Ein Bleichgesicht vermasselt alles grossartig

Der US-Rapper George Watsky sieht nicht aus wie ein Rapper. Und er tut Dinge, von denen man nicht erwartet, dass Rapper sie tun. Der 30-Jährige hat zum Beispiel ein wunderbar selbstironisches Buch über sein Leben geschrieben.

Rappt schnell, schreibt gut:  George Watsky (30).

Rappt schnell, schreibt gut: George Watsky (30). Bild: zvg / Eleanor Stills

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Es ist ein Abend im August, als George Watsky beschliesst, kriminell zu werden. Er wird einen Narwalstosszahn von Kanada in die USA einführen. Weil Narwalstosszähne als Elfenbein gelten, ist das eine Straftat. Der entscheidende Punkt für Watsky aber ist, dass June, die Tante seines Mitbewohners, in dreizehn Tagen 100 Jahre alt wird und sich zum Geburtstag nichts mehr wünscht, als ebendiesen Stosszahn in ih­rem Haus aufzustellen. Narwale sind, man ahnt es, die Leidenschaft von Tante June. Manchmal, findet Watsky, gibt es in Sachen Moral Abwägungen. Und Umweltschutz und Liebe sind nicht immer miteinander vereinbar.

Zuerst läuft alles nach Plan. Aber dann, auf dem Rückweg, irgendwo im Bundesstaat Wyoming, wird Watsky verhaftet. Nicht wegen des grossen Stosszahns im Kofferraum seines Su­baru Outback, sondern, weil ein Streifenpolizist im gleichen Kofferraum eine Glaspfeife mit verkrusteten Marihuanaresten im Pfeifenkopf findet. Die Nacht im Gefängnis hinterlässt bei Watsky vor allem eine Erinnerung: kalte Füsse. «Nimm einem Mann die Socken weg, und er bereut sein Verbrechen sofort», folgert er.

Bleich und schmächtig

Internationaler Elfenbeinschmuggel ist nicht gerade die Straftat, von der man erwarten würde, dass sie ein Rapper begehen würde. George Virden Watsky aus San Francisco aber ist Rapper, aber eben auch nicht unbedingt der Typ Mensch, von dem man erwartet, dass er Rapper ist. Der bald 31-Jährige stammt aus der weissen amerikanischen ­Mittelschicht. Die Mutter Bibliothekarin, der Vater Psychotherapeut. Solide Schulbildung. Zahnspangenträger. Epileptiker. Watsky ist ein schmächtiger Typ, bleich im Gesicht. Als junger Mann gewinnt er ein paar Nachwuchspreise als Poetry-Slammer. 2011 geht ein Filmchen von ihm viral. «Pale Kid Raps Fast» heisst es: Watsky streichelt eine Katze und rappt dazu sehr schnell sehr gut.

«Nimm einem Mann die Socken weg, und er bereut sein Verbrechen sofort.»George Watsky

Dann geht es schnell: Watsky nimmt Alben auf, wird in den USA populär, tourt durchs Land, später durch Europa. 2016 ver­öffentlicht er sein erstes Buch: «How to Ruin Everything» schafft es auf die Bestsellerliste der «New York Times». Am 23. August erscheint das Werk auf Deutsch. Watsky erzählt darin dreizehn Kurzgeschichten aus seinem Leben. Vieles, was er erlebt hat, haben Männer seiner Generation so oder ähnlich erlebt: Es geht um das Zusammenleben in einer abgesifften WG, die Liebe zum Sport und das lange Lechzen nach einem eigenen Erfolgserlebnis oder zumindest einem seines Lieblingsteams. Es geht um einen verkifften Trip durch Europa; um die Demütigung, eine Zahnspange verpasst zu bekommen, oder um vergebliche Versuche, ältere Frauen ins Bett zu bekommen. Es geht um ständige Selbstzweifel und unerschütterlichen Optimismus.

Watsky schreibt darüber bemerkenswert ehrlich, selbstironisch, dicht, fantasievoll und detailreich. Und alles geht rasant voran. Davon wird man, wenn man nicht gerade bei der letzten, deutlich abfallenden Story im Buch, einsteigt: süchtig.

Rastlos und illusorisch

Seine Geschichten seien autobiografisch, sagt George Watsky in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Als Autobiografie wolle er sein Buch aber nicht verstanden wissen. «Ich wollte vor allem gut geschriebene, interessante Storys erzählen und über meine wenige Lebenserfahrung nachdenken.»

Das ist gelungen. Und seine Lebenserfahrung reicht dem Autor, die eine oder andere Weisheit in sein Buch zu packen. Watsky tut dies cool und beiläufig, wie er es auch als Rapper in seinen Reimen tut.

Besonders schön ist etwa, wie Watsky erklärt, weshalb rastlose Menschen wie er fürs Leben gern Auto fahren. «Autofahren gibt mir ein Ziel und einen Weg vor, und die immer neuen Landschaften, die draussen vorbeifliegen, erzeugen die angenehme Illusion, voranzukommen.»


George Watsky: «Wie man es vermasselt», Diogenes, 333 Seiten,
erscheint am 23. August.Konzert: Sa, 19. August, 15.30 Uhr, Open Air Gampel. Lesung: Di, 26. September, 19 Uhr, Kulturhaus Kosmos, Zürich.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 16.08.2017, 09:06 Uhr

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