«Der tägliche Kampf deformiert uns»

Soziale Ungerechtigkeiten sind ihre Themen: Beim Besuch in Zürich sprach die gefeierte britische Autorin Zadie Smith über ­Michael Jacksons Hautfarbe, Elena Ferrantes Einfluss – und über Peter Stamm.

Politische Autorin? «Ich beschreibe das Leben», sagt Zadie Smith (41).

Politische Autorin? «Ich beschreibe das Leben», sagt Zadie Smith (41). Bild: Gabriela Herman

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Rot leuchtet das straff um die Haare gewickelte Tuch, leuchtend rot sind auch ihre Sonnenbrille, der Lippenstift und das Muster ihres Kleids. Zadie Smith zieht die Blicke auf sich, wie sie an diesem schönen, warmen Herbsttag im Garten eines Zürcher Hotels sitzt.

Vor der Lesung am Abend legt sie noch einen Interviewmarathon hin. Alle wollen mit der 41-jährigen Autorin reden. Mit ihr, die seit dem fulminanten Debüt «White Teeth» von 2000 (dt. «Zähne zeigen») mit ihren Romanen und Essays über den Dreiklang Rassen-, Klassen- und Geschlechterunterschied zu einer modernen Ikone geworden ist. Und die sich mit ihrem Aus­sehen ebenso gut auf dem Cover einer Frauenzeitschrift macht wie mit ihren Gedanken auf den Kulturseiten internationaler Zeitungen.

Vor Jahren war Zadie Smith schon einmal in Zürich, kann sich aber nicht mehr erinnern. «Ich habe keine Vorstellung von der Schweiz», sagt sie mit ihrer dunklen, etwas herben Stimme und lacht herzlich, «ausser den üblichen Klischees, die bestimmt niemand hören will.»

«Ich greife gern Klischees auf, um sie dann genau zu durchleuchten.»Zadie Smith

Und doch, einen Anknüpfungspunkt gibt es: den Schweizer Autor Peter Stamm. Über seinen Roman «Sieben Jahre» hat sie, die in New York und London lebt und regelmässig im britschen «Guardian» Bücher bespricht, einen Essay ­geschrieben. Stamms zurückgenommener Ton hat ihr sehr gefallen. Er habe sie gar beeinflusst, den Ton für ihren aktuellen Roman «Swing Time» zu finden.

Das Ferrante-Modell

Deutlich erkennbar ist in «Swing Time» ein anderer Vorläufer: Elena Ferrantes neapolitanischer Romanzyklus, dessen letzter Band im englischsprachigen Raum bereits 2015 erschienen ist, klingt im Gerüst durch. «Sie inspirierte so viele Autorinnen in New York», bestätigt Zadie Smith. «Ferrante gab ihnen die Freiheit, darüber zu schreiben, was sie vorher womöglich als zu häuslich, zu intim oder zu belanglos empfunden hatten», sagt sie, «sowie die Erinnerung daran, dass es in einigen zentralen Beziehungen im Leben einer Frau nicht um Männer geht.»

Ähnlich war es bei der britischen Autorin Charlotte Brontë. Als diese Mitte des 19. Jahrhunderts «Jane Eyre» publizierte, zog das Buch eine Welle von Romanen nach sich, die auf die weibliche Erfahrung fokussierten. «Es ist ein grosses Geschenk, das Schreibende ­einander geben können.» Ein neuer Blickwinkel tue sich auf.

Zadie Smith, die als Kind einer jamaikanischen Mutter und eines weissen Vaters in einem Arbeiterquartier von London aufgewachsen ist, erweitert das Ferrante-Modell vom Kampf um sozialen Aufstieg und Gleichberechtigung der Geschlechter um die Dimension der Herkunft beziehungsweise der Rasse. Und wo Ferrante ihre Geschichte zwischen dem armen Süden und dem reichen und gebildeten Norden Italiens aufspannt, weitet sie es zum globalen Dreieck zwischen London, den USA und einem namenlosen Land auf dem afrikanischen Kontinent.

Im Zentrum steht die lebenslange Beziehung zweier Mädchen: der quirligen, intelligenten, zu allem entschlossenen Tracey und der zurückhaltenden, namenlosen Ich-Erzählerin. Sie lernen sich bei den Tanzstunden in ihrem Quartier kennen. Und Tanz spielt eine zentrale Rolle in Smiths neuem Roman.

«Für viele Schwarze der Arbeiterklasse ist es ein täglicher Krieg, sicherzustellen, dass die Kinder eine Erziehung geniessen können und nicht verloren gehen.»Zadie Smith

«Das Buch handelt von der Diaspora», sagt Smith, also von den Schwarzen, die aus der ursprünglichen Heimat in Afrika über die ganze Welt verteilt leben. In der Musik habe sie etwas gefunden, das zentral für diese Gemeinschaft stehe. «Ich greife gern Klischees auf, um sie dann genau zu durchleuchten.»

Es gibt aber auch einen biografischen Bezug. Smith stammt aus einer musikalischen Familie, ihre Tante ist Sängerin, ihr Bruder ist Rapper, sie selbst singt gelegentlich. Sängerin zu werden, hat sie jedoch nicht interessiert. «Davon handelt der Roman. Es geht darum, sich nach anderen Möglichkeiten zu fragen.»

Wie es wäre, etwas anderes zu wählen, das schildert die Ich-Erzählerin. Allerdings spricht sie dabei kaum über ihre eigene Erfahrung. «Ich brauchte jemanden, der unglaublich passiv war, damit ich über alle anderen sprechen konnte», sagt Zadie Smith, und wieder lacht sie. «Sie ist wie ein offenes Auge.»

Ein Auge, das den täglichen Kampf der Schlechtergestellten registriert und detailscharf das Porträt einer Epoche zeichnet – aus dem Blickwinkel der Schwarzen. Da ist nicht nur Tracey, die ihren Traum versucht, als Musicaltänzerin zu leben. Da ist auch die Figur der Mutter, die ihr Leben ganz der Bildung verschreibt. «Meine Mutter mass die Zeit in Buchseiten», lässt Zadie Smith ihre Erzählerin sagen. «Wenn man sich Zeit so vorstellt, dann bleibt keine Zeit, in den Park zu gehen oder sich ein Eis zu holen, keine Zeit, ein Kind ins Bett zu bringen, keine Zeit, sich die tränenreichen Schilderungen eines Albtraums anzuhören.» Klingt da nicht auch Kritik am Credo des sozialen Aufstiegs durch?

Traumatisierende Erfahrung

«Es ist eine Kritik des Systems», sagt Smith, und jetzt klingt ihre Stimme scharf. «Leute aus der weissen Mittelschicht können sich das nicht vorstellen. Aber für viele Schwarze der Arbeiterklasse ist es ein täglicher Krieg, sicherzustellen, dass die Kinder eine Erziehung geniessen können und nicht verloren gehen. Einen Krieg zu führen, deformiert einen.» Für die wenigen, denen der Aufstieg gelingt, sei dieser Schritt «traumatisierend». Wer es durch das Nadelöhr der Selektion hindurch schaffe, werde aus seinem bisherigen Leben fortgerissen. «Für Weisse aus der Mittelschicht gibt es keinen solchen Bruch.»

Schlüsselszene im Roman – aber auch für die Erfahrung der Schwarzen im realen Leben – ist ein Interview mit Michael Jackson im Fernsehen. Jackson hat das Musikvideo zu «Thriller» gedreht, er zeigt sich darin erstmals mit aufgehellter Hautfarbe. Im Fernsehen wird er von Oprah Winfrey darauf angesprochen. Jackson ist beispielhaft für den Aufstieg um den Preis der Entfremdung von den Wurzeln.

«Ich schreibe Bücher für die Menschen, die sie lesen und über ihre Haltung in ihrem eigenen sozialen Leben nachdenken.»Zadie Smith

«Mit ‹Thriller› begann sein Erfolg. Amerika und die ganze Welt liebten ihn mit dem helleren Hautton, der kleinen Nase, dem glatten Haar. Das war eine enorme Bestätigung für ihn in seinem Versuch, weiss zu erscheinen. Und was zeigte das den Kindern von Schwarzen?», sagt Smith. Später habe Jackson gesehen, wie Hip-Hop aufkam, und gemerkt, dass es kein Verbrechen war, schwarz zu sein. «Aber da war es zu spät für ihn. Poor guy.»

Basis für Gleichberechtigung

Wie kann man den traumatischen Erfahrungen der Schwarzen der Arbeiterklasse entgegenwirken? Zadie Smiths Stimme bleibt scharf, die Antworten werden einsilbig. «Das Schulsystem», sagt sie. «Für mich ist es der offensichtlichste Ort, um von Anfang an eine Basis für Gleich­berechtigung zu schaffen.»

Von politisch auferlegtem Zwang hält sie nichts. Sie erhofft sich, die Gesellschaft werde gemeinsam zu mehr Gleichberechtigung finden wollen. Dazu können Bücher beitragen. Sie sagt: «Ich schreibe Bücher für die Menschen, die sie lesen und über ihre Haltung in ihrem eigenen sozialen Leben nachdenken. Die sich ändern, in der Art, wie sie ihre Kinder erziehen, welche Orte sie zum Wohnen wählen und wie sie an der Gemeinschaft teilnehmen.»

Als explizit politisch versteht sie ihr Schreiben aber nicht. «Das Leben ist von Natur aus politisch», sagt sie, alle Menschen befänden sich in Umständen, die sich an jeder Stelle mit Politik überschneiden würden. «Ich beschreibe das Leben», sagt sie und doppelt noch einmal nach: «Yeah.» So ist das.

Zadie Smith:«Swing Time»,
Kiepenheuer & Witsch, 640 Seiten.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 14.10.2017, 13:26 Uhr

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