Wenn Bücher machen nicht reicht

Crowdfunding kennt man von trendigen Projekten. Nun hat der Zürcher Dörlemann-Literaturverlag via Crowd mehr als 60'000 Franken reingeholt, um ein internes Finanzloch zu stopfen. Ein Hilfeschrei – der Gehör fand.

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Crowdfunding ist hip. Und hip sind die Projekte, die auf den entsprechenden Plattformen ausgeschrieben sind. Doch wie hip ist es, ein Finanzloch zu stopfen? Geld zu spenden, das irgendwo im Bauch eines Betriebes versickert?

Der Zürcher Dörlemann-Verlag hat die Probe aufs Exempel gewagt. Und gewonnen. 60'000 Franken sind zugesagt, und damit soll der Fortbestand der bisherigen Arbeit gesichert sein. Dies bei einem Literaturverlag, der neue Schweizer Autoren aufbaut, seinen Schwerpunkt aber bei der Entdeckung und der Neuübersetzung von Klassikern hat. Man staunt.

«Das Loch in die Kasse gerissen hat der Einbruch des Eurowechselkurses», sagt Verlegerin Sabine Dörlemann. Die Abwertung des Euro war fatal für Schweizer Verlage, die ihre Bücher primär in Deutschland absetzen. Das betrifft neben Dörlemann vor allem den Unionsverlag und Diogenes.

Die Abwertung des Euro war fatal für Schweizer Verlage, die ihre Bücher primär in Deutschland absetzen.

Man erinnere sich: Vor zwei Jahren, als die Nationalbank die Stützung des fixen Wechselkurses bei 1.20 Franken einstellte, sagte Diogenes, der mit Abstand grösste Literaturverlag der Schweiz, aus Kostengründen seine Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse ab.

Der Sinkflug des Euro hatte aber schon früher begonnen. Als Sabine Dörlemann ihren Verlag 2003 gründete, stand der Wechselkurs bei gut 1.50 Franken. Währungsbedingte Einbussen seit dieser Zeit betragen somit fast ein Drittel. Ein Problem, mit dem alle exportorientierten Unternehmen kämpfen.

Zeitgemässes Kleid

Die 60'000 Franken von privaten Buchliebhabern sollen den Verlag also wieder ins Lot bringen. Hat Sabine Dörlemann mit dem Crowdfunding also eine gute Nase? Der Blick auf die Verlagskampagne zeigt: Dörlemanns Werben um eine Finanzspritze bei Gönnern präsentiert sich in einem zeitgemässen Kleid.

Da gibt es eine Hummel als metaphorisch aufgehübschtes Maskottchen, es gibt einen Film mit der Verlegerin sowie Fotos vom Verlagsteam und von Autoren, die familiäre Nähe verbreiten, und es gibt Belohnungen, vom Buchpäckli über einen begleiteten Besuch der Frankfurter Buchmesse bis zur Passfahrt im Jaguar mit einem Dörlemann-Autor.

Neu ist das allerdings nicht. Der Zürcher Rotpunktverlag beispielsweise betreibt seit zwanzig Jahren eine Art Kultursponsoring bei Sympathisanten in Form von Aktien – ein ironisches Augenzwinkern seitens des Verlages, der aus der globalisierungskritischen Ecke kommt.

Seit 1997 haben 620 Aktionäre für mehr als 1,8 Millionen Franken Aktienkapital gezeichnet. Der Verlag führt regelmässig Kapitalerhöhungen durch – stopft also eigentlich regelmässig Finanzierungslöcher. Im Schnitt würden jedes Jahr Aktien im Wert von 80'000 Franken neu vergeben, sagt Geschäftsleiter Thomas Heilmann. Ein Betrag, der vergleichbar ist mit den von Dörlemann via Crowdfunding eingetriebenen Mitteln.

Der Zürcher Rotpunktverlag beispielsweise betreibt seit zwanzig Jahren eine Art Kultursponsoring bei Sympathisanten in Form von Aktien.

Aber: «Die Aktionäre haben eine grössere Bindung an den Verlag», sagt Heilmann. Auch ihnen winken Belohnungen in Form von Rabatten auf Büchern oder Dividenden in Form von Büchergutscheinen. Zudem erhalten sie Einsicht in den Geschäftsbericht und Mitgestaltungsmöglichkeiten bei Aktionärsversammlungen, etwa bei der Wahl des Verwaltungsrats.

Der Zürcher Limmat-Verlag, 1975 gegründet, zählt seit seinen Anfängen ebenfalls auf Unterstützung von privater Seite. Er hat einen Förderverein eingerichtet. Ebenso der für seine ­Spoken-Word-Autoren bekannte Verlag Der gesunde Menschenversand. Andere Verlage setzten auf Grossinvestoren. Bei Kein & Aber ist der ehemalige UBS-Mann Peter Kurer seit 2014 Verwaltungsratspräsident. Er hat sich nach eigenen Angaben «in bescheidenem Ausmass» finanziell am Verlag beteiligt.

Die Suche nach neuen Finanzquellen scheint ein ewiger Begleiter der Branche. Aber: Hat die Schweiz nicht seit neustem eine Verlagsförderung? Seit letztem Jahr erhalten kleinere Verlage Förderprämien. 46 grössere Verlagshäuser, darunter Dörlemann, Rotpunkt, Limmat, Der gesunde Menschenversand und Kein & Aber profitieren von jährlichen Beiträgen zwischen 7500 und 80'000 Franken. Die Förderung wurde im Rahmen der Kulturbotschaft 2016–2020 vom Bundesamt für Kultur (BAK) eingeführt.

Kulturelle Leistung

Sie freue sich sehr über die Verlagsförderung, sagt Sabine Dörlemann, aber sie sei ein Tropfen auf den heissen Stein. Wichtig ist für Dörlemann, dass die Verlage als kulturelle Institutionen aner­kannt werden. Als die Verlags­förderung initiiert wurde, gab es die Währungsproblematik noch nicht. Das neue Förderprogramm wurde im Zusammenhang mit der Abschaffung der Buchpreisbindung vor zehn Jahren konzipiert und ist an die kulturelle Leistung der Verlage gebunden.

Mit welchen Beträgen die einzelnen Verlage subventioniert werden, wollen weder die Verlage selbst noch das BAK sagen. Aus den Zustüpfen könnte der Umsatz hochgerechnet werden, die Beiträge sind umsatzabhängig bei 3 bis 3,5 Prozent angesetzt. Modellrechnungen gehen von einem durchschnittlichen Beitrag von 30'000 Franken aus. Der Förderbeitrag für Dörlemann dürfte darunterliegen.

Wichtig ist für Dörlemann, dass die Verlage als kulturelle Institutionen aner­kannt werden.

Bis Freitagnachmittag um 15 Uhr sammelt der Verlag auf der Crowdfunding-Plattform weiter. Kommen nochmals 25'000 Franken zusammen, will Dörlemann das Team mit einer Volontariatsstelle verstärken und eine neue Verlagssoftware anschaffen, was Zeiteinsparungen bringen würde.

Trotzdem ist das Crowdfunding als einmalige Aktion dafür gedacht, auf die Situation aufmerksam zu machen und weitere Ideen in Ruhe anzugehen. Wiederholen will Sabine Dörlemann die Aktion nur, falls sich die Bedingungen weiter verschlechtern sollten. «Ich bin für Unabhängigkeit und Transparenz.

Ein Verlag sollte grundsätzlich selbsttragend sein», sagt sie. Und trotzdem sei die Unterstützung durch die Crowd eine schöne Bestätigung. Gut die Hälfte der 60'000 Franken wurde übrigens ohne Anspruch auf Belohnung ge­spendet. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.06.2017, 12:10 Uhr

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