«Zufriedenheit ist keine künstlerische Kategorie»

Mit einem Jahr Verspätung erscheint der neue Roman von Lukas Bärfuss: «Hagard». Der Autor vertraut darin kühn auf die Macht der Sprache. Ein Gespräch über Maschinen und die schöpferische Kraft der Liebe.

«Denken erfordert Zusammenhänge»: Lukas Bärfuss (45), Autor mit Berner Wurzeln.

«Denken erfordert Zusammenhänge»: Lukas Bärfuss (45), Autor mit Berner Wurzeln. Bild: Claudia Herzog

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Herr Bärfuss, haben Sie ­manchmal den Wunsch, aus Ihrem Leben auszusteigen?
Lukas Bärfuss: Ich mache das ­täglich.

Wie das?
Mit der Literatur. Beim Lesen. Und beim Schreiben ganz ohne Zweifel. Jeder hat eine Imagination, Fantasie, Träume und Erinnerungen. Wir verbringen einen grossen Teil unseres Lebens in unserer inneren Welt. Es gehört zum Menschsein und zum Leben, dass man sich das Leben, das man führt, auch anders denkt.

Das klingt positiv. Ihr Buch war als Geschichte um einen Stalker angekündigt. Führt das nicht auf eine falsche Fährte?
Ich denke vor allem an den Film von Andrei Tarkowski, wenn ich «Stalker» höre, nicht an das asoziale Verhalten, das gewisse Menschen an den Tag legen.

Um was geht es bei dem Film?
Der Stalker ist ein Fährtensucher. Die Geschichte handelt von zwei Männern, die in eine Sperrzone dringen und sich dort einen Weg suchen müssen. Man weiss nicht genau, ob im Zentrum der verbotenen Zone die Verheissung oder die Verdammung auf sie wartet.

Stand dieser Film am Anfang Ihres Romans?
Was steht schon am Anfang! Als junger Mann habe ich die Tarkowski-Filme gesehen. Es waren prägende Erfahrungen. Aber es gibt viele Lebenserfahrungen und künstlerische Erfahrungen, die in dieses Buch eingeflossen sind.

«Es geht mir um unsere Zeit. Um das Bewusstsein, die Mentalität und die Atmosphäre einer gewissen Zeit, eines gewissen Tages, an einem gewissen Ort.»

Sie haben einmal gesagt, ein Roman sei für Sie ein Experimentierfeld. Welcher Frage sind Sie nachgegangen?
Es geht mir um unsere Zeit. Um das Bewusstsein, die Mentalität und die Atmosphäre einer gewissen Zeit, eines gewissen Tages, an einem gewissen Ort. Ich wollte versuchen, einen historischen Blick auf meine Zeit zu werfen. Was natürlich eine ziemliche Anmassung ist.

Wir stützen uns heute stark auf elektronische Geräte. Was sagt das über uns aus?
Das Verhältnis einer Gesellschaft zu ihren Maschinen gibt Aufschluss über ihre Wünsche, Ängste und Träume: Was für Sehnsüchte wir in diese Maschinen projizieren und wozu sie uns dienlich sind, wohin wir sie mitnehmen, was wir alles für sie tun, wie viel sie kosten, wo wir sie benutzen. Grundsätzlich ist das kein Phänomen unserer Zeit. Goethe hat schon geschrieben, das Zeitalter der Eisenbahnen, der Kommunikation und der mittelmässigen Menschen komme. In der Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer taucht die Vorstellung, dass Kommunikation etwas ist, das uns voneinander isoliert, wieder auf. Wenn man das Verhältnis zu Maschinen über einen grösseren Zeitraum betrachtet, indem man es auch anhand eines bestimmten Tages untersucht, ist es möglich, etwas über sich selbst und über seine Zeit zu erfahren.

Was sagt unser Verhältnis zu Smartphones über uns aus?
Man könnte zum Beispiel erfahren, dass es einen wesentlichen Unterschied macht, ob man mit einer Karte aus Papier durch eine Stadt läuft oder ob man sich mit dem sich drehenden Bildschirm eines Smartphones orientiert. Das ist ein kognitiver Unterschied. Die Position von Nord und Süd, die Grösse des Ausschnittes, die Abstraktion ist etwas ganz Spezifisches. Wie auch das Herauslösen und Portionieren der Musik aus dem grösseren Zusammenhang einer CD oder aus einem Konzert. Oder die Art und Weise, wie wir uns kennen lernen, indem wir Profile von uns selbst erstellen. Aber eigentlich interessieren mich die Maschinen nicht. Ich finde es interessant, herauszufinden, was gleich bleibt. Mich interessieren die Menschen und wie sie sich zu ihren Maschinen verhalten.

Wir sind enorm abhängig von der Elektrizität.
Das ist so, in unserer Gesellschaft wird es nach drei Stunden ohne Elektrizität sehr kompliziert. Ohne Strom läuft nichts.

Man ist von der Welt abgeschlossen.
Nein! Das glaube ich nicht. Man ist abgeschlossen, während man Strom hat. Absolut.

«Sobald man keinen Strom hat, merkt man, wie das einen mit der Welt und mit den Menschen verbindet.»

Wie das?
Sobald man keinen Strom hat, merkt man, wie das einen mit der Welt und mit den Menschen verbindet. Es wird notwendig, das Gespräch zu suchen. Ohne das kommt man nicht weiter.

Muss man die Grenze des Anstands überschreiten, damit eine Beziehung entstehen kann?
Wir alle leben nicht allein. Durch die vielen Identitäten, die jeder für sich hat, durch seinen Raum und die Vorstellung, die er sich von sich selbst und von der Welt macht, entstehen ganz viele kleine Zäune – dort, wo der andere beginnt oder wo eine Institution beginnt. Wir passen uns ständig an diese kleinen Territorien an. Meine Figur im Buch hält sich nicht mehr an die Regeln des menschlichen Zusammenlebens. Das ist lebensgefährlich. Es bedeutet aber auch einen ungeheuren Einbruch der Wahrnehmung. Ein neuer Blick auf die eigene Welt ist erst dann möglich.

Gilt das auch für die Liebe?
Man kann das durchaus auch erotisch verstehen. Die Begegnung zweier Menschen ist eine Zu­mutung. Wunderbar ist es, wenn man in seiner Zumutung empfangen wird. Aber es gibt auch die Angst vor der Zurückweisung. Es geht darum, etwas zu wagen. Ich finde es etwas Schönes und Wichtiges, mutig zu sein im Leben.

In Ihrem Buch geht es zentral um das Prinzip des Eros im Sinn einer schöpferischen Kraft.
Das ist doch die Liebe: Wir alle stammen aus der Begegnung zweier Menschen. Dieser Schöpfungsakt bleibt zentral. Und es ist etwas, das uns die Maschinen noch nicht abgenommen haben. Aber natürlich beginnen sie, auf die Zeugung und auf die Kinder, die wir bekommen, Einfluss zu nehmen. Trotzdem bleibt das Begehren in den Menschen. Jedenfalls in mir (lacht).

Der andere Pol ist die Stoa, wie Sie es nennen. Das Kontrollierende.
Es fällt mir schon auf, dass die Zeiten immer prüder werden. Woher das kommt, hat mich interessiert.

Woher kommt es?
Die Konformismen regieren auch in der Liebe. Und die schöpferische Kraft der Begegnung zweier Menschen ist letzten Endes unkontrollierbar. Alles, was unkontrollierbar ist, bleibt eine Gefahr für die Gesellschaft und deshalb interessant. Deshalb spricht die Literatur immer wieder darüber.

«Ich möchte gerne alles schreiben können, was ich sehe, und versuchen, ganz ohne Form und Komposition nur eine Stimme zu haben.»

Sie bringen einen Ich-Erzähler ein, der zwischen fiktiver Figur und Ihnen als realem Autor schwankt. Das war schon im letzten Buch so. Was interessiert Sie daran?
Beinahe hätte ich geantwortet, dass ich es einfach nicht anders kann, aber das wäre eigentlich ­geschäftsschädigend. (Überlegt) Ich möchte gerne alles schreiben können, was ich sehe, und versuchen, ganz ohne Form und Komposition nur eine Stimme zu haben. Diese Stimme kann ganz verschieden sein. Sie kann auch singen. Das ist es. Ich liebe die Ver­änderung, die mit einem passiert, sobald man singt. Man wird jemand anders. Ich singe sehr gerne. Es macht mir auch nichts aus, vor Publikum zu singen.

Und das Buch ist auch eine Form von Singen.
Ja, es ist sicher ein Gesang. Un­bedingt.

Dieser Gesang war für letztes Jahr angekündigt. Warum erscheint das Buch erst jetzt?
Manchmal kommt einem das Leben zwischen die Literatur. Dann hat es natürlich immer Vorfahrt. Aber ich war auch einfach nicht zufrieden mit meinem Buch.

Was war so schwierig?
Ich glaube nicht, dass dieses Buch besonders schwierig war. Es war nur auf eine neue Art schwierig. Meine Aufgabe ist es ja, mir immer neue Schwierigkeiten zu suchen. Die Probleme, die ich für mich erfinde, sind meine treus­ten Freunde. Bei diesem Buch war es der Satzbau.

Ah ja, nicht das Thema?
Der Inhalt ist nie die Herausforderung. Es ist immer die Sprache. Die Grammatik, der Satzbau, das Vokabular. Das Schreiben entscheidet sich in jedem Satz. Heine sagte einmal, es komme nur darauf an, herauszufinden, wor­über er nicht schreiben wolle oder solle. Nicht schreiben solle man die Dinge, die das Publikum schon wisse, was das Publikum nichts angehe oder was es gleichgültig lasse. Ich bin ja gewissermassen mein erstes Publikum, wenn ich schreibe. Also bleibt das die Aufgabe: sich selbst zu überraschen und über Dinge zu schreiben, die man selber nicht vollständig entschlüsselt hat.

Sie haben dem Buch ein Zitat von Parmenides vorangestellt: «Es ist für mich das Gleiche, von wo ich anfange; denn dahin kehre ich wieder.»
Das ist ein wunderschönes Gedicht vom Wesen des Seienden, was ja nur in Fragmenten überliefert ist. Es ist eines der schönsten Bücher, die ich kenne.

Was bedeutet Ihnen dieses ­Zitat?
Man muss sich vorstellen, dass es da vor 2500 Jahren in Süditalien einen Griechen gab, der sich gefragt hat, was das Sein sei. Ob es auch das Nichtsein geben könnte. Und was die Wahrheit ist. Das Zitat ist eigentlich eine Rede der Dike, der Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit, die den Philosophen und Dichter mitnimmt, und er darf hören, was es über das Sterbliche und über das Unsterbliche zu sagen gibt. Die Vorstellung der Zeit und des Seins, die Parmenides dort skizziert, ist ungeheuer einnehmend und tief.

«Ich halte es für meine Pflicht, so lange am Text zu arbeiten, wie es irgendwie möglich ist.»

Sie haben das Manuskript bis zuletzt geändert. Sind Sie mit Ihrem Roman jetzt zufrieden?
Ich halte es für meine Pflicht, so lange am Text zu arbeiten, wie es irgendwie möglich ist. Damit meine Leser nur das lesen müssen, was tatsächlich notwendig ist. Es gibt immer erstaunlich viele Worte, die unnötig sind, und Sätze, die krumm in der Landschaft stehen. Jetzt freue ich mich darüber, dass es da ist. Und ich bin sehr erleichtert. Aber Zufriedenheit ist keine künstlerische Kategorie.

Man würde keine Kunst mehr schaffen.
Das stimmt. Aber ich sehe halt einfach immer meine Fehler, das hört nicht auf (lacht).

Sie sind bekannt dafür, dass Sie beim Autorisieren von Interviews fast jeden Satz umschreiben. Das macht kein anderer ­Autor. Sind Sie ein Perfektionist?
Überhaupt nicht.

Warum ist es Ihnen so wichtig?
Ich sehe einfach lieber einen schönen deutschen Satz als einen schlechten deutschen Satz gedruckt. Und ich habe Freude an der Sprache. Es macht mir Spass, damit zu spielen und daran zu arbeiten. Ich mache das aus purem Vergnügen.

Mit Ihrem polemischen Essay «Die Schweiz ist des Wahnsinns» kurz vor den letzten Parlamentswahlen haben Sie viel Aufmerksamkeit auf sich ge­zogen. Sehen Sie selbst sich eigentlich als politischen Autor?
Keine Ahnung. Ja, ich sehe mich als politischen Menschen, klar.

Und als Autor?
Ich wüsste nicht, wo das eine beginnt und das andere aufhört. Das Politische ist ein Teil meiner Art, zu denken und auf die Welt zu schauen und auch an der Welt teilzunehmen. Aber ich bin nicht darauf angewiesen, eine Rolle zu finden. Als Schriftsteller hat man in der Regel keinen Arbeitsvertrag. Man lebt in einer gewissen existenziellen Unsicherheit. Das ist nur zu rechtfertigen, wenn man die Freiheit nutzt, die einem das gibt. Für mich gehört es zur Lebensqualität zu versuchen, frei zu denken und frei zu reden.

Die Form spielt nicht so eine Rolle?
Un-be-dingt! Die Form spielt immer eine Rolle, ich arbeite hart an meiner Form.

Ich meinte, ob das die Freiheit ausmacht, in welche Form Sie Ihr Denken giessen.
Es geht um eine ganz grundsätz­liche Freiheit. Ich war vor zwei Wochen nach Dresden eingeladen und habe dort vor achthundert Menschen eine Rede halten dürfen. Die Menschen hatten keine Ahnung, worüber ich reden würde, und sind gekommen, um zu hören, was ich zu sagen habe. Ich halte das für ein ungeheures Privileg.

Sie sprachen über das Ende der Sprache.
Als Schriftsteller beschäftigt mich die Bedeutung der Sprache jeden Tag von früh bis spät. Viele Menschen bemerken, wie wir die Sprache heute anders benutzen und häufig nicht mehr verstehen, was gewisse Dinge bedeuten. Ein Begriff wie die Wahrheit steht wieder zur Diskussion. Als Schriftsteller will ich versuchen, Sätze zu machen. Weil in den Sätzen die Begriffe in einem Zusammenhang stehen und Denken Zusammenhänge erfordert. Bei der Verkürzung, die wir an vielen Orten sehen, gehen diese verloren. Ich möchte mit meinen Büchern und mit meinen Reden Zusammenhänge schaffen.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.02.2017, 11:42 Uhr

Lukas Bärfuss und der Roman «Hagard»

Beim Treffen in einem Zürcher Café stellt sich Lukas Bärfuss (45) mit Vornamen vor, beim letzten Gespräch war man noch per Sie. Bei der ersten Interviewfrage wechselt er ins Hochdeutsche und zurück in die Höflichkeitsform, nur um bei Gesprächs­ende wieder aufs Du zurückzukommen. Hochdeutsch ist fürs Transkribieren einfacher, so viel stimmt.

Sein neuer Roman «Hagard» (Wallstein, 174 S., Buchtaufe: 17. März, Kaufleuten, Zürich) kippt ins Groteske. Bärfuss erzählt darin von einem Mann, dessen Blick sich in einem Paar pflaumenblauer Ballerinas verfängt. Soll er der Frau folgen oder nicht?

Bärfuss lotet in dem Buch ein altes Dilemma in der spezifischen Ausprägung unserer Zeit aus. Er experimentiert mit stilistischen Registern und vertraut kühn auf die Gestaltungsmacht der Sprache. Um die Macht der Sprache geht es auch in der lesenswerten «Dresdner Rede», aufgeschaltet auf seiner Website (www.lukasbaerfuss.ch). (ass)

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