«In Bern hat man Angst vor dem Scheitern»

Der Berner Musiker Kidd Feather versucht sein Glück in London. Sein erstes Musikvideo «Sirene» ist soeben erschienen. Im Interview erklärt er, warum Bern Fluch und Segen zugleich ist und wem sein Stil am nächsten kommt.

Der Berner Künstler Kidd Feather veröffentlicht sein erstes Video zum Song «Sirene». Quelle: Youtube


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Kidd Feather, du wohnst und arbeitest seit Mai in London. Warum gerade da?
London ist ein Ort, der extrem viele kreative Leute anzieht. Deswegen hat es hier eine unzählige Möglichkeiten, aber auch eine enorme Konkurrenz. Wenn du es in London schaffst, dann hast du es geschafft. Wenn du scheiterst, hast du es wenigstens am schwierigsten Ort versucht.

Wie schnell hast du dich eingelebt?
Ich bin mit einer idealistischen Vorstellung hierher gekommen und hatte mir gedacht, das ich binnen einem Monat eine Wohnung und meinen Freundeskreis habe. Man muss sich aber in dieser Stadt selber noch einmal finden. Ich hatte mir alles viel einfacher vorgestellt und musste mich deshalb gründlich selbst hinterfragen, ob ich das alles wirklich will und genug Energie dafür habe. Nun aber fühle ich mich daheim.

Was fehlt dir als Künstler in Bern?
Bern ist so gemütlich, dass es nicht dazu anstiftet, Neues zu wagen. Wäre ich in Bern geblieben, hätte ich mir das alles nicht erlaubt. Man zensiert sich selber aus Angst, was andere über einem denken. In Bern hat man Angst vor dem Scheitern. Gehst du weg, befreist du dich von diesen Zwängen.

Auf deiner Homepage steht, dass die Stadt Bern Segen und Fluch zugleich für dich sei. Wie meinst du das?
Wir sind extrem privilegiert in der Schweiz. Du kannst eine Ausbildung machen, unser Sozialsystem ist gut und man hat auf kleinstem Raum alles zum Glücklichsein. Das ist aber auch der Fluch: Es spornt nicht an, etwas Ausgefallenes zu machen oder Träume zu verfolgen. Finanziell ist man so verwöhnt, dass man das nicht anstreben muss.

Wie verdienst du deinen Lebensunterhalt?
In der Schweiz habe ich als freier Journalist und danach als Produzent bei Ringier gearbeitet. Jetzt in London habe ich einen Brotjob bei einer Medienagentur, die für den Versand von Werbespots zuständig ist. Glücklicherweise arbeiten wir im Schichtbetrieb, so habe ich daneben Zeit, um andere Projekte zu verfolgen. Mit meinen kreativen Arbeiten habe ich noch kein Geld verdient. Im Gegenteil: Für eine Ausstellung muss man teilweise auch bezahlen. Jeder Quadratzentimeter in London ist umkämpft.

Wie bist du auf die Musik gekommen?
Mein Vater war als Musiker bei Span, so gab es bei uns daheim immer Musik. Ich habe mit Klavier angefangen, aber das war mehr ein Muss und ich hatte teilweise fast Angst, in den Unterricht zu gehen weil ich nicht oft genug geübt hatte. Später habe ich mit Texten angefangen, zuerst ohne Melodien, aber strukturiert wie ein Popsong. Ein Produzent gab mir die Möglichkeit, etwas aufzunehmen und da wusste Ich: Das ist das Coolste, was ich je gemacht habe.

Wie entstehen deine Songs?
Ideen, die ich unterwegs habe, notiere ich mir. Text und Melodie kommt meist gleichzeitig. Wirklich umsetzen kann ich es aber erst, wenn ich mich hinsetze. Ich schreibe meist zu Hause in Highbury and Islington in meinem winzigen Zimmer, wo ich die Heizung noch nicht begriffen habe (lacht).

Wenn du deinen Stil beschreiben müsstest, wer kommt dir am nächsten?
Vergleichbar bin ich vielleicht mit Radiohead, mit 90-er Pop gemischt. Ich finde es schwierig eine Schublade zu finden, doch ich wage einen Gesamtansatz. Das heisst, ich schreibe die Lieder selber und mache die Videos selber.

Du arbeitest mit einem Produzenten, der auch bei U2 oder Dido mitgewirkt hat. Dein erstes Video ist erschienen und ein Album ist in der Pipeline. Wie geht es weiter?
Das Wichtigste ist momentan, dass ich mit den Konzerten hier in London beginnen kann. Ich bin mit interessanten und motivierten Leuten in Kontakt und denke, dass wir bald mit der Umsetzung beginnen. Sonst geht es gewohnt weiter: Ich hatte Stimmbildung in der Schweiz, danach in Kanada und für die neuen Aufnahmen habe ich ein Coaching bekommen, bei dem ich gelernt habe, viele Emotionen reinzubringen. Auch werde ich nie aufhören zu schreiben, obwohl ich über 40 Songs fertig habe. Das ist wichtig für den Bezug zu den alten Liedern und um in Bewegung zu bleiben. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.01.2014, 14:12 Uhr

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Kidd Feather

Kidd Feather Der Berner Künstler versucht sein Glück in London.

Zur Person

Kidd Feather verliess Bern mit 24 Jahren und nach Zwischenhalten in Kanada und Frankreich wohnt er seit acht Monaten in London. Als Künstler wagt er sich an einen Gesamtansatz: Musik, Film, Fotografie und Kunst (siehe Instagram). Auf seiner Homepage führt er eine Art Videotagebuch, worin der Zugang zu seinen Liedern vereinfachen will. Diese «visual Notes» bezeichnet er als kreatives Ventil, da er hier vom Text, über Film, Melodie und Schnitt alles selber macht. cla

Visual Note 1



Weiter Folgen auf der Homepage www.kiddfeather.com.

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