Härter als jedes Selfie

Karl Ove Knausgårds hyperrealistischer Romanzyklus über sein Leben ist eine Chronik des privaten Scheiterns. Wie sehr sich an ihr die Geister scheiden, erfährt man im letzten Band «Kämpfen».

Karl Ove Knausgård erzählt die Geschichte, die er am besten kennt: seine eigene.

Karl Ove Knausgård erzählt die Geschichte, die er am besten kennt: seine eigene. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zugegeben: Ich bin ein Fan. Ich habe alle Bände des autobiografischen Monsterromanzyklus von Karl Ove Knausgård gelesen. Auch den 1200-Seiten-Wälzer «Kämpfen», der nun als sechster und letzter Band auf Deutsch erscheint, habe ich verschlungen. Warum? Weil der 49-jährige Autor aus Norwegen darin so unnachahmlich be­schreibt, wie die Zeit vergeht und wie sich das Leben abspielt.

Band sechs beginnt banal. Der Autor fährt zu einem Freund, sie quatschen über Unwichtiges. Auf einmal ufert das Gespräch aus in eine Kunstdebatte über die Darstellbarkeit der Welt – und ebbt wieder ab. Bei der Heimkehr übermannt den Autor das kleine Glück, eine Autofahrt lang allein und frei zu sein. Als er kurz vor seinem Wohnort Malmö das Stammschloss von Hamlet passiert, stellt er sich die Abfolge der Generationen von Hamlet aus der Zeit um 1600 bis zu seinen drei Kindern vor. Und er spürt «den unerbittlichen Wind der Zeit, der einen fortreisst».

Die schönen Gedanken verfliegen bald, denn er kommt nach Hause – und wir als Leser mit ihm. Über Hunderte von Seiten verfolgen wir in seiner Wohnung seinen alltäglichen Kampf gegen das «Korallenriff des Chaos» in einem Familienhaushalt.

Endlich ein Buch, das mit meinem Leben zu tun hat. 

Langweilig? Ja klar! Aber Knausgård beschreibt Wiederholung und Langweile als eine unserer grossen Grunderfahrungen. Er schaut sich schreibend dabei zu, wie er in der Rauchpause auf seinem Balkon schnell über das Gelingen seines Romans und seines Lebens nachdenkt, bevor er seinem Sohn die Windeln wechselt. Es ist ein Mix von Grossem und Kleinem, ein Berg angefangener Dinge, für die die Zeit nie richtig reicht. «That’s life!», denke ich beim Lesen. Endlich ein Buch, das mit meinem Leben zu tun hat. Und nicht eine Story, die mich im Auftrag des Verlagsmarketings verstören soll.

An Knausgårds Zeitlupenliteratur scheiden sich die Geister. Die einen lieben die sechs Romane, die Bestseller geworden sind. In 36 Weltregionen sind die Publikationsrechte vergeben worden. Die andern verspüren heftige Antipathie. Die NZZ fällte das ­bildungsbürgerliche Todesurteil, Knausgårds Romanprojekt sei keine richtige Literatur, also keine Kunst, sondern platte Selbstentblössung. «Selfie-Literatur», befanden Kritiker abschätzig.

Ganz falsch ist das nicht. Knausgård macht zwar sein intimes Leben öffentlich, mit eitler Selbstinszenierung hat das aber wenig zu tun. Er beschreibt «unser kleines, unsichtbares Leben», das beginnt, wenn wir abends die Wohnungstür hinter uns schliessen. Der Romanzyklus, da hat die NZZ recht, ist Antiliteratur. Statt einer erfundenen Geschichte, die die Realität schön oder dramatisch gestaltet, erzählt Knausgård eine wahre Geschichte. Diejenige, die er am besten kennt: seine eigene.

Knausgårds Welt liegt am andern Ende der Hochleistungsreservatevon Firmenchefs und Ueli-Steck-Ausnahmefiguren. Gerade in der Tiefebene der Normalität aber wirft er hochfliegende Fragen auf: Müsste mein Leben nicht aussergewöhnlicher sein? Warum fühle ich mich unterlegen und versuche das durch Leistung und Konkurrenz zu kompensieren? Warum bin ich als Partner und Vater innerlich abwesend, wenn Frau und Kinder verzweifelt sind?

Zugegeben: Das sind Männerfragen. Schonungslos bildet der Norweger uns Männer in einer bisweilen komischen Unbeholfenheit und Selbstsuche ab. Das ist auch für Frauen erhellend. Überdies schildert Knausgård auch Frauen. Ebenso präzis und unerbittlich.

Wer den Romanzyklus in Bausch und Bogen aburteilt, dem entgeht, wie unterschiedlich die sechs Bände sind. Man muss sie nicht alle lesen. Der Schlussband «Kämpfen» über Knausgårds Zeit als erfolgreicher Roman­autor ist wieder dieses dichte Geflecht aus Alltagsbeschreibung und Gedankenexkursen, das schon die ersten zwei Bände auszeichnet: «Sterben» über den Tod des tyrannischen und alkoholkranken Vaters und «Lieben» über die Begegnung mit seiner Frau und die Familiengründung.

«Spielen» über die Kindheit, «Leben» über ein Jahr als junger Lehrer ohne Sex am Nordpolarkreis und «Träumen» über seine erfolglosen Startversuche als Autor sind chronologischer, eindimensionaler erzählt. In Band sechs erfährt man, wie es dazu kam: Auf Wunsch des Buchverlags unterteilte Knausgård seinen gewaltigen Erinnerungsstoff in sechs Bände. Nicht jeder geriet dabei als abgerundete Einheit.

Spektakulär ist der letzte Band, weil man darin erfährt, wie die früheren Romane «in der Wirklichkeit aufprallen». Knausgård schildert, wie er Romanpassagen den realen, darin vorkommenden Personen zu lesen gibt. Nicht alle sind erfreut. «Fantastisch, präzis und grausam» findet ein be­schriebener Freund das Gelese­ne. Knausgårds Onkel bestreitet die Richtigkeit des Geschilderten und bekämpft dessen Erscheinen vor Gericht.

Das verunsichert den Autor. Erinnert er sich nicht richtig? Man staunt, dass er erst jetzt realisiert: Auch seine hyperrealistische Darstellung ist bloss eine mögliche Sicht. Die Deutung der Realität bleibt immer umstritten. Man erfährt in «Kämpfen», dass Knausgård Namen und ganze Passagen verfremdet hat. Nach dem Einspruch beschriebener Personen. Und nach einem Shitstorm in Norwegens Presse, die mithilfe erzürnter «Opfer» belegen wollte, was in den Büchern alles nicht stimmt.

Auch Knausgårds Ehefrau Linda bekommt Romanpassagen zu lesen, in denen sie vorkommt. Es wird die härteste Probe, für sie und für ihn. Und für uns Leser. Wie ihr Mann Ehestreite und quälend genau ihre Einlieferung in die Klinik schildert, das schockiert Linda. Auch deshalb, weil er alles aus seiner leidenden Perspektive schildert und sie ihre Sicht nicht beisteuern kann. Sind es nicht auch Knausgårds penible Schilderungen, die Linda, die an einer bipolaren Störung leidet, in die Krise treiben?

Geht die Wahrheitsmethode hier nicht uner­träglich weit? Source

Er schone auch sich selber nicht, und sein Wahrheitsprojekt sei nur glaubwürdig, wenn er auch andere so präzis schildere, rechtfertigt sich Knausgård. Selbst als Fan aber fragt man sich: Geht die Wahrheitsmethode hier nicht uner­träglich weit? Übrigens ist das Paar mittlerweile geschieden.

Knausgårds Romanprojekt handelt von der Normalität und ist zugleich radikal und masslos. Natürlich finde ich es auch deshalb so aufregend. Weil es die Grenzen des Erlaubten und Erträglichen sprengt. Das gilt gerade für «Kämpfen», in dessen Mitte ein 500-seitiger Riesen­essay über den Faschismus und Adolf Hitler eingefügt ist. Im norwegischen Original hat Knausgård seinen Romanzyklus provokativ «Min Kamp» betitelt, nach Hitlers Machwerk «Mein Kampf». Kühn erprobt er im Essay einen toleranten Blick auf den jungen Hitler, der in einem starren Ich gefangen sei und keinen Zugang zu einem Du schaffe.

Zugegeben: Ich habe in diesem Essay viele Seiten übersprungen. Aber ich glaube, begriffen zu haben: Knausgårds «Min Kamp» soll ein humanes Gegenstück zu Hitlers unmenschlichem «Mein Kampf» sein. Ein Versuch, ohne heroische Überhöhung zu sich selbst und den anderen vorzustossen. Indem man sich seiner Scham und der Banalität stellt.

Karl Ove Knausgård: «Kämpfen», Luchterhand, 1267 S., erscheint am Montag. Bereits erschienen seit 2011: «Sterben», «Lieben», «Spielen», «Leben», «Träumen». (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.05.2017, 12:11 Uhr

Artikel zum Thema

Selbstzerstörung auf Hochglanz

Cat Marnell schreibt für ein amerikanisches Hochglanzmagazin über Beautythemen und veröffentlicht nun ihre Memoiren. Diese klingen jedoch gar nicht glamourös. Mehr...

Amerikas vergessene Seelen

J. D. Vance ist ein Kind der amerikanischen Unterschicht – eigentlich ein geborener Verlierer. In seinem grandiosen Buch «Hillbilly-Elegie» erzählt er vom Sumpf des heutigen Amerika und davon, wie er selbst es nach oben schaffte. Mehr...

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Bern & so Glück und Kreide

Foodblog Grossvaters Gamspfeffer!

Die Welt in Bildern

Gewalt und Repression: Ein Polizist geht vor der Kathedrale Notre Dame in Kinshasa, Republik Kongo in Deckung. (25. Februar 2018)
(Bild: Goran Tomasevic) Mehr...