Ein Panther im Schnee

Mit «Gott, hilf dem Kind» hat Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison ein kraftvolles Alterswerk über Rassismus und die Schutzlosigkeit von Kindern geschaffen.

Die Grande Dame der afroamerikanischen Literatur: Toni Morrison (86).

Die Grande Dame der afroamerikanischen Literatur: Toni Morrison (86). Bild: Getty Images

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«Du solltest immer Weiss tragen. Nur Weiss», schärft ihr ein Berater ein. Das Weiss bringe ihre dunkle Haut zur Geltung, verleihe Klasse. Es lasse die Leute an handgeschöpfte Pralinen denken, an Nacht und Eis, an einen Panther im Schnee.

«Schwarz ist das neue Schwarz, du verstehst, was ich meine?», sagt Jeri, der sich als «Designer für den ganzen Menschen» versteht. Und so wird in Toni Morrisons neuem Roman «Gott, hilf dem Kind» aus dem hässlichen Entlein ein stolzer Schwan.

«Schwarz ist das neue Schwarz, du verstehst, was ich meine?»Zitat aus «Gott, hilf dem Kind»

Denn das Leben hatte für Loula Ann ganz anders begonnen. Die Mutter hatte sie nach ihrer Geburt emotional verstossen. «Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte», bekennt sie. Die Mutter berührt ihre Tochter nicht, Loula Ann darf sie nicht «Mutter» rufen, der Vater trennt sich von Frau und Kind.

Denn Vater und Mutter haben einen deutlich helleren Teint. Beide waren stolz, wenn sie fast für Weisse gehalten wurden, und versuchten, nicht aufzufallen. «Wie sonst sollen wir uns einen Rest von Würde bewahren?», so die Mutter.

Verteufelt und vergöttert

Mit Rassismus in seinen unterschiedlichen Facetten hat sich die heute 86-jährige US-Autorin ­Toni Morrison in ihren zehn bisherigen Büchern auseinander­gesetzt. Ihre grössten Romane, «Sehr blaue Augen», «Sula» oder «Solomons Lied», wurden zu Klassikern, 1993 bekam Morrison als erste afroamerikanische Autorin den Literaturnobelpreis zugesprochen. Sie wurde als Ritterin in die französische Ehren­legion aufgenommen und erhielt von Barack Obama die Presidential Medal of Freedom.

«Gott, hilf dem Kind» richtet das Licht auf den Rassismus innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft – und spiegelt die absurde Ambivalenz der weiteren US-amerikanischen Gesellschaft gegenüber dem schwarzen Körper. Denn über die Farbe der Haut artikuliert sich beides: Verteufelung ebenso wie Vergötterung.

Loula Ann, die sich als Erwachsene Bride nennt, macht dank ­Jeris Rat ihre Schwärze zum «Glamour-Accessoire». Sie wird Managerin einer Kosmetiklinie, fährt einen Jaguar und wird für ihre Liebhaber zur exotischen Trophäe, die sich Botox, Selbstbräuner und Silikon sparen kann: «Ich verkaufe meine schwarze Eleganz an die Plaggeister meiner Kindheit. Es ist ein Triumph.»

Einer, der sich allerdings nur an der Oberfläche abspielt. Und so wird Bride bald ein zweites Mal verstossen. Der Mann, dem sie sich versucht hat zu öffnen, weist sie zurück: «Du bist nicht die Frau, die ich will», sagt er. Ganz ähnlich wie schon ihre Mutter.

Es ist ein Schock, der Bride in ihre Kindheit zurückwirft und eine späte Coming-of-Age-Geschichte in Gang setzt. «Ich wollte darüber schreiben, wie das Mädchen zu einer dreidimensionalen Person wird», sagt Morrison. In einem Anflug von magischem Realismus verliert Bride ihre weiblichen Attribute und findet sich in einem abgemagerten Mädchenkörper wieder.

Mythisch und märchenhaft

Was folgt, ist ein Roadmovie, das Bride von der «Komfortzone, in der es gepflasterte Strassen, gepflegte Rasenflächen und eine ethnische Vielfalt von Menschen gab», in die Holzfällerwälder im Norden Kaliforniens führt. Hinein in eine schutzlose Welt, die so ganz im Gegensatz dazu steht, was man sich für ein Kind erhoffen mag.

Morrison zeichnet ein krud realistisches und zugleich mythisch und märchenhaft überhöhtes Zeitenbild voller psychischem und physischem Missbrauch.

Morrison zeichnet ein krud realistisches und zugleich mythisch und märchenhaft überhöhtes Zeitenbild voller psychischem und physischem Missbrauch. Auf dem Weg der Läuterung spielt ein armes weisses Mädchen eine Rolle, dem sich Bride wie in einer Schulmädchenfreundschaft verbunden fühlt, ebenso eine hexenartige weise Frau. Und natürlich der verlorene Lover mit der mysteriösen Vergangenheit, die es aufzurollen gilt. Gibt es ein Entkommen aus dieser hässlichen Welt?

«Jeder wird sich an eine trau­rige kleine Story von Frust und Verletztsein klammern. Die Jugend war der Vorwand für den Glückskeks Liebe – bis sie sich in die pure Dummheit des Erwachsenenseins verwandelt hatte», lässt Morrison eine ihrer Figuren orakeln. Leidtragende der Irrungen ihrer Eltern sind die Kinder. Und doch: Märchen haben ein Happy End.

Virtuos und vielschichtig

Morrison geht es um Sein statt Design und um den ganzen Menschen. «Gott, hilf dem Kind» ist virtuos komponiert, vielschichtig und motivisch dicht angelegt und in einer schlichten, hoch gesättigten, aber oft auch kecken Sprache geschrieben.

Es wäre ein grossartiger Roman, hätte man nur nicht das Gefühl, man lese zuweilen die skizzenartige Schmalspurvariante davon, was das Buch sein könnte. Es mag dem hohen Alter der Autorin geschuldet sein, vielleicht auch dem drängenden Thema, dass Toni Morrison dem Buch nicht mehr Körper verliehen hat.

Toni Morrison: «Gott, hilf dem Kind», Rowohlt, 208 Seiten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.04.2017, 10:59 Uhr

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