Die Flucht aus dem eigenen Leben

Der neue Roman von Peter Stamm ist so raffiniert wie verstörend. Ein Hausbesuch beim Autor mit Gesprächen über das Spielerische der Kunst und darüber, wie gut er seine Figuren kennt.

Schreiben als Forschungsprozess: «Ich stelle mir eine Aufgabe und muss eine ästhetisch befriedigende Antwort finden», sagt Peter Stamm.

Schreiben als Forschungsprozess: «Ich stelle mir eine Aufgabe und muss eine ästhetisch befriedigende Antwort finden», sagt Peter Stamm. Bild: Sandra Ardizzone

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Es ist der letzte Ferientag. Thomas und Astrid sitzen mit einem Glas Wein auf der Bank im Garten. Alles scheint in bester Ordnung. Die Kinder Ella und Konrad sind schon im Bett. Dann ist noch einmal Konrads Stimme zu hören.

Astrid erhebt sich und geht ins Haus. Thomas bleibt sitzen. Doch plötzlich steht er auf und läuft aus seinem Leben hinaus: «Er zögerte einen Augenblick, dann bog er mit einem erstaunten Lächeln zum Gartentor ab. Obwohl er vollkommen nüchtern war, kam es ihm vor, als bewege er sich wie ein Betrunkener, langsam und den Untergrund vor jedem Schritt prüfend.»

Mit dieser Szene eröffnet Peter Stamm seinen neuen Roman «Weit über das Land». Und eigentlich sagt sie schon alles dazu, was in dem gut 200-seitigen Buch passiert – fast.

Peter Stamm sitzt in seinem Schreibbüro. Der Blick geht hinaus auf ein nahe stehendes Wäldchen. Dorthin, wo eben noch die Fotografin nach einem passenden Ort gesucht hat – die meisten Bäume wurden in früheren Jahren bereits abfotografiert. «Weit über das Land» ist das zehnte Buch des Autors, der seit seinem Debüt «Agnes» von 1998 mit seinen Romanen und Erzählungen als einer der wenigen Schweizer über die Grenze hinaus Erfolg hat.

2013 war der ­heute 53-Jährige gar für den Man Booker International Price nominiert. Nicht zum ersten Mal darf man den Autor zu Hause in Winterthur besuchen. Und man knüpft an das letzte Gespräch an. Er gehe von Fragen aus und suche Antworten, hiess es damals. Ist das auch beim neuen Buch so?

Bild eines Flüchtenden

«Am Anfang stand diesmal das Bild eines Mannes, der nachts durch das Land flüchtet», sagt Stamm. Es sei ein altes Bild, mit dem er schon oft versucht habe, etwas zu machen. Dann habe ihm ein Freund von einer Geschichte des US-amerikanischen Romantikers Nathaniel Hawthorne erzählt. Darin geht es um einen Mann, der zwanzig Jahre lang verschwunden war, dabei aber seine Frau aus nächster Nähe beobachtete. Für den vorliegenden Roman habe er versucht, das Bild und den Kern dieser Erzählung zusammenzubringen, sagt er.

Man erfährt wenig über seinen Thomas. Man sieht ihn, wie er flüchtet, darum bemüht, unerkannt zu bleiben. Wie er scheinbar ziellos über das Land zieht, südwärts, in unbewohntere Gegenden, Täler hinauf und schliesslich in fast menschenleere Berge. Über seine Beweggründe erfährt man nichts.

Nur, dass er Astrid und den Kindern verbunden bleibt. Das Wissen darum etwa, wie ihn seine Frau anhand von Kreditkartenbezügen nachverfolgen kann, verschafft ihm ein Gefühl von Geborgenheit. Man fragt sich: Wie gut kennt der Autor seine Figur?

«Kaum», sagt Stamm. Aber: Es gebe auch nicht viel zu ihm zu ­sagen. Er sei abgehauen, Punkt. Was er macht, sei unreflektiert. Und klar, es sei verantwortungslos und unmoralisch. Aber darum gehe es nicht. Er fühle sich ihm auch nicht besonders nah: «Thomas ist ein anderer Mensch als ich.»

Einzig, als er mit der Figur Richtung Süden gewandert sei, um für das Buch zu recherchieren, habe er sich ihm verbunden gefühlt: «Das war schön.» Und er erinnert sich daran, wie er mit Mitte zwanzig einmal planlos durch die Schweiz gelaufen sei, getrieben von dem Gefühl, frei zu sein, und der Neugier, wohin ihn das Laufen bringen würde.

Dann aber stutzt man: Viel interessanter als Thomas finde er die Frauenfigur Astrid, sagt der Autor. «Schon in einem meiner früheren Romane gab es einen Thomas, der ein Halunke war und sein ganzes Leben erfunden hatte.» Auch damals habe er die Frau, die im normalen Lebenszusammenhang bleibt, spannender gefunden als den, der ausbricht. «Verurteilen ist einfach, das Verzeihen ist viel anspruchsvoller.»

Von Astrid erfährt auch der Leser mehr: Wie sie mit dem Verlust umgeht, wie sie das Verschwinden zunächst nicht wahrhaben will und versucht, es zu verheimlichen, wie sie wütend wird, sich aber auch an ihre eigenen kleinen Fluchten erinnert. Man sieht Astrid ihrem Mann hinterherfahren und ihn zunächst in Lachen, später im Muotatal und auf der Höhe des Pragelpasses suchen. Diese Figur ist in der realen Welt verankert, zugleich lernt man sie auch über ihre Innerlichkeit kennen, über ihre Gefühle.

Doch: Worum geht es in dem Roman? Um den Ausbruch aus der Routine? Überdruss an der Zivilisation? Um den Lebenssinn? Klar ist: Leitmotivisch durchziehen viele Gegensätze das Buch, etwa auch Licht und Schatten. «Ah ja, ist das so?», fragt Stamm, und es klingt aufrichtig interessiert. Der Autor zündet sich eine Zigarette an, fragt höflich, ob es wirklich nicht störe. «Ich schreibe der Geschichte entlang, und erst jetzt, da das Buch fertig ist, fange ich an, darüber nachzudenken, worum es darin geht.»

Dann fährt er fort: Vermutlich gehe es wie schon in «Agnes» und in vielen seiner Bücher um das Anhalten der Zeit. Es klingt improvisiert, als er anfügt: «Autoren halten immer etwas fest. Darin liegt wahrscheinlich die Attraktion der Literatur.»

Das verlorene Paradies

Peter Stamm hat seinem Buch ein Zitat vorangestellt: «Wenn wir uns trennen, bleiben wir uns.» Eine kindliche Sicht, die falsch sei, sagt der Autor, man bleibe ­natürlich nicht sich selbst. Und doch ist die romantische Sehnsucht danach vielleicht das, was Thomas antreibt. Jedenfalls schmerzt es ihn, zu sehen, wie die Kinder älter und unabhängiger werden. Verlässt er sie, kann er das aktuelle Bild von ihnen behalten.

Genau das tut aber die realistischer gezeichnete Astrid umgekehrt mit ihm nicht – vielleicht. Denn das ist das Verstörende und zugleich Raffinierte an dem Roman: Man weiss nie genau, was Realität ist und was sich die Figuren bloss vorstellen. Besonders deutlich wird das im zweiten Teil des Buches.

Dann nämlich stürzt Thomas in eine Felsspalte – und in der Fortsetzung der beiden Erzählspuren, die von Beginn an ­gelegt sind, lebt er in der einen Version weiter, in der anderen ist er jedoch tot. «In der Literatur ist es eben möglich, dass eine Figur sowohl tot wie lebendig sein kann», so Stamm.

Der Autor lacht, und eine fast kindliche Freude legt sich über das sonst so ernste Gesicht: «Ich konnte Thomas einfach nicht in den Bergen sterben lassen», sagt er, «das hat es in der Literatur schon zu oft gegeben.» So zeigt sich, wie dieser Autor schreibt. Es habe durchaus etwas Spielerisches, das solle man in der Kunst nicht unterschätzen, sagt er. «Ich stelle mir eine Aufgabe und muss eine ästhetisch befriedigende Lösung finden. Das hat etwas von einem Forschungsprozess.»

Also noch einmal die Frage: Hat er Antworten gefunden? Peter Stamm überlegt, dann bezieht er sich, wie so oft bei dem Treffen, auf einen Text aus seinem Werk: «Die Geschichte ist Frage und Antwort zugleich.» Und er fragt: «Habe ich das nicht schon beim letzten Mal gesagt?» Er lacht noch einmal. «Dann würde ich mir jedenfalls nicht widersprechen.»

Peter Stamm: «Weit über das Land», S. Fischer, 224 S., Lesung: Mi, 23.?März, 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher, Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.02.2016, 14:00 Uhr

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