«O nein, Lesungen sind mir lieber»

Diskutieren wird an den Solothurner Literaturtagen grossgeschrieben. Das glückt nicht immer. Das Werkstattgespräch zwischen Charles Lewinsky und Sacha Batthyany war jedoch ein Vergnügen.

Im Dialog: Sacha Batthyany und Charles Lewinsky.

Im Dialog: Sacha Batthyany und Charles Lewinsky. Bild: zvg

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O nein, bei der nächsten Veranstaltung reden sie nur», sagt eine ältere Dame in den Zuschauerreihen. Ihre Nachbarin bekräftigt: «Lesungen sind mir lieber.» Doch die Solothurner Literaturtage haben sich neben Lesungen das Debattieren auf die Fahne geschrieben. Zum Beispiel in der Reihe «Autoren im Dialog». Charles Lewinsky und Sacha Batthyany machen es sich im Landhaussaal auf den Sesseln der Bühne bequem. In einer Art öffentlichen Werkstattgesprächs sollen sie ohne Moderation miteinander diskutieren. Worüber, steht ihnen frei.

Das Format ist eine Blackbox mit beträchtlichem Risiko. Die Autoren kennen sich in der Regel nicht persönlich, haben aber wechselseitig ihre aktuellen Texte gelesen. Das Duo Lewin­sky-Batthyany ist klug gewählt. Auf der einen Seite sitzt der gestandene Romanautor. In seinem jüngsten Buch «Andersen» erfindet Lewinsky einen Folterknecht aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, der mit der Erinnerung eines Erwachsenen als Kind in der heutigen Zeit nochmal zur Welt kommt. Auf der anderen Seite sitzt der arrivierte Journalist. Mit seiner autobiografisch motivierten Recherche debütierte Batthyany in der Welt der Literatur. In seinem Buch «Und was hat das mit mir zu tun?» geht er der Frage nach, wie ein Verbrechen aus der Nazizeit familienintern bis in die heutige Zeit hineinwirkt.

«Wie nur bringst du den Mut auf, so offen von dir selber zu schreiben?» Diese Frage scheint Lewinsky unter den Fingern zu brennen. Er eröffnet das Ge­spräch. Und damit ist der Ton gesetzt und die Veranstaltung gerettet: Es ist nicht der Journalist, der den Autor befragt. Und es sind keine Mutmassungen, die vorgetragen werden, sondern Fragen. Neugierige, interessante, manchmal auch freche Fragen. Frech wie zum Beispiel diese: «Wie krank muss man sein, um auf eine solche Geschichte zu kommen?», will Batthyany von Lewinsky wissen.

Manche der Antworten, die man von Lewinsky zu hören bekommt, hat man in Interviews schon lesen können. Das Bild vom Tausendfüssler etwa, der sich nicht hintersinnt, wie er seine Beine auf die Reihe kriegt. In seinen Fragen scheint sich der Autor mehr zu offenbaren. «Wie ehrlich kann man zu sich selber sein?», will er etwa wissen. Wie gross ist die Verlockung, ein stimmiges Bild zu nehmen, das für die Geschichte gut ist, aber nicht der Wahrheit entspricht? Und wie schreibt man ein Buch, wenn man gleichzeitig über den Wahlkampf in den USA berichtet?

Die anderen Veranstaltungen der Reihe «Autoren im Dialog» mit Noëlle Châtelet und Virginia Helbling sowie Adolf Muschg und Feridun Zaimoglu gelingen weniger gut, teils wegen mehrfacher Sprachbarrieren, teils weil die Versuchung zum monologischen Vortrag zu gross scheint. «Das war nun doch noch interessant», urteilen auch die beiden Damen im Publikum, die sitzen geblieben sind, vermutlich weil sie sich so für die nachfolgende Veranstaltung ihre Plätze sichern konnten. Der Landhaussaal war beim Gespräch zwischen Bat­thyany und Lewinsky jedenfalls randvoll. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.05.2016, 11:03 Uhr

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