Tropische Träume in Moll

Mit «Flammenwerfer» hat US-Autorin Rachel Kushner einen Bestseller gelandet. Nun liegt ihr Debüt auf Deutsch vor. «Telex aus Kuba» hat weniger Tempo, fängt jedoch ähnlich berückende Zeitstimmungen ein: jene im vorrevolutionären Kuba.

Auf der Zuckerinsel: Fidel Castro demonstriert die Arbeit auf dem Feld.

Auf der Zuckerinsel: Fidel Castro demonstriert die Arbeit auf dem Feld. Bild: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man kennt die ikonischen Bilder der kubanischen Revolution: die bärtigen Rebellen in der Sierra Maestra, die Besuche von Journalisten in ihrem Camp, der triumphale Einzug der Aufständischen in Havanna.

US-Autorin Rachel Kushner schreibt in ihrem Roman «Telex aus Kuba» auch von der Revolution. Che Guevara, Fidel Castro und sein Bruder Raúl kommen darin vor, ebenso die Präsidenten Prío und Batista, doch sie alle sind Randfiguren. Bei Kushner spielen ohnehin nicht die Charaktere die Hauptrolle.

Es ist die flüchtige Stimmung einer bestimmten Zeit. Jene der 1950er-Jahre im vorrevolutionären Kuba. Mit grosser erzählerischer Raffinesse fängt sie die flirrende Dekadenz in der Community der US-Expats auf der Insel ein, den Rassismus und die Zerrissenheit einer Gesellschaft, die sich im tropischen Dampftopf hochkocht.

Vor zwei Jahren tauchte der Name der 1968 geborenen US-Autorin hierzulande erstmals auf, als sie mit ihrem zweiten Roman «Flammenwerfer» begeisterte. In diesem gab es allerdings eine Hauptfigur: die junge Reno, die auf ihrem Motorrad Rennen in der Salzwüste fuhr und mit Konzeptkunst im New York der 1970er Jahre versuchte durchzustarten.

Es war ein Roman, der einen kühnen Bogen über den Atlantik schlug, von den revolutionären Posen der Kunstszene in Soho zum Klassenkampf der Roten Brigaden in Italien. Auch dieses Buch stellte die Stimmungen des Umbruchs ins Zentrum.

Tropisches Fin de Siècle

Nun also legt Kushners deutscher Verlag ihr Debüt nach, das in den USA bereits 2008 erschien und wie «Flammenwerfer» für den National Book Award nominiert war. Kushner erzählt darin multiperspektivisch und lässt ihre Figuren wie auf einer Bühne das Kaleidoskop eines tropischen Fin de Siècle ausrollen.

Da gibt es zwielichtige Charaktere wie den zynischen Waffenhändler Christian de La Mazière, über dem der Schatten seiner SS-Vergangenheit hängt. Ihn gab es wirklich, allerdings kam er nie nach Kuba. Sein schillerndes Spiegelbild ist die Cabarettänzerin Rachel K – eine karibische Mata Hari, die mit der Autorin Initialen und Vornamen teilt und mit allen mächtigen Playern anbandelt.

Dann ist da auch der Chor der US-Expats, mit ihren Alkoholsüchten, ihrer narzisstischen Verblendung, ihrer Einsamkeit und ihren Nervenleiden. Sie haben sich auf der Zuckerinsel in einem Paradies zweiter Ordnung ein Leben im Luxus eingerichtet, das ihnen in den Staaten verwehrt bleibt – sei es, weil sie gegen das Gesetz verstossen haben oder weil sie es sich schlicht nicht leisten könnten.

Und schliesslich sind da noch die Kinder, die in die Widersprüche dieser Welt hineinwachsen. Allen voran K. C. Stites, Sohn eines Geschäftsführers der United Fruit Company, und Everly Lederer, Tochter des Chefs einer Nickelmine in amerikanischer Hand.

Blick der Heranwachsenden

Kushner erzählt vor allem aus der Perspektive der Kinder. Wie sie älter werden, lässt die Autorin im Blick der Heranwachsenden die Brüche dieser spätkolonialistischen Gesellschaft aufreissen. Von den Jungen flüchten einige zu den Rebellen und kämpfen gegen ihre eigenen Familien.

Manche der Mädchen fangen heimliche Liebschaften mit Kubanern an. Everly Lederer träumt vom Dienstboten Willy, der sich aus einer wirtschaftlichen Form der Versklavung heraus eine Position erarbeitet hat, die er nie aufs Spiel setzen würde.

Rachel Kushners Mutter stammt aus Kuba. Ihre Stimme mag die Autorin der Figur der Everly geliehen haben. Als eigentliche Inspiration für den Roman nennt die Autorin aber das Firmenarchiv der United Fruit, das die Amerikaner auf der Insel zurückgelassen haben.

Die Firma, heute bekannt als Chiquita, hatte ein wirtschaftliches Imperium aufgebaut, nicht nur in Kuba, auch in anderen Ländern Lateinamerikas. De facto war praktisch der ganze Osten der Insel in amerikanischer Hand. Noch heute hofft man in den USA auf Rückzahlungen für die Enteignungen durch die Rebellen.

Aus dem Inneren der Gemeinschaft der Expats wurde die kubanische Revolution bisher kaum erzählt. «Telex aus Kuba» entwickelt nicht den gleichen Drive wie Kushners zweiter Roman «Flammenwerfer». Doch das Buch zeigt dieselbe Offenheit, aus der sich verschiedene Deutungen herauslesen lassen. Es ist keine Kurzmeldung, sondern das Breitwandpanorama einer dem Untergang entgegentaumelnden Zeit.

Rachel Kushner:«Telex aus Kuba», übersetzt von Bettina Abarbanell, Rowohlt, 464 Seiten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.06.2017, 12:24 Uhr

Rachel Kushner.

Artikel zum Thema

Tiger im Tank

Rachel Kushners Roman «Flammenwerfer» entzweite die amerikanische Kritik. Jetzt liegt er auf Deutsch vor: Ein starker Text über die Kunst und das Leben und die Geschwindigkeit. Mehr...

«Literatur bringt das Menschliche zurück»

Türkei Politik und Religion grenzen uns voneinander ab, Literatur verbindet uns: Die türkische Bestsellerautorin Elif Shafak warnt vor einer Erosion der Demokratie. Im Einfühlungsvermögen sieht sie ein Gegenmittel gegen die Radikalisierung. Mehr...

Mit der Schreibmaschine die Welt verbessern

Mit «Literatur für das, was passiert» lancierten Julia Weber und Gianna Molinari ein reizvolles Literaturformat, das sich für Flüchtlinge einsetzt. Mehr...

Kommentare

Blogs

Loubegaffer: Die TV-Superfrau

Foodblog Bibimbap gibts auch in Bern

Service

Die Welt in Bildern

Royale Brückenbauerin?: Kate besucht die neuen Brücke zwischen dem Hafen von Sunderland und der Stadtmitte. Sie traf Ingenieure, die betroffene Bevölkerung und die beschäftigten Bauarbeiter. (21. Februar 2018)
(Bild: Chris Jackson/Getty Images) Mehr...