«Es kann alles ganz anders herauskommen»

Paavo Järvi, der künftige Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters, startet die Zusammenarbeit schon jetzt – in Zürich und auf einer Asientournee.

«Ein Orchester ist keine Schule, sondern eine künstlerische Organisation»: 
Paavo Pärvi, esthnischer Dirigent und ab 2019 Tonhalle-Chefdirigent, während der Probe in der Tonhalle Maag in Zürich. Bild: Thomas Egli

«Ein Orchester ist keine Schule, sondern eine künstlerische Organisation»: Paavo Pärvi, esthnischer Dirigent und ab 2019 Tonhalle-Chefdirigent, während der Probe in der Tonhalle Maag in Zürich. Bild: Thomas Egli

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Die Tonhalle-Konzerte nächste Woche sind die ersten, die Sie dirigieren seit Ihrer Wahl als Chefdirigent. Nervös?
Aufgeregt, im positiven Sinn. Excited. Ich freue mich sehr, zu sehen, wie das klappt und klingt.

Liszt und Mahler, Debussy, Rachmaninow und Brahms: Sie spielen sehr viel verschiedenes. Ist das ein Test? 
Nein, das hat vor allem damit zu tun, dass wir danach auf Tournee gehen. Da hat man immer mehrere Programme dabei, die muss man vorbereiten. Aber klar, die vielen unterschiedlichen Werke sind schon spannend. Nicht als Test. Sondern um einen Weg zu finden, wie wir zusammenarbeiten.

Sie haben das Orchester bisher erst zweimal dirigiert. Ist es da kein Risiko, gleich Chef zu werden?
Es ist ein Neuanfang, und der führt immer in unbekannte Gebiete. Aber als Risiko würde ich das nicht bezeichnen. Das letzte gemeinsame Konzert ist noch nicht lange her, und ich hatte den sehr starken Eindruck, dass wir gut zusammenpassen.

Ihr Vorvorgänger David Zinman hatte in Sachen Orchestererziehung eine ganz ähnliche Taktik wie Sie in Bremen: Er hat ein Orchester mit einem Beethoven-Zyklus aus der Krise geholt. 
Es könnte sein. David Zinman hat sicher ein sehr starkes Fundament gelegt hier in Zürich; das merkt man daran, wie das Orchester spielt. Aber es ist halt auch einfach sinnvoll, mit Beethoven zu beginnen, überhaupt mit dem klassischen Kernrepertoire.

Weil das die Basis für alles weitere ist?
Klar, das ist der Schlüssel. Natürlich kann man auch mit Spätromantik starten. Aber das ist viel weniger effektiv, denn bei Strauss oder Skrjabin kann man sich sehr gut verstecken. Bei Haydn oder Beethoven geht das nicht, da ist alles exponiert, und man hört wirklich, wo ein Orchester steht. Darauf kann man dann alles weitere aufbauen. Wobei ich das jetzt gar nicht so pädagogisch meine. Ein Orchester ist keine Schule, sondern eine künstlerische Organisation. Es geht einfach darum, eine Basis zu finden, von der aus man Dinge entwickeln kann.

Und was wollen Sie entwickeln? 
Ich finde jede Art von Vorhersage gefährlich. Man kann noch so viel planen, es kann doch alles ganz anders herauskommen – weil etwas Unerwartetes geschieht, weil sich der Fokus ändert. Es geht mir eher um den Prozess, wie man weiterkommen kann, nicht um ein hypothetisches Ziel. Das Wichtigste ist für mich, eine Atmosphäre zu schaffen, in der man seriös arbeiten kann und dabei Spass hat. Das ist ja auch schon fast ein Ziel.

Welche Liga peilen Sie an? Seit Ihrer Wahl träumen manche in Zürich schon von den Berliner Philharmonikern.
Ich bin immer misstrauisch gegenüber solchen Vergleichen. Es geht darum, die eigenen Stärken zu finden. Wir sollen so gut werden, wie wir werden können. 

Sie sind Chefdirigent in Bremen und Tokio, dazu haben Sie Ihr Festival in Pärnu, nun Zürich. Wann wird es Ihnen zu viel?
Diese Frage stelle ich mir allmählich selbst... Aber es ist ja nicht so, dass man startet mit dem Ziel, drei Chefposten zu sammeln. Es ergibt sich einfach, wenn Angebote kommen, zu denen man nicht Nein sagen kann. Dann muss man abschätzen, wie viel man arbeiten will, wie viel man gut machen kann. Das ist mein Kriterium: Ob ich etwas gut genug machen kann. Und bisher haben sich meine verschiedenen Stellen immer sehr gut ergänzt. Beim Orchestre de Paris habe ich sehr viel französisches Repertoire gemacht, viel Spätromantik; bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen dagegen steht das klassische und das frühromantische deutsche Repertoire im Zentrum.

Und in Tokio? Sie waren eben dort und haben auf Twitter jede Menge japanische Meldungen verbreitet...
Wir leben in der Ära von Google Translate, ich verstehe also schon, was ich da retweete. Meist sind es Ankündigungen: Das NHK Symphony Orchestra hat erstmals Sibelius' «Kullervo» gespielt, wir haben die japanische Erstaufführung von Carl Orffs «Tanzende Faune» gemacht. 

Ist es anders, ein japanisches Orchester zu leiten als ein europäisches?
Sehr anders. Ein Orchester spiegelt ja immer die Gesellschaft, in der es lebt. Und die Werte in Japan sind nun einmal anders als in Europa, traditioneller vielleicht. Man merkt es an der Art, wie die Menschen aufeinander reagieren, an ihrem Verhältnis zu Hierarchien. Oder an jenem zur Genauigkeit: Ein japanisches Orchester ist besessen von der Präzision; alles muss exakt zusammen sein, in perfekter Intonation. Einem europäischen Orchester ist Präzision auch wichtig, aber es geht mehr auch um Spontaneität, um Flexibilität. Beim NHK Symphony Orchestra kommt dazu, dass jedes Konzert im Fernsehen und am Radio übertragen wird; da gibt es ein starkes Bedürfnis, eine ganz sichere Basis zu haben. Ein Orchester, das nicht ständig aufgezeichnet wird, hat vielleicht weniger Probleme mit Fehlern.

Dann haben Sie also einen Jetlag nicht nur von wegen der Zeitverschiebung, sondern auch wegen der anderen Arbeitsweise?
Ja, man muss anders arbeiten. Aber hier wie dort geht es darum, dass Vertrauen entsteht und wächst, dass man irgendwann nicht mehr alles sagen muss. Es braucht Zeit.

In Zürich starten Sie in der Tonhalle Maag. Sehen Sie das als eine Chance oder eher als ein Problem?
Es ist eine Realität. Und die Tonhalle Maag ist eine wirklich gute Alternative; ich mochte den Saal, als ich im Januar mit dem Estonian Festival Orchestra dort war – auch die Umgebung ist attraktiv. Und von der Aufmerksamkeit her ist die Konstellation geradezu ideal: Wir haben die schöne Gelegenheit, im nächsten September in der Maag offiziell unsere Zusammenarbeit zu beginnen – und dann ein Jahr später auch noch den renovierten Saal zu eröffnen. Das passt doch.

Konzerte in der Tonhalle Maag: 10.–12.10.; Informationen unter www.tonhalle-orchester.ch. Tournee nach Peking, Shanghai, Taipeh und Seoul: 24.10.–3.11. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.10.2018, 18:17 Uhr

Paavo Järvi

Geboren 1962 im estnischen Tallinn als Sohn des Dirigenten Neeme Järvi, hat Paavo Järvi in seiner Heimatstadt Schlagzeug und Dirigieren studiert. Später wurde er in den USA Schüler von Leonard Bernstein. Seine Karriere als Chefdirigent begann 1995 in Stockholm. 2004 kam er zur Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die unter seiner Leitung einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt hat. 2011 hat er in der estnischen Hafenstadt Pärnu ein Festival gegründet, an dem sich Studenten, erfahrene Musiker und ihr Publikum in familiärer Atmosphäre treffen. Seit 2015 leitet er auch das NHK Symphony Orchestra in Tokio. Im Herbst 2019 wird er Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters. (suk)

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