«Sprache zu beherrschen, ist Macht»

In seinem neuen Buch spielt er die aktuellen Verhältnisse der USA in einer Schweiz der nahen Zukunft durch. Virtuos meistert Charles Lewinsky damit seinen Einstand als Krimiautor.

«Schreiben passiert aus dem Bauch heraus»: Charles Lewinsky (71).

«Schreiben passiert aus dem Bauch heraus»: Charles Lewinsky (71). Bild: Flurin Bertschinger/Ex-Press

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Herr Lewinsky, Ihr neues Buch ist ein Krimi. Haben Sie sich nicht von Unterhaltungsformaten befreien wollen?
Charles Lewinsky: Ein Krimi ist nicht automatisch ein Unterhaltungsformat. Es ist einfach eine literarische Form.

Sie lassen einen pensionierten Journalisten ermitteln. Hat Sie primär diese Figur interessiert?
Ich weiss selber nie so genau, wie Figuren entstehen. Sie sind irgendwann einfach da, und dann muss man mit ihnen zurande kommen und sie im Beschreiben immer besser kennen lernen. Aber dahinter stehen keine theoretischen Überlegungen. Schreiben ist etwas, das sehr stark aus dem Bauch heraus passiert.

Was sind für Sie die Gemeinsamkeiten zwischen einem Ermittler und einem Journalisten?
Das eine ist ein Beruf, und das andere ist eine Funktion innerhalb einer Geschichte. In einer Geschichte kann jeder ermitteln, er muss nicht Detektiv oder Polizist sein. Bei Agatha Christie ermittelt Miss Marple. Sie ist einfach eine brave englische Hausfrau.

Machen Sie sich also keine ­Sorgen um die Entwicklung der Medien in der Schweiz?
Die Medienlandschaft hat sich im Lauf ihrer Geschichte immer verändert. Die Zeitungen haben heute ihre Funktion als Mitteiler von Neuigkeiten weitgehend verloren, weil das Internet schneller ist. Sie müssen eine neue Funktion übernehmen, mit Hintergründen und vertieften Kommentaren, die das Internet nicht bietet. Das ist ein Umwälzungsprozess, den viele Zeitungen noch nicht vollständig durchgemacht haben. Es ist in Bewegung.

Ist die Kontrollfunktion der Medien für Sie nicht bedroht?
Wenn es eine Bedrohung gibt, liegt sie darin, dass Leute unter dem Stichwort Fake-News beschliessen, was passiert sein soll: Fertig, und dann ist das so. Aber so schlimm, wie es im Buch beschrieben ist, wird es nicht werden, das glaube ich nicht. Es ist keine Prophezeiung, es ist ein Gedankenspiel: Wie wäre es, wenn?

Bei dieser Bedrohung spielen Journalisten eine wichtige Rolle.
Ja klar. Aber man muss sich nur die letzte Pressekonferenz von Herrn Trump anhören. Die Bedrohung stärkt die Medien eigentlich. Es ist ja kein Zufall, dass Zeitungen wie die «New York Times» wieder stark steigende Abonnentenzahlen haben.

Wie ist das in der Schweiz? Bei dem umsatzstärksten Verlagshaus Tamedia, zu dem diese Zeitung gehört, entscheidet der Verwaltungsrat demnächst über eine neue Strategie. Die redaktionellen Ressourcen sollen noch stärker gebündelt werden.
Das ist so ein schöner Ausdruck: «Wir bündeln die Ressourcen.» Das heisst immer, wir bauen Journalisten ab.

In der Branche befürchtet man, dass eine Zentralredaktion in Zürich eingerichtet wird.
Darauf wird es hinauslaufen. Aber umso stärker werden sich Medien entwickeln, die anders arbeiten. Ich bin zum Beispiel ­gespannt, was aus dem Projekt «Republik» wird, ob diese Onlinezeitung wirklich eine andere Art von Information geben wird.

Oder gewisse Parteien übernehmen die Presse: Soeben hat Christoph Blocher 25 Regionalzeitungen gekauft.
Man kann mit Geld vieles machen. Nur Glaubhaftigkeit kann man sich nicht kaufen.

Was halten Sie von staatlicher Förderung der Medien?
Ich sehe das zwiespältig, weil immer die Gefahr besteht, dass der Staat nicht nur fördern, sondern auch inhaltlich mitreden will.

Zentrales Thema Ihres Buches ist ja eigentlich die Sprache. Was bedeutet Sie Ihnen?
In Bezug auf die News ist es so: Wer die Sprache beherrscht, beherrscht den ganzen Diskurs. Wer ein Wort erfindet wie «Dichtestress», bewegt den Diskurs in eine bestimmte Richtung, bis alle über den «Dichtestress» reden, den irgendeine Werbeagentur erfunden hat. Wer es schafft, die Sprache zu beherrschen, hat eine sehr mächtige Funktion.

Das Sprachbewusstsein ist sehr wichtig für Ihren Ermittler.
Er ist einer, der das Gefühl hat, er sei noch ein altmodischer Sprachhandwerker und er wehre sich gegen Sprachschludrigkeiten. Er korrigiert sich ja jeweils selber, wenn er das Gefühl hat, er sei jetzt im Klischeeteich.

Er zeigt aber auch die Mehrdeutigkeit der Sprache auf.
(Pause) In dem Buch wird viel über Sprache nachgedacht. Vielleicht ist das ein Grund, warum ich auf die Figur gekommen bin.

Ihr Buch nimmt eine Debatte auf, die seit dem Amtsantritt von Trump stark diskutiert wurde. Was kann eine Geschichte dazu beitragen?
Ich verkünde keine Botschaften. Die Botschaften sollen sich im Kopf des Lesers darstellen. Wenn ein Buch Anlass gibt zum Nachdenken, ist das doch schon mal etwas wert. Aber als Autor kann man das Ergebnis von dem Denkprozess nicht bestimmen.

Eine Figur sagt, etwas wirklich Schlimmes könne in der Schweiz nicht passieren. Wie nah an der Realität ist Ihr Buch?
Es ist keine exakte Beschreibung von Zuständen, nicht einmal von Möglichkeiten. Es gibt ja den unterdessen auch schon abgeschliffenen Ausdruck «zur Kenntlichkeit verzerrt»: Es ist eine Geschichte, die gewisse Tendenzen übertreibt und verstärkt, um sie deutlicher zu machen.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten Vertrauen in das System der Schweiz. Immer noch?
Wissen Sie, wir haben so ein wunderbar kompliziertes, langweiliges System. Das hält noch lange!

Und Ihr Vertrauen in die Leute?
Wir haben im Grossen und Ganzen äusserst gut auf den demokratischen Prozess trainierte Leute. Das ist doch sehr positiv.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.08.2017, 11:38 Uhr

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Schachspiel mit «Stänkeri»

Ein alter Journalistenkollege bestellt ihn zum Schachspiel in den Zürcher Lindenpark. Doch einiges ist merkwürdig: Der Kollege ist kein guter Schachspieler. Beim Treffen wirkt er gehetzt, lässt rätselhafte Bemerkungen fallen und drückt ihm einen Anstecker mit dem alten Berner Wappen in die Hand. Kurze Zeit später ist er tot. «Selbstmord», hält die Polizei fest. Doch es gibt mehrere Ungereimtheiten.

Diese fallen Kurt Weilemann, dem versierten Rechercheur im Ruhestand, sofort auf. Charles Lewinsky stellt ihm eine geheimnisvolle Muse zur Seite, die nicht nur sein journalistisches Jagdfieber auflodern lässt. Stein um Stein fügt sich das Puzzle ­zusammen, und bald ist klar: Der Kollege war einer alten Geschichte auf der Spur. Und es gibt Leute an den Schalthebeln der Macht, die kein Interesse an dessen akribischer Recherchefähigkeit hatten.
Gerade als die klassische Krimigeschichte anfängt, etwas durchzuhängen, schaltet Lewinsky einen höheren Gang ein und dreht den Krimi zum Thriller, der Jäger wird der Gejagte. Virtuos rollt der Autor auf den verbleibenden rund 200 Seiten die Fäden von Macht und Einflussnahme aus und lässt das Buch in einem überraschenden Finale enden. Mit seinen innerfamiliären Verstrickungen, den Maskeraden und den Ränkespielen auf höchster Ebene könnte dieses es locker mit einem Shakespeare aufnehmen.

Dass Lewinsky einen Journalisten ermitteln lässt, ist kaum Zufall. Allzu sympathisch zeichnet er ihn nicht. Einen «Stänkeri» nennt er selbst seine Figur, einen, der den alten Zeiten des Journalismus nachtrauert. Einen aber auch, der sich nicht nur der Wahrheit verpflichtet fühlt und zu recherchieren weiss, sondern sich auch durch ein geschultes Sprachbewusstsein auszeichnet und seine Klassiker kennt, mit deren Intrigen. Gegenspieler sind die Eidgenössischen Demokraten, die sich zur Einheitspartei aufgeschwungen haben und deutliche Parallelen zur heutigen SVP aufweisen. Ihren Weg zur Macht pflastern ein vertuschter «Brudermord», doppelte Türen sowie ein zum richtigen Zeitpunkt gezogener Stecker – und ein mindestens ebenso gutes Sprachgefühl, das ihnen ­allerdings dazu dient, das Volk seiner Stimme zu berauben.

Den Zukunftsroman will man ihm nicht so ganz abnehmen. Ansonsten spielt der 71-jährige Autor souverän mit dem Genre und schafft die Balance zwischen Unterhaltung und Tiefgang bei dem brisanten Thema. Ein gelungener Schachzug.ass

Charles Lewinsky: «Der Wille des Volkes», Nagel & Kimche, 384 Seiten, erscheint am Montag.

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