Ein stiller Vollendeter

Am Sonntag ist Schriftsteller Markus Werner gestorben. Noch vorletzte Woche bekam er einen Preis für sein Gesamtwerk. Die Laudatio hielt Peter Stamm. Die Würdigung des Schriftstellerkollegen in Auszügen.

Scheues und zurückgezogenes Leben:?Schriftsteller Markus Werner wollte seine Bücher für sich sprechen lassen.

Scheues und zurückgezogenes Leben:?Schriftsteller Markus Werner wollte seine Bücher für sich sprechen lassen. Bild: Keystone

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«Als ich Markus Werners Werk zum ersten Mal begegnete, sträubte ich mich dagegen, wie man sich so oft gegen das sträubt, was einen wirklich betrifft. Ich besuchte die Maturitätsschule für Erwachsene in Frauenfeld, meine Lehrerin, die sich mehr für moderne als für alte Literatur interessierte, liess uns den eben erschienen Roman ‹Zündels Abgang› lesen, aber ich weigerte mich. Ich war einundzwanzig, wollte selbst Schriftsteller werden und stand unter dem Einfluss von Ernest Hemingway.

Neben dessen abenteuerlustigen Helden schien Markus Werners zaudernder Zündel eine Zumutung. Seither habe ich das Buch mehrfach gelesen, jedes Mal mit noch grösserem Vergnügen und mit noch grösserer Bewunderung. Dabei ist es bei weitem nicht nur Markus Werners meisterhafte Sprache, die mich gefangen nimmt. Viel wichtiger ist mir die Haltung, der Mensch, die durch die Texte hindurchscheinen. Einzigartig ist Markus Werners ­Mischung aus Melancholie und Ironie, aus Humor und Ernsthaftigkeit, aus Energie und Menschlichkeit.»

Mit diesen Worten beschreibt Schriftsteller Peter Stamm seinen Bezug zu Markus Werner. Ein Bezug, der ihn ein Schriftstellerleben lang begleitet hat. Seinem jüngsten Roman hat Stamm ein Zitat aus «Zündels Abgang» vorangestellt. Und eben erst, am 25. Juni, übergab er dem wie er selbst im Thurgau geborenen Autor den Preis der Urheberrechtsgesellschaft Pro Litteris für sein Werk.

Die Auszeichnung nahm Werners Frau entgegen, Markus Werner selbst war 2008 ein letztes Mal öffentlich aufgetreten. Damals war ihm der Ehrenpreis von Stadt und Kanton Schaffhausen verliehen worden, wo er seit seinem vierten Lebensjahr lebte. In den letzten zehn Jahren nahm ihm ein Lungenemphysem den Atem für weitere Bücher. Am Sonntag ist Markus Werner im Alter von 71 Jahren verstorben.

Schmales, brillantes Werk

Markus Werner hinterlässt ein schmales, aber brillantes Werk, auch seine Bücher sind allesamt schmal, sie sind schnell gelesen, wirken aber lange nach. Werner hatte an der Uni Zürich Germanistik, Philosophie und Psychologie studiert, über Max Frisch doktoriert und unterrichtete an der Kantonsschule Schaffhausen.

Als er mit «Zündels Abgang» 1984 seinen Einstand auf der Bühne der Literatur gab, war er bereits 40. «Kein früh Vollendeter, dafür schien er aber schon mit seinem ersten Werk angelangt zu sein und hatte einen unverwechselbaren Stil», sagte Peter Stamm in der Jurybegründung am vorletzten Samstag. «Obwohl seine Sprache einfach zu lesen ist, ist sie hochpräzise gearbeitet, elegant und differenziert, reich und virtuos, ohne jemals selbstgefällig zu sein.»

Sechs weitere Romane folgten, bis ihm 2004 mit «Am Hang» der grosse Durchbruch gelang. In dem Roman begegnen sich zwei Fremde wiederholt in einem Hotel. Der eine preist sein Junggesellendasein und wechselnde Liebschaften, der andere singt ein Hohelied auf Liebe und Treue. Zuletzt jedoch stellt sich heraus, dass die beiden mehr verbindet als angenommen. Mit diesem Duell der Lebenskonzepte war Markus Werner zum grossen deutschen Verlag S. Fischer gewechselt.

Der Roman wurde ein Bestseller, er verkaufte sich mehr als 100 000-mal, war aber zugleich sein letztes Buch. In Bern wurde «Am Hang» 2006 im Hotel Bellevue als Theater uraufgeführt, ­innert Wochenfrist folgte eine Premiere in Zürich. Die «SonntagsZeitung» sprach vom «Theaterereignis der Saison». 2013 folgte die ebenfalls sehr erfolgreiche Verfilmung von Markus Imboden mit den Schauspielern Henry Hübchen, Martina Gedeck und Maximilian Simonischek.

Nah am Leben

«Markus Werners Bücher zu loben, ist nicht schwer, und wenn man sich in Autoren- und in Leserkreisen umhört, findet man kaum jemanden, der nicht in dieses Lob einstimmen würde. Zu erklären, worin die ganz besondere Qualität seiner Werke liegt, ist hingegen nicht einfach, seine Romane entziehen sich in ihrer komplexen Einfachheit der Analyse, wie das vielleicht alle grosse Literatur tut» sagte Peter Stamm in seiner Laudatio.

Trotz seiner germanistischen Bildung und seiner Tätigkeit als Lehrer seien seine Texte nie abgehoben oder belehrend. «Sie sind vielmehr ganz nah am Leben und erzählen von einer Wirklichkeit, die seinen Leserinnen und Lesern zutiefst vertraut ist. Ohne sich um aktuelle Trends und Themen zu kümmern, schreibt er ganz aus seiner Zeit heraus und beleuchtet die Gesellschaft, in der er und wir leben.»

Bücher werden bleiben

Viel passiert nicht in Markus Werners Büchern. Ihn beschäftigen die existenziellen Probleme, es geht um Paarbeziehungen, um Liebe und Überdruss, um Ehe und Vaterschaft, um Krankheit und Tod. In seiner Rede anlässlich der Preisverleihung würdigte Peter Stamm den Autorenkollegen, dessen Schaffen ihn seit seinen Anfängen begleitet hat: «Markus Werners Werk ist zugleich emotional und ironisch, aber nie missbraucht er seine scharfe und luzide Ironie, um sich vor grossen Gefühlen zu drücken. Seine Texte fordern die Leserinnen und Leser heraus, über sich selbst nachzudenken und sich infrage zu stellen.

Das ist das Beste, was Literatur bewirken kann. Markus Werners Werk ist nicht sehr umfangreich, aber seine ­Bücher werden bleiben und – wie wenige andere – künftigen Generationen etwas über das Lebensgefühl in der Schweiz im späten zwanzigsten Jahrhundert er­zählen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.07.2016, 20:36 Uhr

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