Bern

«Wenn alles schwingt, ist es wunderbar»

BernAm Sonntag feiert der Berner Bach-Chor sein 50-Jahr-Jubiläum. Das Konzert findet im Gedenken an den kürzlich verstorbenen Chorgründer Theo Loosli statt. Zwei langjährige Chormitglieder erinnern sich.

Grosser Auftritt im Berner Kultur-Casino: Der Berner Bach-Chor mit seiner Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer.

Grosser Auftritt im Berner Kultur-Casino: Der Berner Bach-Chor mit seiner Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer. Bild: Sava Hlavacek/zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Theo Loosli hat den Berner Bach-Chor bis 2013 geleitet. Vor kurzem ist er 83-jährig gestorben. Womit wird er Ihnen in ­Erinnerung bleiben?
Esther Schär (61): Er hat sich oft mit der Hand durchs Haar gestrichen, auch während des Dirigierens. Das war eine typische Geste.
Elisabeth Röthlisberger (58): «Das schönste Instrument ist die Stimme», hat er immer gesagt. Auf differenzierte Gestaltung der Choräle legte er besonderen Wert. Er sagte oft: «Die Worte müssen von innen kommen.»

Welches Werk verbinden Sie am meisten mit Theo Loosli?
Röthlisberger: Die Johannespassion von Bach. Wir haben sie mit ihm 25-mal aufgeführt, etliche Male auch in Italien.

Wie haben Sie Theo Loosli als Chorleiter erlebt?
Schär: Er war ein guter Pädagoge. Er hat uns oft gelobt, das hat motiviert. Er war eher ein stiller Mensch. In der Musik ist er völlig aufgegangen. In den Chorproben hat er oft die Werke erläutert und uns mit seinen Geschichten zum Lachen gebracht.
Röthlisberger: Der Chor war sein Leben und sein Kind. Das hat man gespürt. Er wurde nie wütend, er führte mit Geduld. Bei den Konzerten hat er sich so verausgabt, dass ein Hemdwechsel in der Pause nötig war.

Wie liefen die Proben damals ab?
Röthlisberger: Erst gab es ein kurzes Einsingen, danach sind wir sofort in die Registerprobe gegangen. Theo Loosli hatte immer mindestens drei Assistenten, von denen jeder ein Register, also eine Stimmlage, übernommen hat. Nach der Halbzeit kamen wir alle wieder zusammen zur Gesamtprobe. Dies war Looslis Rezept. So konnten wir direkt das tolle Ergebnis hören, das war sehr motivierend.

Haben Sie die Chorproben auch mal geschwänzt?
Röthlisberger: Ja, manchmal. Schär: Manchmal ging es nicht anders, wenn ich als Pflegefachfrau Nachtwache hatte. Wenn man weniger als 80 Prozent bei den Proben anwesend war, musste man Theo Loosli persönlich vorsingen, weil er sichergehen wollte, dass jeder das Werk beherrscht.

Der Bach-Chor hat immer wieder Konzerte im Ausland gegeben, vor allem in Italien. Wie ­liefen diese Reisen ab?
Röthlisberger: Theo Loosli hatte ja in Italien Geige studiert und dadurch gute Beziehungen in diesem Land, was uns immer wieder Engagements einbrachte. Ich habe diese Reisen in bester Erinnerung, sie haben das Gemeinschaftsgefühl gefördert. Wir hatten immer viele Paare im Chor, so manche Liebe ist auf diesen Reisen entstanden. (lacht)
Schär: Ein Highlight war das Konzert in der Arena di Verona 1984, als wir die 9. Sinfonie von Beethoven auswendig gesungen haben.

Um Looslis Nachfolge zu regeln, wurde ein regelrechtes Casting veranstaltet. Wie haben Sie ­diese 2 Jahre erlebt?
Schär: Das war interessant. Vier Dirigenten und eine Dirigentin waren im Rennen und haben mit uns ein Werk einstudiert und danach ein Konzert gegeben. Das Gute war, dass der Chor entscheiden konnte, welchen Dirigenten er wollte.

Warum haben Sie sich für Lena-Lisa Wüstendörfer entschieden, die den Chor seit 2015 leitet?
Röthlisberger: Ich habe sie gewählt, weil sie uns mit klarem Dirigieren gut führt und viel Wert auf Dynamik legt. Schön, dass sie jung und eine Frau ist. Sie hat neuen Schwung in den Chor gebracht.
Schär: Dank ihr sind nun auch einige junge Chormitglieder neu dazugestossen.

Wie ist Wüstendörfer als Chorleiterin?
Röthlisberger: Sie ist sehr ehrgeizig, manchmal müssen wir eine Passage 20-mal wiederholen. Schär: Ja, sie ist streng und diszipliniert, aber genial, frisch und dynamisch.

Warum singen Sie?
Schär: Weil es mich erfüllt und bereichert. Ich könnte nicht ohne das Singen sein. Es macht Spass, ein Werk einzuüben und dann zu erleben, wie es am Schluss klingt.
Röthlisberger: Ich werde an Konzerten eins mit dem Chor, dem Orchester, dem Werk und dem Raum. Wenn alles zu schwingen beginnt und die Musik am ganzen Körper erlebt wird, ist es wun­derbar.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 13.05.2017, 08:25 Uhr

Seit über 30 Jahren Teil des Bach-Chors: Elisabeth Röthlisberger und Esther Schär (v.l.). (Bild: Andreas Blatter)

Artikel zum Thema

Theo Loosli, eine prägende Figur für Bern, ist gestorben

Bern Er hat das Berner Musikleben während Jahrzehnten mitgestaltet. Nun ist Theo Loosli, Gründer und bis 2013 Leiter des Berner Bach-Chors, 83-jährig gestorben. Mehr...

«Gegen Lampenfieber hilft mir Schokolade»

Lena-Lisa Wüstendörfer ist die aufstrebende Dirigentin aus der Schweiz. Seit Februar 2015 leitet die 32-Jährigeden Berner Bach Chor. Am nächsten Wochenende dirigiert sie Mendelssohns Oratorium «Paulus» im Casino. Mehr...

«Mir ist wichtig, dass der Bach-Chor in gute Hände kommt»

Theo Loosli hat das Berner Musikleben während Jahrzehnten geprägt. Am Sonntag dirigiert er im Kultur-Casino sein letztes Konzert als Leiter des Berner Bach-Chors. Mehr...

InfoboxBerner Bach-Chor

Elisabeth Röthlisberger (58) und Esther Schär (61) aus Kaufdorf sind seit rund 40 Jahren Mitglieder im Berner Bach-Chor. Theo Loosli, der kürzlich verstarb, gründete den Chor vor 50 Jahren und brachte ihn zu beachtlichem Erfolg.

Das Gesangsensemble sang über 100 Werke und gab in der Schweiz und im Ausland rund 400 Konzerte. Theo Loosli trat 2013 80-jährig zurück, seit 2015 dirigiert die 34-jährige Lena-Lisa Wüstendörfer den Chor. Am Jubiläumskonzert morgen Sonntag bringt der Berner Bach-Chor «Magnificat» von Bach und die 9. Sinfonie von Beethoven zur Aufführung. Begleitet wird er vom Orchestra of Europe. mk

Konzert: Sonntag, 14. Mai, 17 Uhr, Kultur-Casino, Bern.

Kommentare

Blogs

Mamablog Tigerhai-Mama am Beckenrand

Geldblog Teilzeitarbeit wird zur Vorsorgefalle

Die Welt in Bildern

Prinzessin auf der Rose: Während des jährlichen Seerosenfestes in Taipeh posiert ein Mädchen auf einem der gigantischen Exemplare für ein Foto. (16.August 2018)
(Bild: Tyrone Siu) Mehr...