Hier tanzt die Zukunft

Der Brasilianer Bruno Beltrão hat den zeitgenössischen Tanz aus dem Street Dance neu erfunden. Jetzt tourt sein Erfolgsstück «H3» im Rahmen des Festivals Steps durch die Schweiz.

Jenseits der Regeln des Breakdance: Die Grupo de Rua des brasilianischen Choreografen Bruno Beltrão.

PD

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Eigentlich möchte er nur noch schriftliche Interviews geben. Weil er sich dann besser konzentrieren und bei der Sache bleiben kann. Manchmal macht Bruno Beltrão aber eine Ausnahme. Dann sitzt man einem der gefragtesten Choreografen gegenüber, der wirkt wie ein verträumter Forscher, und kann ihn beim Denken und Abschweifen beobachten.

Bilderbuchkarriere

«Als ich jung war», so setzt er häufig an, wenn er von aktuellen Projekten zu nie verwirklichten Plänen abschweift. Dabei ist Beltrão gerade mal 30 Jahre alt. Er wirkt sogar noch jünger mit seinen grossen, dunklen Augen, dem kahl geschorenen Schädel und der leisen Stimme. Aber er hat schon jetzt eine Bilderbuchkarriere hinter sich. Mit 13 Jahren verschrieb er sich dem Hip-Hop, sechs Jahre später verliess er die Szene abrupt. Dazwischen lagen Preise, TV-Shows und die Gründung der Grupo de Rua, die heute noch so heisst, auch wenn sie mit Strasse nichts am Hut hat. Beltrão hat einen bürgerlichen Hintergrund. Mit der sogenannten Street-Credibility konnte er nichts anfangen. Das ständige Sich-Übertrumpfen in den Battles langweilte ihn irgendwann, die starren Regeln engten ihn ein.

Was ihn interessierte, war die Bewegung. Also begann er mit 20 ein Tanz- und Philosophiestudium und näherte sich dem Breakdance mit dem Interesse eines Forschers. «Ich war ganz besessen davon. Ich wollte jede einzelne Bewegung katalogisieren», erklärt er schmunzelnd, «etwa so wie Darwin die Arten.»

Als ihm klar wurde, dass er dieses Unternehmen nicht in ein, zwei Jahren erledigt haben würde, konzentrierte er sich auf das praktische Experiment. Die Uni gab ihm dazu den geschützten Rahmen. «Mit meinem Tanzpartner entwickelte ich ein Duo, das extrem langweilig, extrem langsam war.» Es war eine Provokation für die Breakdance-Szene, «die alle zehn Sekunden eine spektakuläre Bewegung erwartet» – und es war der Beginn seiner rasanten Karriere als zeitgenössischer Choreograf.

Der Kuss der Tänzer

Beltrão hat die Uni bald verlassen, die Forschung aber konsequent weitergeführt. «Als Erstes habe ich die Musik weggelassen.» Dann kamen Experimente mit dem Raum – der im Breakdance kaum genutzt wird – und dann die Interaktion. «Im Hip-Hop gibt es eigentlich nur Solisten. Die Jungs trainieren zwar zusammen, sie teilen ihre Sachen, aber wenn sie performen, dann berühren sie sich nie!» Also hat Beltrão das Stück «H2» (2005) ganz auf Duos aufgebaut und ging dabei so weit, dass sich die Tänzer in einer ironischen Szene innig küssen.

Doch Beltrão bringt keine Geschichten auf die Bühne, sein Interesse gilt der abstrakten Komposition. Im Folgestück «H3» (2008), das nun in der Schweiz zu sehen ist, arbeitet er viel mit der Drehung. Beltrão zerstückelt die klassischen Breakdance-Bewegungen, setzt sie neu zusammen, verfremdet sie. Mit William Forsythe wird er bereits verglichen, der dieses Verfahren der Dekonstruktion aufs Ballett anwendete. Das Resultat ist ein ungeahnter Reichtum von Bewegungen und Formen, ein ganz neues Vokabular.

Keine Förderung aus Brasilien

Manchen gilt Beltrão als die Zukunftshoffnung für den zeitgenössischen Tanz überhaupt. Dabei vermeidet er das Wort «tanzen», wenn er von seiner Company spricht, aber einen besseren Begriff hat er noch nicht gefunden. Der Tanzszene ist das egal, die Grupo de Rua ist auf allen wichtigen Festivals in Europa präsent. Die Company lebt davon, denn in Brasilien erhält sie keine Förderung. Wenn sie nicht unterwegs sind, verdienen sich die Tänzer ihr Geld mit Workshops, Wettbewerben oder Fernsehshows.

Nun hat Beltrão in Brasilien einen grossen Sponsor für seine Company gefunden. Das bietet ihm vielleicht die Möglichkeit, einen seiner alten Träume zu verwirklichen: ein Haus auf dem Land als Treffpunkt und Arbeitsort. Aber nicht als Schule, denn er hat keine Lust zu unterrichten. «Ich denke nicht, dass ich etwas zu lehren habe. Das ist nicht meine Art.» Er mag die informelle Art, wie Hip-Hopper auf der Strasse ihr Können weitergeben. Alle seine Tänzer kommen aus diesem Umfeld, sie bringen eine unglaubliche Körperbeherrschung mit und haben den Breakdance so verinnerlicht, dass Beltrão sie herausfordern und mit ihnen die Grenzen ausloten kann.

Das Resultat ist nicht nur für Tanzkritiker atemberaubend. Beim Gastspiel in der Basler Kaserne tobte das Publikum derart, dass sich die Performer schliesslich zu einer kleinen Show hinreissen liessen. Nach einer Stunde strenger Choreografie ohne jegliche Hip-Hop-Klischees wirkte das erstaunlich. Für Beltrão war es zwar eine Ausnahme, aber kein Widerspruch: «Die Jungs machen ja beides, Grupo de Rua und Fernsehshows. Und natürlich lieben wir Hip-Hop!»

Die Grupo de Rua spielt heute im Theater Chur und am 10./11. Mai im Theaterhaus Gessnerallee Zürich. Weitere Daten: www.steps.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2010, 22:52 Uhr

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