Im Niemandsland von Erinnerungen und Literatur

US-Bestsellerautor John Irving führt in seinem vierzehnten Roman «Strasse der Wunder» in einen literarischen Rausch zwischen Betablockern und Viagra. Sein Alter Ego ist ein mexikanisches Müllkippenkind, das sich selbst das Lesen beibrachte.

In John Irvings neuem Roman «Strasse der Wunder» bringt sich ein Müllkippenkind selbst das Lesen bei.

In John Irvings neuem Roman «Strasse der Wunder» bringt sich ein Müllkippenkind selbst das Lesen bei. Bild: Getty Images

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«Ich bin Mexikaner – in Mexiko geboren und auch dort aufgewachsen», sagt Juan Diego. Öfter sagt er jedoch auch: «Ich bin Amerikaner – ich lebe seit vierzig Jahren in der USA.» Nie sagt er, er sei «Mexican-American»: In seiner Erfahrungswelt sind die Leben, die er geführt hat, vollkommen unterschiedlich und von­einander getrennt. Er habe diese beiden Leben in seinem Kopf «doppelgleisig» gelebt und nachgelebt, lässt US-Bestsellerautor John Irving seinen Protagonisten auf den ersten Seiten seines neuen Romans «Strasse der Wunder» festhalten. Und doppelgleisig ist auch die Struktur des neuen ­Romans.

Zum einen ist da der 54-Jährige. Ein weltberühmter Schriftsteller, der Herzprobleme hat. Um den Adrenalinspiegel in den Griff zu kriegen, hat ihm seine Ärztin Betablocker verschrieben. Weil diese ihn «reduzieren» – in seiner Vorstellungskraft und sexuell, was bei John Irving dasselbe ist – experimentiert er mit der Dosierung und kompensiert mit Viagra – mit den bekannten Nebeneffekten. Der Schriftsteller ist unterwegs auf einer sentimental motivierten Reise zu den Philippinen. Dabei bewegt er sich in gesichtslosen Örtlichkeiten wie Flughafenhallen, Hotels, Bahnhöfen oder Taxis. Von den Medikamentenexperimenten gesteuert, verlässt er diese austauschbare Realität und taucht ab in rauschhafte Fantasien – und in die Erinnerungen seines ersten Lebens in Mexiko, der zweite Erzählstrang und die weitaus einnehmendere Geschichte.

Auf der Müllhalde

Juan Diego ist ein Müllkippenkind. Aber nicht irgendeines, ­genauso wenig wie seine jüngere Schwester Lupe. Beide sind «wundersam»: Juan Diego hat sich auf den «brennenden Höllenfeuern» der Müllkippe mit Hilfe einer entsorgten Klosterbibliothek selber das Lesen beigebracht, nicht nur Spanisch sondern gleich noch Englisch dazu. Und Lupe kann Gedanken lesen. Sie sieht auch die Vergangenheit und, jedoch mit weniger hoher Trefferquote, die Zukunft. Allerdings braucht sie ihren Bruder als Dolmetscher, da sie in einer unverständlichen Sprache brabbelt, die in aller Regel keiner ausser Juan Diego versteht.

Fasziniert von dem «Müllkippenleser», nehmen bildungsbeflissene Jesuitenpatres die beiden Kinder im Hogar de los Niños Perdidos auf. Es ist der erste Schritt einer Karriere, die die ­Geschwister, so ihr sehnlichster Wunsch, zum Schrein der angeblich Wunder bringenden heimischen Virgen de Guadalupe in Mexico-Stadt bringen soll. Ihre Mutter Esperanza – Hoffnung –, die sich ihr Geld als Putzfrau und Prostituierte verdient, hat nämlich ihre Kinder nach der Legende der dunkelhäutigen Jungfrau benannt: Juan Diego hiess der Bauer, dem sie im 16. Jahrhundert erschienen war, Lupe ist die Kurzform von Guadalupe. Dass Lupe keine Gelegenheit auslässt, um über Guadalupe herzuziehen, die sich vom «Monster Maria» der Katholiken hat mobben lassen, heisst nicht, dass sie sich von der dunkelhäutigen Heiligen nicht dennoch ein Wunder erhofft. Ist doch der Wahlspruch der Guadalupe «No estoy aqui, que soy tu madre?» – Hier bin ich, die ich deine Mutter bin.

Auf der Himmelsleiter

Doch die Kinder müssen die Wunder selber herbeiführen. Und Mütter sind in ihrem Fall ­andere. Eine Rolle spielt ein amerikanischer Hippie und Wehrdienstverweigerer, der vor dem Einzug in den Vietnamkrieg nach Oaxaca geflohen ist und sich einen leidenden Christus als Ganzkörpertattoo auf Brust und Arme hat stechen lassen. Vor allem aber ein sich selbst auspeitschender angehender Jesuit. Sowie Flor, eine Transsexuelle, die in ihrer Jugend in Houston «Schreckliches erlebt hat». Und die den angehenden Jesuiten von seinem Gelübde abbringt und den Weg frei macht für eine hinreissende Liebesgeschichte.

Bevor jedoch Juan Diego mit neuen Eltern nach Iowa ziehen kann, flicht Irving mit dem Circo de La Maravilla eines seiner Lieblingstopics in die Geschichte ein. Im Zirkus soll Lupe für den Löwenbändiger – einem «Penis auf zwei Beinen» – die Gedanken der Löwen lesen. Und Juan Diego, den sein wahrscheinlichster leiblicher Vater zum hinkenden Krüppel gemacht hat, lernt, dass er «nicht die Eier dafür hat», auf der Himmelsleiter ohne Netz den Tod herauszufordern. Seine Zukunft ist eine andere.

Es ist eine wilde, lebenspralle Geschichte, ein Fest der Sinne, mit Anleihen an den Magischen Realismus, was Irving seinen ­Lesern serviert. Neben dem Zirkus lässt der Meister des Storytellings auch andere, aus seinen dreizehn früheren Romanen bekannte Themen einfliessen. Selbstreflexionen über die Rolle als Autor und das Schreiben etwa sowie ironische Verweise auf ­frühere Bücher, den Vietnamkrieg, Rassismus und Kolonialismus oder die Breitseite gegen die katholische Kirche.

Bei aller Deftigkeit und zeitweiliger Überzeichnung ins Groteske gibt es jedoch auch sehr ­liebevolle und zarte Töne. Der ­74-jährige US-Autor steht für die Ausgegrenzten ein. Und er schafft wunderbare Figuren. Sein heimlicher Star in «Avenida de los Misterios» ist die Gedankenleserin Lupe. Wenn er sie mit den schmutzigen Gedanken der anderen losrattern lässt, erlaubt ihm das herrlich selbstentlarvende Kritik. Wie die Dreizehnjährige losrotzt, ist zuweilen so wissend und so schlimm, dass Juan Diego beim Übersetzen zensieren muss. (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.03.2016, 16:42 Uhr

«Strasse der Wunder», das neuste Werk aus der Feder von John Irving (74), erzählt eine wilde, lebenspralle Geschichte, ein Fest der Sinne.

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