Das unendliche Geschichtlein

Das «Guetnachtgschichtli» ist für viele kleine ­Kinder der erste TV-Fixpunkt ihres Lebens. Es liegt in der Macht von SRF-Mann Marek Beles, was sie dort sehen.

Tun Dinge, die sie eigentlich nicht dürfen: Die Schafe aus der «Guetnachtgschichtli»-Reihe «Shaun das Schaf» sehen süss aus. Sie haben es aber faustdick hinter den langen Ohren. Quelle: Youtube


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kian ist zwanzig Monate alt. Bevor er ins Bett geht, darf er fernsehen. Sieben Minuten. So kurz sind die Trickfilme, die im «Guetnachtgschichtli» auf SRF 1 laufen. Kian liebt «Kater Miro» über alles. Er nennt das blaue Tier Mimi. Mit dem «Giggelibug», einem komischen Käfer aus Finnland, kann er gar nichts anfangen.

Es liegt, ein wenig zugespitzt ausgedrückt, in der Macht von Marek Beles, was sich Kian und im Schnitt etwa 20'000 andere Kinder in der Schweiz jeden Tag im Fernsehen anschauen. Der 41-jährige Regisseur und Produzent ist bei Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) im Bereich Junge Zielgruppen für das «Guetnachtgschichtli» zuständig. «Mascha und der Bär», «Shaun das Schaf», «Flapper & Fründe» und, und, und.

260 kurze Filme verantwortet Beles pro Jahr. Jeweils 26 sind neu, der Rest Wiederholungen. Sprechen die Figuren, werden die Episoden auf Schweizerdeutsch synchronisiert. Den Job übernehmen in der Regel Schauspieler. Bei «Kater Miro» zum Beispiel ist die Stimme von Fabienne Hadorn zu hören, die als Spurensicherungschefin Corinna Haas aus dem Schweizer «Tatort» bekannt ist.

Klassische Werte

Es gibt strenge Kriterien, die eine Trickfilmreihe erfüllen muss, damit sie «Guetnachtgschichtli» werden kann. Wichtig ist SRF, dass in den Filmen klassische Geschichten erzählt werden, denen schon 3-Jährige folgen können. Es darf keine bösen Figuren geben, Gewalt ist tabu.

Die gezeichneten, computeranimierten oder modellierten Helden werden dafür mit alltäglichen, lösbaren Problemen konfrontiert. Das ­Bärenmädchen Bea zum Beispiel hat in einer Folge von «Kater ­Miro» einen fürchterlichen Schluckauf. Ihre Freunde versuchen, ihr zu helfen. Mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln.

Hilfsbereitschaft, respektvoller Umgang zwischen Mensch und Tier, die Bedeutung von Freundschaften: Das «Guetnachtgschichtli», das – unter verschiedenen Namen – seit 1968 am Schweizer Fernsehen läuft, vermittelt seit je klassische Werte. Edukative Formate dagegen, zum Beispiel Farben- oder Zahlenlernfilmchen, sind keine «Gschichtli» und kommen für die Sendung nicht infrage.

Gruslige Szenen

Er habe das ideale Testpublikum zu Hause, sagt Marek Beles, der Herr über das «Guetnacht­gschichtli». Seine 3-jährige Tochter dürfe sich jeden Tag zwei Folgen zu Gemüte führen. Und sie komme jeweils in den Genuss, sich neue Serien anzuschauen, bevor sie ins Programm aufgenommen werden. Wenn im «Guetnacht­gschichtli» eine neue Serie anläuft, bekommt Beles Feedback.

Mit Abstand am meisten lese er in E-Mails von Eltern und Grosseltern, dass sich Kinder wegen einzelner Szenen fürchten würden. In solchen Fällen visioniert er eine beanstandete Folge, die er bereits als unbedenklich eingestuft hat, noch einmal. Es kommt vor, dass er eine Episode «sperrt». Sie wird dann nicht mehr gezeigt, wenn die Serie wiederholt wird.

Im März gerade hat er eine Episode von «Shaun das Schaf» aus dem Programm genommen, in der es im Schafstall spukt. Die dramatische Musik und die Darstellung eines geschnitzten Kürbiskopfs haben einige Kinder verängstigt. Meistens seien es banale Dinge, die zur Sperrung einzelner Folgen führen würden, sagt Beles. Dinge, von denen man als Erwachsener nie vermuten würde, dass sie furchteinflössend sein könnten. Seine Tochter zum Beispiel habe sich selten so gefürchtet wie in jener «Giggelibug»-Szene, in der ein Bär von Mücken gestochen wird.

Irrelevante Quoten

Beles erfährt regelmässig die aktuellen Einschaltquoten für das «Guetnachtgschichtli». Um die 20'000 Zuschauer schauen sich die Filmchen an, der Marktanteil beträgt zwischen 3 und 5 Prozent. Und nicht jede Serie kommt gleich gut an: «Kater Miro» zum Beispiel lockte im letzten Jahr im Schnitt halb so viele Zuschauer vor den Fernseher wie der russische Welterfolg «Mascha und der Bär».

Das bedeute aber nicht, dass «Miro» nun aus dem Programm gekippt werde, sagt Beles. Quoten seien für das «Guetnachtgschichtli» nicht relevant. «Viel wichtiger ist das Feedback der Eltern.»

Und Kian? Er hat kürzlich zum ersten Mal «Shaun das Schaf» gesehen. Vor dem Schlafengehen sagt er «Schonschaf». Er schaut sich eine Folge an. Dann sagt er: «Itz Mimi.» Er sagt es sehr bestimmt. Kian darf sich jetzt jeden Tag zwei «Guetnachtgschichtli» reinziehen.

«Guetnachtgschichtli»: Montag bis Freitag, 17.30 Uhr, SRF 1. Online: www.srf.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.05.2017, 15:48 Uhr

«Das ‹Guetnacht­gschichtli› vermittelt klassische Werte», sagt Marek Beles vom SRF.

Bitte in Begleitung

SRF empfiehlt, Kinder bis 6 Jahre ausschliesslich in Begleitung fernsehen zu lassen. «Es ist uns wichtig, dass Eltern mitschauen, die Fragen beantworten oder bei Szenen, die den Kindern nicht gefallen, reagieren», sagt Marek Beles, der bei SRF im Bereich Junge Zielgruppen für das «Guetnachtgschichtli» zuständig ist. «Kinder im Vorschulalter können noch nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Alles, was auf dem Bildschirm läuft, findet unmittelbar im Wohnzimmer statt.»

Artikel zum Thema

Zeit für Tubby-Winke-Winke!

Von Kritikern weltweit verteufelt, von Kleinkindern vergöttert: die TV-Serie «Teletubbies». Der Kindersender Kika zeigt neue Folgen. Vier wissenswerte Punkte rund um die plüschigen Nervensägen Tinky-Winky, Dipsy, Laa-Laa und Po. Mehr...

Dinner for Shaun

Der Serienjunkie im Gespräch mit einem Kind, oder: Wenn die Lieblingsserie keine Serie und der Lieblingsfilm kein Film ist. Mehr...

Guetnachtgschichtli ist wieder da

Umfrage vom 28. Februar Das legendäre Guetnachtgschichtli auf SF ist wieder zurück. Das Bettmümpfeli für Kinder wird jeweils 17.30 Uhr ausgestrahlt. Start ist am Mittwoch mit "Dominik Dachs und die Katzenpiraten". Die Mehrheit der Leser freuts, sie finden das Guetnachtgschichtli durchaus noch zeitgemäss. Mehr...

Service

Mitdiskutieren, teilen, gewinnen.

News für Ihre Timeline.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Paris und die korsische Frage

Michèle & Friends Die grosse Kälte

Die Welt in Bildern

Von Mitstreitern umkreist: Die «Rainbow Warrior» von Greenpeace bei einer Protestaktion gegen ein Kohleprojekt im Golf von Thailand. (21. Mai 2018)
(Bild: Arnaud Vittet/EPA) Mehr...