Einsame Wölfe, knorrige Kerle

Ein Drama, das aussieht wie ein Western: Im ambitionierten Langspielfilmdebüt «Die Einzigen» der Berner Regisseurin Maria Sigrist glänzen die Darsteller. Die Story aber ist dünn.

«Du bisch dr Sohn vom Moschti!»: Die Muotathaler begegnen im Film «Die Einzigen» dem verlorenen Sohn aus Deutschland mit Misstrauen.

«Du bisch dr Sohn vom Moschti!»: Die Muotathaler begegnen im Film «Die Einzigen» dem verlorenen Sohn aus Deutschland mit Misstrauen. Bild: Daniel Winkler

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Er ist Unternehmensberater. Jung. Reich an Erfolg, Geld und gutem Aussehen und auch ein bisschen besessen von alledem. Jetzt ist Jan Keplitz (Johannes Franke) in seinem Audi S5 unterwegs. Er fährt von einem Meeting in Mailand zurück nach Frankfurt, wo er lebt und arbeitet. Er denkt, die Zeit reiche für einen Zwischenstopp im Innerschweizer Dorf Muotathal. Dort muss er eine Angelegenheit regeln. Sein ihm unbekannter Vater ist tot, umgekommen auf einer Skitour, eine Lawine. Und Jan ist der ­gesetzliche Erbe. Sein Vater vermacht ihm eine stillgelegte Schreinerei. Ein paar Formulare unterschreiben, schnell wieder verschwinden. So stellt sich Jan den Stopp in der Schweiz vor. Es kommt anders.

In der letzten Kurve vor dem Dorf überfährt Jan fast ein düster gekleidetes und geschminktes Mädchen, das plötzlich mitten auf der Strasse steht. Kurze Zeit später gerät er mit dem Dorfpolizisten aneinander, der aussieht wie ein Sheriff aus dem Wilden Westen, ihm den Autoschlüssel klaut und das Erbe streitig machen will. Jan sitzt fest, im Dorf reden alle über ihn: «Du bisch dr Sohn vom Moschti!» Bald erfährt er, dass die Mutter des düsteren Mädchens mit seinem Vater auf der Skitour war, ebenfalls tot ist und dass das Mädchen seither nicht mehr spricht. Und als wäre das noch nicht genug, fängt Jan ein Techtelmechtel mit dessen älteren Schwester an.

Einsame Wölfe

Die 32-jährige Berner Regisseurin Maria Sigrist hat aus diesem Stoff ihren ersten Langspielfilm gemacht. «Die Einzigen», produziert von SRF und der Zürcher Tilt Production, ist ein Drama, eine Art Western auch, der in einer Schweiz spielt, in der man in der Freizeit jasst oder säuft oder am Grümpelturnier Fussball spielt und erst nachher wieder jasst und säuft.

Es gibt viele einsame Wölfe im Muotathal dieses Films, knorrige Kerle, hinterlistige auch. Es geht ums Verlassenwerden, ums Einsamsein. Und es geht darum, wie man Verluste überwindet und wieder ins Leben mit anderen ­zurückfindet. «Die Figuren verhalten sich wie verletzte Tiere», sagt die Regisseurin. «Sie fauchen, wenn ihnen jemand zu nahe tritt. Im Laufe der Geschichte müssen sie sich ihren Ängsten stellen. Sie lernen, sich zu öffnen und anderen Menschen zu vertrauen.»

Klingt alles vielversprechend? Ja, sehr. Und ja, die Schauspieler machen ausnahmslos einen hervorragenden Job, allen voran Noëmi Steffen, ebenfalls aus Bern, die Julia spielt, die grosse Schwester des düsteren Mädchens. Sie füllt ihre Figur, die eigentlich in tiefer Trauer versinkt, mit einer derart trotzigen Fröhlichkeit aus, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. Und ja, die Bilder aus diesem wunderlichen Dorf sind ausnahmslos schön, manchmal auch schaurig schön.

Das Problem von «Die Einzigen» ist ein grundlegendes: Die Story ist dünn, zu dünn für einen abendfüllenden Spielfilm. Nach 20 oder 30 Minuten ahnt man, wie das mit Jan und den anderen ausgehen könnte. Und etwa so geht es dann auch aus. Das nervt.

Elementare Fragen

Dass in der Zwischenzeit elementare Fragen nur andeutungsweise beantwortet werden, nervt noch mehr. Zu gern würde man etwa erfahren, wieso Jan seinen Vater nie kennen gelernt hat. Und wie er als Kleinkind aus dem Kaff Muotathal wegkam, in die Weltstadt Frankfurt.

Sie habe das Skript «praktisch schon aufgegeben», sagt Drehbuchautorin Martina Clavadetscher, die dieses Jahr mit ihrem Roman «Knochenlieder» für den Schweizer Buchpreis nominiert war. Dann habe sich SRF gemeldet und ihr «auf eindrückliche Weise» verdeutlicht, dass man an den Stoff glaube. Es war eine eindrückliche Fehleinschätzung.

«Die Einzigen»: Mittwoch, 13. Dezember, 20.10 Uhr, SRF 2. Trailer: Youtube (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.12.2017, 12:56 Uhr

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