Wird sie die Königin der Landfrauen?

Am Samstagabend wird Sonja Schilt aus Iseltwald am Brienzersee von den TV-Zuschauern vielleicht zur «Landfrau des Jahrzehnts» gekürt. Dabei will sie diesen Titel gar nicht.

Idylle in Iseltwald: «Landfrauenküche»-Siegerin Sonja Schilt (33) füttert vor dem Hof ihre Esel Herbi, Nina und Geri. Im Hintergrund der Brienzersee.

Idylle in Iseltwald: «Landfrauenküche»-Siegerin Sonja Schilt (33) füttert vor dem Hof ihre Esel Herbi, Nina und Geri. Im Hintergrund der Brienzersee. Bild: Markus Hubacher

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Am 5. November 2016 um kurz nach 22 Uhr übernimmt eine neue Königin das Land. Sonja Schilt regiert von nun an, kulinarisch wenigstens. Das sagt Nik Hartmann, der Moderator. Schilt, 33-jährige Biomilchbäuerin und dreifache Mutter aus Iseltwald, hat gerade die zehnte Staffel der TV-Show «Landfrauenküche» gewonnen.

Es gibt eine Party. Bis halb sechs Uhr morgens zieht Schilt mit den unterlegenen Kandidatinnen durch die Häuser, am Schluss leeren sie gemeinsam die Minibar im Hotelzimmer. Sie ist überrascht, gerührt auch, stolz natürlich, auch wenn sie das nicht so ganz zugeben mag. Sie habe gedacht, nach der Finalsendung sei die Sache vorbei, sagt Schilt heute. Dabei sei sie erst dann losgegangen.

Ja, Sonja Schilt ist eine Königin seit diesem 5. November. Sie bekommt über hundert Briefe von Fans. Sie posiert für Fotos, manchmal mit Unbekannten, die extra nach Iseltwald fahren, um ihren Hof anzuschauen und den Käse zu kaufen, der dort hergestellt wird. Eine Autogrammstunde gibt es mit ihr, am Weihnachtsmarkt in Habkern. Die Leute stehen Schlange. Vorher muss sie ihre Unterschrift üben. Dann kommt, natürlich, die «Schweizer Illustrierte» zu Besuch, und die «Glückspost» auch.

Der grosse Tag

Und jetzt ist er da, der ganz grosse Tag. Am Samstagabend kürt SRF in einer Liveshow die «Landfrau des Jahrzehnts». Schilt tritt gegen die neun vorherigen Staffelsiegerinnen an. Wer hier gewinnt, ist die Königin der Königinnen.

Das alles sei ein bisschen viel, und als Königin sehe sie sich gar nicht, sagt Sonja Schilt. Sie sitzt jetzt am Küchentisch ihrer Wohnung in Iseltwald, durchs Fenster sieht man den Hof auf der an­deren Strassenseite. Der Betrieb der Familie. 19 Kühe, 27 Hektaren Land. Im Sommer, wenn die Kühe auf der Alp sind, können Touristen hier im Stroh schlafen. Etwas weiter unten glitzert der Brienzersee. Drei Esel streifen durch den verschneiten Garten. Einer heisst Geri, die Schilts haben ihn nach einem SRF-Kameramann benannt, weil er genau dann zur Welt gekommen ist, als das Fernsehteam bei ihnen die Sendung aufgezeichnet hat.

Es sieht alles sehr nach heiler Welt aus hier, und so sieht auch die «Landfrauenküche» aus. Man sieht Bäuerinnen auf der Alp, Bäuerinnen mit glücklichen Familien, Bäuerinnen mit Kühen oder Hunden oder Rössern, alles umrahmt von Landschaften wie auf Postkarten, und dann sieht man manchmal eine Bäuerin, wie sie hinter dem Hof gemütlich ein Bierchen trinkt mit ihrem Mann oder wie die Kinder ihren Schulweg durch malerische Dörfer unter die Füsse nehmen. Oft tragen die Bäuerinnen Tracht.

Jede Kandidatin bereitet ein Menü zu, die Konkurrentinnen bewerten es. In der Show geht es ums Kochen, logisch. Aber in der «Landfrauenküche» geht es um mehr, um ein Bild der Schweiz, das es nicht mehr an vielen Orten gibt. Um ein Bild der Schweiz, nach dem sich viele sehnen. Fast 45 Prozent der TV-Konsumenten haben den Frauen bei der letzten Staffel im Schnitt zugeschaut.

In jeder der bisherigen zehn Staffeln waren mindestens 35 Prozent der TV-Zuschauer dabei. 2016 erreichte die «Landfrauenküche» im Schnitt 43,5 Prozent Marktanteil. Die meistgesehene SRF-Sendung ist «Meteo». Sie erreicht zwischen 45 und 50 Prozent der Zuschauer.

Eine Wahnsinnsquote. Vielleicht, sagt Sonja Schilt, sei es genau dieser «Balsam», den die Zuschauer am Freitagabend wollten, wenn der Stress der Woche vorbei sei und man sich bei all dem Leid auf der Welt etwas Gutes tun wolle. «Ponyhof» nennt die 33-Jährige die Sendung manchmal. Sie meint das nur ein bisschen ironisch.

Die passenden Eigenschaften

Larina, die jüngste Tochter, ist auf dem Schoss der Mutter eingeschlafen, sie hat ihren Kopf auf der Tischplatte abgelegt. Die Dreijährige sei nicht ganz fit, sagt die Mutter. Und vielleicht habe sie sich die vielen Geschichten, die die «Landfrauenküche» schon geschrieben hat, auch langsam oft genug angehört.

Sonja Schilt lacht, überhaupt lacht sie viel und oft; aber nie, wenn es keinen Anlass dazu gibt oder aus Verlegenheit. Schilt ist eine selbstbewusste, angenehme, offene Gesprächspartnerin.

Bescheiden, sympathisch, natürlich sei sie, sagt man im Dorf über sie. Und natürlich: naturverbunden und traditionsbewusst. Es sind Eigenschaften, die wunderbar zu einer «Landfrau des Jahrzehnts» passen.

Das klinge alles schön, sagt Sonja Schilt. Aber den Titel wolle sie lieber nicht haben. Sowieso habe sie das alles gar nie richtig gewollt. Sie habe sich auch nie angemeldet für die Show. Eine frühere «Landfrauenküche»-Teilnehmerin habe sie empfohlen. Im letzten Winter sei ein SRF-Mitarbeiter vorbeigekommen, sie habe Menüvorschläge eingereicht, plötzlich habe es geheissen, sie sei dabei. Sie habe überlegt, ihr Mann Beat sei begeistert gewesen. Dann habe sie Ja gesagt.

Dann geht es schnell. Im August wird die Sendung aufgezeichnet. Sonja Schilt kocht formidabel, überall in ihrem Menü sind Edelweisse. Die Alpenblume wird zum Markenzeichen, die Meringues sind in Edelweissform, die Frites auch. Die anderen Kandidatinnen sind begeistert. ‹Nach dem Finale›, denkt sie damals, ‹ist die Sache vorbei.›

Die Sache ist noch lange nicht vorbei. Und vielleicht ist sie es auch nach der Sendung noch nicht. Drei Landfrauen stehen dann im Finale des Finales. Das Publikum entscheidet per Telefonvoting, wer «Landfrau des Jahrzehnts» wird, wer die Königin der Königinnen ist.

Sie sei ehrgeizig, ja, aber ein neuerlicher Sieg wäre wirklich zu viel, sagt Sonja Schilt noch einmal. Um 7.15 Uhr müsste sie als Siegerin am Montagmorgen ein Interview geben. Sven Epiney. Radio SRF 1. Und dann die grosse Homestory, die die «Schweizer Illustrierte» machen will. Die wäre einfach nicht möglich, flüstert Schilt. Dann lacht sie wieder. Sie habe gar keine Badewanne im Haus.

«Landfrauenküche»: Samstag, 20.10 Uhr, SRF 1. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.01.2017, 18:27 Uhr

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