Sie wollen «12 points» in Lissabon

SRF hat das Auswahlverfahren für den Eurovision Song Contest (ESC) professionalisiert, ­damit die Schweiz endlich mal wieder 12 Punkte erhält. Sind die Songs dadurch besser geworden? Ja. Sind die Chancen am ESC nun grösser? Jein.

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Ach, die Schweiz. Ihre Hassliebe zum ESC ist schon legendär. Immer wieder versuchten wir, im europäischen Gesangswettbewerb zu punkten. Immer wieder wurden wir arg enttäuscht. Vielleicht, weil wir nicht die Allerbeliebtesten sind, vielleicht, weil wir selten ein gutes Händchen in ­Sachen Songauswahl bewiesen.

Doch jetzt soll es besser werden: Erstmals fand 2017 ein Songwriting Camp statt, in dem international tätige Songwriter am perfekten Schweizer ESC-Beitrag bastelten. 18 Songs sind so entstanden und kamen in den grossen Topf von insgesamt 670 Beiträgen. Eine 20-köpfige Jury bestimmte sechs Finalisten, die sich in der Liveshow am 4. Februar dem Publikumsvoting stellen werden. Vier der sechs Songs stammen tatsächlich aus dem Songwriting Camp. Doch: Macht das die Sache nun besser? Wir haben mal reingehört:

1. Strahlefrau
Sie weiss, was sie tut: Vanessa ­Iraci aus Freiburg im Breisgau strahlt vom ersten bis zum letzten Ton Sicherheit aus – die 32-Jährige ist ein alter Hase im Castingshowgeschäft. Sie machte bei «The Voice of Switzerland» mit und auch in Deutschlands Castingshow kam sie weit. Nur gewonnen hat sie nie. Sie singe zu «perfekt», man vermisse das Gefühl, hiess es oft. Im Song «Redlights» macht sie das ganz gut mit dem Gefühl. Man glaubt ihr, was sie singt. Der kraftvolle Popsong hallt lange nach – das sind schon mal gute Voraussetzungen. Prognose: Hoffnungsträger

2. Meister Proper
Äusserlich ist er eine Mischung aus Justin Bieber und Keanu ­Reeves. Sein Song «Kiss me» – entstanden im Songwriting Camp – ist tanzbar, modern, international. Und doch fehlt etwas. Obwohl der 23-jährige Naeman Meier eigentlich nichts falsch macht, wird es ihm dieser Song schwermachen. Auf der Bühne wird der Zürcher eine unglaubliche Show hinlegen müssen, um nicht in der Belanglosigkeit unterzugehen. Prognose: Gähn

3. Elfe
Aufmerksamen Schweizer ESC-Fans wird sie bekannt vorkommen: Chiara Dubey hat es bereits zweimal in der Vorausscheidung versucht. Elfenhaft zart ist ihre Stimme, traurig und leise. Ja, bedürftig gar – gerne möchte man der 24-Jährigen aus Ronco im Tessin eine warme Decke um die Schultern legen und sie ein wenig trösten. Den Song «Secrets and Lies» (Marke Songwriting Camp) haucht die Sängerin vorwiegend, begleitet von wärmenden Klavierakkorden und Streicherschäumchen. Eine grosse Show ist bei diesem Lied sicher nicht passend. Ob Dubey die Bühne allein mit ihrer Ausstrahlung ausfüllen kann? Elfe oder Mäuschen, das ist hier die Frage. Prognose: Nett

4. Rotzgören
Die Geschwister Corinne (32) und Stee Gfeller (30) aus dem Kanton Luzern sind ZiBBZ. Ihr Song «Stones» entstand ebenfalls im Songwriting Camp und ist rockig und kraftvoll. Sängerin Corinne Gfeller alias Co verleiht dem Lied mit ihrer kernig-rotzigen Girliestimme Charakter und Haltung. Schafft es das bühnenerfahrene Geschwisterpaar, diese Attitüde auch vor einem Mil­lionenpublikum rüberbringen, kann alles passieren. Prognose: Hoffnungsträger

5. Sonnenkind
Mit seiner Stimme umarmt er die Welt: Alejandro Reyes (26) – geboren in Chile und aufgewachsen in der Schweiz – verbreitet Wärme, sein Song «Compass», den er im Songwriter Camp mitkomponiert hat, verströmt Optimismus und Lebensfreude. Es ist ein luftiges, gitarrenlastiges Sommerlied mit einem simplen, aber wirkungsvollen Refrain. «Compass» passt in jede Strandbar der Welt. Aber passt er auch auf die grosse ESC-Bühne? Wir seufzen leise und sagen: Nein. Prognose: Nett

6. Diva
Es ist vielleicht das klassischste ESC-Lied: die Liebesballade «A Thousand Times», gesungen von der Neuenburgerin Angie Ott. Die 27-jährige hat bereits Castingerfahrung: Bei «The Voice of Switzerland 2013» wurde sie Zweite. Mit ihrer wendigen und samtenen Stimme kann sie mit den meisten Balladendiven, die der ESC hervorgebracht hat, mithalten. Nur: Dem Song fehlt schlicht das Besondere. Prognose: Gähn

Entscheidungsshow (live): Sonntag, 4.2. , 20.05 Uhr, SRF 2 (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.01.2018, 19:37 Uhr

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