Eine Abrechnung mit Roger Köppel?

Ein Journalist schreibt über den scharfen Rechtsrutsch einer Wochenzeitung: Eine Abrechnung mit der «Weltwoche» – oder doch mehr? Ein Klärungsversuch mit dem Autor Bruno Ziauddin.

Bruno Ziauddin: «Man ist selten an einem Ort, wo sich etwas fundamental ändert.»

Bruno Ziauddin: «Man ist selten an einem Ort, wo sich etwas fundamental ändert.» Bild: Alex Spichale/Aargauer Zeitung

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Er ist charismatisch, intellektuell brillant und hat machiavellische Züge. Auch sonst hat er ein paar Gemeinsamkeiten mit dem Mann, der 2001 die Chefredaktion der «Weltwoche» übernahm und mittlerweile auch Inhaber und Verleger dieses Wochenblatts ist, neben seinem jüngsten Job als Nationalrat: Roger Köppel, der das ehemalige Flaggschiff eines weltoffenen Journalismus hart an den rechten Rand gefahren hat. Die Rede ist von T. – fiktive Figur des Romans «Bad News», der soeben erschienen ist. Geschrieben hat das Buch Bruno Ziauddin, einer der angesehensten Journalisten des Landes, der von 2002 bis 2008 bei der «Weltwoche» war. In seinen Roman hat er kaum versteckt biografische Parallelen eingearbeitet. Und auch die Parallelen zu Köppel sind deutlich zu erkennen. Ist das Buch also eine Abrechnung mit Köppel, der heute zum Buhmann der Linken avanciert ist?

Verhärtung der Denkmodelle

Als er zum vereinbarten Termin in Zürich kommt, sieht der 50-jährige Autor aus wie ein etwas in die Jahre gekommener Lausbub, der sich in die Schule trollt. Im Gespräch ist Bruno Ziauddin aber zuvorkommend und bescheiden. Und er verneint sofort: «Der Roman ist nicht als Abrechnung angelegt.» Ihm sei es um den Wandel des Zeitgeists ge­gangen. Die scharfe Rechtskurve der «Weltwoche» sei der reale Ausgangspunkt, den er selbst miterlebt hat: «Es passiert selten, dass man das Gefühl hat, man sei gerade an einem Ort, wo sich etwas fundamental ändert.»

Die «Weltwoche» ist kein Einzelfall. Eine ähnliche scharfe Kurve schlug die «Basler Zeitung» ein. Ein Rechtsrutsch zeigt sich auch bei europäischen Blättern oder bei manchen Kolumnisten. «Seit dem Mauerfall und 9/11 gibt es eine Verhärtung in den Denkmodellen: Uneindeutigkeit und Ambivalenz werden abgelöst durch eine Polarisierung: Man ist entweder für etwas oder dagegen», sagt der Autor. Zwischentöne würden plattgewalzt. Was zurückbleibt, ist Blut – im Fall von «Bad News» viel Blut.

Leidenschaflicher Hass

Diesen Wandel lässt Ziauddin die Hauptfigur, sein fiktives Alter Ego, erleben: M. ist ein vielversprechender Nachwuchsjournalist, er ist schlau, interessiert, er beobachtet genau, hat eine gesunde Portion Selbstironie, und er will sich nicht festlegen – ob es um die Beziehung mit seiner mazedonischen Freundin Karina geht oder darum, auf einen Schlag neun Redaktoren zu entlassen. Denn zu Letzterem zwingt ihn schon bald sein Chef: Gehen müssen schliesslich «exakt jene, die du abgesegnet hast». Für M. kann von «absegnen» allerdings nicht die Rede sein. Pikantes Detail: Ab zehn Entlassungen hätte T. einen Sozialplan ausarbeiten müssen.

In den letzten zwanzig Jahren zeichnete sich ab: Die Linke hat die Ängste des kleinen Mannes zu wenig wahrgenommen. Das Vakuum haben rechtskonservative Kreise gefüllt. «Sie hassen leidenschaftlicher», schreibt Ziauddin in seinem Roman. Auch M. erliegt der Verführungskraft seines Chefs, bald schon gehen ihm «die ewig gleichen Formulierungen aus dem rot-grünen Sprachknigge» auf den Geist: «Ebenso gut konnte man einer Tonbandaufnahme aus den Siebzigerjahren lauschen.» Und Ziauddin lässt sein Alter Ego überlegen: «Konnte es sein, dass eine stramm linke Position zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Indiz für intellektuelle Verschnarchtheit war?»

«Bad News» ist eine Verschmelzung von Fakten und Fiktion. In seinen stärksten Momenten ist das Buch eine scharfsin­nige und höchst unterhaltsame Analyse von Machtstrategien, aufgemischt durch eine temporeiche Sprache, die sich alltagsnah gibt und Pop-Elemente integriert. Dafür gibt es Vorbilder. Bei Ziauddin sind sie unschwer zu erkennen. In einer Kolumne bekannte er, wie er über den Roman «Fegefeuer der Eitelkeiten» von US-Autor Tom Wolfe zum Schreiben gefunden habe. Wolfes jüngstes Buch «Back to Blood» nahm Ziauddin zum Anlass für einen Essay in der «Zeit» – über genau jene Verhärtung der ­Fronten.

Der Autor scheint nicht glücklich darüber, wie bisherige Buchbesprechungen «wie ein Rorschachtest» auf die realen Bezüge fokussieren. Aber: Als erfahrener Medienmann muss er gewusst haben, dass die Medien das Buch als Köppel-Roman lesen würden. War das nicht kalkuliert?

Zumal der erste Bericht über das Buch im «Magazin» des «Tages-Anzeigers», wo Ziauddin heute als Redaktor arbeitet, just mit einem Bild von Köppel aufgemacht war. Ziauddin grinst, wird aber sogleich wieder ernst. Der Stoff habe ihn beschäftigt. Und ja, vielleicht sei er naiv gewesen.

Von Realität überholt

Auch er hat Notizen zum Gespräch mitgebracht. «Wieso haben Sie keine Frage zu Damir gestellt?», will er am Schluss wissen. Wie recht er hat! Der zweite Erzählstrang seines Buches handelt von einem bosnischen Muslim. Dieser liest «die wichtigste Wochenzeitung des Landes», vor allem aber auch die Onlineleserkommentare. Zuschreibungen wie «Kopftuchschlampe», «Ziegenficker», «Terrorreligion» treiben ihn in die Moschee und dort in die Arme eines Radikalen. ­

Diese Figur beruhe auf journa­listischen Recherchen, erzählt Ziauddin ungefragt. Damir erscheint jedoch blasser als die Hauptfigur. Und er wirkt plotgesteuert. Vor allem: Diese Figur wurde von der Realität überholt. Seit dem Attentat von Boston, spätestens seit «Charlie Hebdo» oder den jüngsten Anschlägen von Paris ist die Radikalisierung von – arabischstämmigen – Muslimen, denen die Teilhabe an der Gesellschaft verwehrt wird, schon fast ein Gemeinplatz.

Online-Leserkommentare

Es ist die Ironie dieses klug angelegten und rasant geschriebenen Medienromans: Mit Blick auf die Pegida-Bewegung oder die Diskussion über die Übergriffe in Köln ist das Buch brandaktuell, daneben fällt es aber auch seinem eigenen Thema zum Opfer. Das zeigt sich etwa bei den bisherigen Onlinekommentaren. Sie beschränken sich zumeist auf ein Thema – pro oder kontra «Welt­woche».

«Bad News», Bruno Ziauddin, Nagel?&?Kimche, 208 Seiten. Buchpremiere: 11.?Februar, 20 Uhr, Kaufleuten, Zürich. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.02.2016, 08:50 Uhr

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Zur Person

Bruno Ziauddin (50) ist Sohn eines indischen Ingenieurs und einer Schweizer Krankenpflegerin. Neben leitenden Funktionen bei «Weltwoche», später «annabelle» und heute beim «Magazin» schrieb er den Bestseller «Grüezi Gummihälse» und das autobiografische «Curry-Connection». Für seine Texte wurde er mehrfach ausgezeichnet.ass

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