Odyssee im 21. Jahrhundert

Die britische Autorin Rachel Cusk hat einen so kühnen wie verstörenden Roman geschrieben. In «Out­line» begibt sie sich auf eine autobiografisch grundierte Suche nach einem neuen Selbst.

Sucht neue Form für ihre Lebenserfahrungen: Die britische Autorin Rachel Cusk.

Sucht neue Form für ihre Lebenserfahrungen: Die britische Autorin Rachel Cusk. Bild: Siemon Schamell-Katz/zvg

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Es gibt diese Szene im Roman «Wuthering Heights» der britischen Autorin Emily Brontë aus dem 19. Jahrhundert: Die Liebenden Heathcliff und Cathy stehen im dunklen Garten und schauen durchs Fenster ins hell erleuchtete Wohnzimmer einer behüteten Familie. Es ist dasselbe Fenster, aber die beiden sehen unterschiedliche Dinge.

Heathcliff sieht, was er hasst und fürchtet, Cathy sieht, was sie sich wünscht und was man ihr vorenthält. Keiner von beiden sieht die Welt, wie sie wirklich ist. Und so geht es auch der Protagonistin in Rachel Cusks neuem Roman: «Irgendwann fing ich an, meine Ängste und Wünsche in meiner Umwelt gespiegelt zu sehen, als wäre das Leben der anderen ein Kommentar zu meinem eigenen», sagt sie. Wo liegt die Wirklichkeit?, fragt sie sich.

Harsche Kritik

«Outline» ist der achte Roman der 49-jährigen britischen Schriftstellerin, die im englischen Sprachraum vor allem mit ihren autobiografischen Aufzeichnungen auf sich aufmerksam gemacht und harsche Kritik auf sich gezogen hat. In «A Life’s Work» von 2001 schrieb sie über ihre Mutterschaft und deren dunkle Seiten, in «Aftermath» von 2012 schrieb sie mit gnadenloser Ehrlichkeit über ihre Scheidung.

Mit Aussagen über «das menschliche Bedürfnis nach Krieg» oder über ihren Instinkt, ihre Töchter bei sich haben zu wollen, handelte sie sich das Label als «meistgehasste britische Schriftstellerin» ein – die Bruta­lität der Kritik liess die Autorin verstummen. «Es war kreativer Tod», sagte Cusk gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian».

Rachel Cusks neuer Roman «Outline» setzt nach dieser Zeit ein. In dem autobiografisch grundierten Buch geht es um die zweite Lebenshälfte, in der Träume und Gewissheiten verloren gegangen sind. Die Protagonistin ist wie die Autorin Schriftstellerin, sie hat zwei Söhne, ihre Scheidung liegt hinter ihr. Sie macht eine Reise nach Athen, wo sie einen Kurs gibt unter dem Titel «Wie man schreibt». Noch in London, während des Fluges und während der Tage in Athen trifft sie Leute, deren Erzählungen sich mit den sich wiederholenden Motiven zum Roman verweben. In all den Geschichten geht es um Liebe, Ehe und Verlust.

Eingestürzte Wahrheiten

Mit der Ehe baue man sein ganzes Leben auf dem Fundament einer intensiven Zeit, die sich nie wiederhole, sagt eine der Stimmen. «Man gründet seinen Glauben darauf, und man würde ihm nie abschwören, weil ein zu grosser Teil des Lebens davon abhängt.» Doch was passiert, wenn es trotzdem zur Trennung kommt? Wenn die Erzählung der gemeinsamen Wirklichkeit abbricht, was passiert dann mit der eigenen Person? Wird man wieder zur Person, die man vor der Ehe war, und ist diese überhaupt von jener zu trennen, die man durch den Partner wurde?

Leben heisst erzählen, und erzählen und schreiben sind für die Autorin eins. So lässt sie in ihrem Schreibkurs auch die Teilnehmer aus deren Alltag erzählen. Doch gleichzeitig misstraut Rachel Cusk dem Wirklichkeitsgehalt der Erzählungen. Den Namen ihrer Protagonistin, Faye, erfährt man erst spät im Text und lediglich indirekt über eine Person, die sie anspricht. Genauso ist diese auch nur indirekt in minimalen Reaktionen auf den Erzählstrom zu spüren: Die Autorin schreibt ihre Protagonistin aus der Geschichte heraus. Das Erzählte beschreibt, was diese nicht ist. Sie selbst tritt wie eine leere Silhouette aus den Details des Gehörten hervor, das sich von aussen an sie legt und ihr «eine Ahnung davon vermittelt, wer sie sein könnte».

So ist Rachel Cusk ein Roman gelungen, der leicht zu lesen ist und doch die Lesegewohnheiten herausfordert. Durch die indirekte Darstellung schafft die Autorin einen Raum, in dem sich ihre Protagonistin ihr Selbst neu erfinden kann, nachdem die gesellschaftlich akzeptierten Rollen von Mutterschaft, Ehe und Beruf für sie eingestürzt sind. Ihr Schreiben mag vergleichbar sein mit den Büchern des Norwegers Karl Ove Knausgaard, doch Rachel Cusk geht weiter, formal und in der gesellschaftspolitischen Stosskraft. Sie sei auf der Suche nach einem anderen Lebensmodell, lässt Cusk ihre Protagonistin sagen. Ihr Buch ist nichts weniger als ein neues Modell, sich das eigene Leben zu erzählen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 23.06.2016, 13:13 Uhr

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