«Ich bin der Einfädler»

Die Legende hat einen neuen Job. In der TV-Show «SRF bi de Lüt – der Problemlöser» hilft Hanspeter Latour (67) Familienbetrieben in der Krise zurück auf die Erfolgsschiene.

Er sorgt für Aufwärtstendenz: Hanspeter Latour  unterstützt in einer neuen TV-Show kriselnde Familienbetriebe.

Er sorgt für Aufwärtstendenz: Hanspeter Latour unterstützt in einer neuen TV-Show kriselnde Familienbetriebe. Bild: Andreas Blatter

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Herr Latour, ist es schwieriger, ein Fussballteam im Abstiegskampf zu übernehmen oder einem Familienbetrieb im Existenzkampf beizustehen?
Hanspeter Latour: Beides ist ein Kraftakt, aber die Ausgangslage ist völlig verschieden: Als Trainer kannte ich in der Regel die Leute, ich wusste, wer die Gegner sind. Das war bei den Familien anders. Ich kam zu Menschen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Ich musste nicht in neunzig Minuten ein Resultat erreichen wie als Trainer im Abstiegskampf, sondern die Weichen für eine langfristige Veränderung stellen.

Wie war das?
Spannend. Ich halte ja seit Jahren Referate vor Geschäftsleuten über Motivation und Führung. Wenn die Vorträge zu Ende sind, ist die Sache für mich in der Regel abgeschlossen. Jetzt konnte ich in der Praxis durchziehen, was ich immer predige.

Ist es überhaupt möglich, im Rahmen einer TV-Show einem Betrieb nachhaltig zu helfen?
Das wird sich erst in einiger Zeit zeigen. Ich bin aber überzeugt, dass ich in allen Fällen einen Anstoss geben und etwas bewegen konnte.

In der Sendung treten Sie als «Problemlöser» auf. Gefallen Sie sich in dieser Rolle?
Ich hätte mich eher den «Einfädler» genannt. Stellen Sie sich vor: Jemand näht etwas, alles ist auf gutem Weg. Dann fädelt plötzlich der Faden aus, alles ist blockiert. Da braucht es einen, der den Faden wieder einfädelt. Und als genau den sehe ich mich. Ich kann vermitteln, ich kann dafür sorgen, dass man gemeinsam vorwärtsschaut.

Muss man mit «normalen» Menschen anders sprechen als mit Fussballprofis?
Nein, weil jeder Mensch ein normaler Mensch ist, ein Unikat, keine Maschine.

Klingt romantisch. Sie können aber nicht behaupten, dass Sie Superstar Lukas Podolski beim 1.FC Köln gleich zugeredet haben wie bei «SRF bi de Lüt» Jenny Widler, die in Bütschwil SG ein Lebensmittellädeli führt.
Doch. Der einzige Unterschied ist, dass jeweils keine Kamera dabei war, als ich mit Podolski gesprochen habe.

Ihnen ist also egal, ob Sie gerade gefilmt werden oder nicht?
Völlig. Schauen Sie sich doch das «Gränni»-Video an, das ja berühmt geworden ist. Wenn ich mit Menschen spreche, blende ich die Kameras seit je komplett aus. Das ist beim «Problemlöser» genauso. Ich war in erster Linie bei den Familien, um ihnen zu helfen – und nicht, um dabei gefilmt zu werden.

Waren Sie bei der Auswahl der serbelnden Betriebe beteiligt?
Nein. Ich hatte ein Vetorecht, von dem ich aber keinen Gebrauch gemacht habe. Als Fussballtrainer konnte ich mir früher auch nicht aussuchen, gegen wen mein Team spielt.

Was nehmen Sie aus der Arbeit bei den Familienbetrieben mit?
Echte Geldprobleme sind nichts Lustiges, das weiss jeder. Aber wenn man selber nicht betroffen ist, bleibt es ein oberflächliches Phänomen. Es war darum gut, vor Augen geführt zu bekommen, was Existenznot in der Schweiz bedeuten kann. Und dabei zu merken, wie gut es einem selber eigentlich geht.

Und was war das Wichtigste, was Sie den Familien auf den Weg gegeben haben?
Bevor die Feinpolitur kommt, muss das Grobe stimmen. Dafür war ich da, ich war der Mann fürs Grobe, ich fädelte ein, ich brachte die Menschen an einen Tisch. Wenn man miteinander spricht und vorwärtsschaut, hilft das schon viel.

SRF betitelt Sie als «Coach der Nation». Ehrt Sie das?
Ob es eine Ehre ist oder nicht, weiss ich nicht. Auf alle Fälle ist es übertrieben (lacht).

Haben Sie schon einmal selbst die Dienste eines Coachs in Anspruch genommen?
Natürlich war ich in meinem Leben um den einen oder anderen Rat froh. Mir wurde nie etwas befohlen, aber viel empfohlen. Davon konnte ich immer profitieren.

Und jetzt gehen Sie in Rente.
1954 habe ich als Siebenjähriger die WM in der Schweiz am Radio verfolgt, den legendären Final in Bern. 60 Jahre später durfte ich die WM in Brasilien mit kommentieren. Einen besseren Zeitpunkt aufzuhören gibt es nicht. Mit meinen Referaten bin ich bis Ende Jahr ausgebucht. 2015 ist Schluss. Dann bin ich pensioniert.

Was ist, wenn YB Sie als Trainer verpflichten will?
Ich sage es verbindlich: Latour und YB-Trainer, das wird es nicht mehr geben. Es gab einen Moment in meiner Karriere, in dem es fast so weit gekommen wäre. Viele Leute denken offenbar noch heute, dass das gut rausgekommen wäre. Lassen wir sie doch in diesem Glauben.

Problemlöser: ab 29.August, jeweils am Freitag, 20.05 Uhr, SRF1. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.08.2014, 12:05 Uhr

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