am 24. August spielt die vierfache Grammy-Gewinnerin, die Roger Federer verehrt, gemeinsam mit ihrem langjährigen Pianisten Lambert Orkis am Menuhin Festival Gstaad: Das Duo bringt Werke von Sebastian Currier, Francis Poulenc, Camille Saint-Saëns und Wolfgang Amadeus Mozart zur Aufführung. mk

Konzert am Menuhin Festival: 24. 8., 19.30, Festival-Zelt, Gstaad.

Tickets: www.gstaadmenuhinfestival.ch

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