Der langsame Schritt aus dem Schatten

«Swing Time», der neue Roman von Zadie Smith, mimt den klassischen Bildungsroman, erzählt jedoch eine andere Geschichte: Die Autorin zeichnet darin ein weltumspannendes Panorama der Verwerfungen von Rasse und Macht.

Auf der Suche nach einer postkolonialen Identität: Zadie Smiths Auslegeordnung überfordert in ihrer Breite.

Auf der Suche nach einer postkolonialen Identität: Zadie Smiths Auslegeordnung überfordert in ihrer Breite. Bild: Keystone

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«Hure» steht in der Betreffzeile. In der Mail darunter nur der eine Satz: «Jetzt weiss endlich jeder, wer du wirklich bist.» Der Absender ist anonym, doch es ist klar, von wem die Mail stammt.

Die Aussage stimmt jedoch nicht. Soeben hat die Icherzählerin in Zadie Smiths fünftem Roman «Swing Time» ihr bisheriges Leben vorbeiziehen sehen: «Ich sah all meine Lebensjahre auf einmal, allerdings nicht ordentlich gestapelt, Erfahrung auf Erfahrung, sodass ein tragfähiges Etwas daraus entstand – im Gegenteil. Mir wurde eine Wahrheit offenbar: dass ich immer versucht hatte, mich an das Licht anderer anzuschliessen. Ich erlebte mich als eine Art Schatten.»

Tanzstunden in der Kindheit

Sie trafen sich 25 Jahre zuvor bei den Tanzstunden, die in der Kirche ihres Quartiers im Norden Londons angeboten wurden: Tracey und die namenlose Icherzählerin. Zwei siebenjährige Mädchen, die wie «zwei Eisenspäne» vom selben Magneten angezogen wurden. Der Grund dafür: «Wir hatten den identischen Braunton, als hätte man ein Stück ­hellbraunen Stoff durchge­schnitten.»

Abgesehen vom Hautton gleichen sich die beiden Mädchen ­allerdings nicht. Tracey hat eine weisse Mutter, die sie mit Spielzeugen und Markenkleidern überschüttet. Ihr jamaikanischer Vater geht im Gefängnis ein und aus. Die Eltern der Erzählerin sind «falsch rum». Ihr Vater ist weiss und arbeitet als Postbeamter, ihre jamaikanische Mutter ist Feministin mit politischen Ambitionen.

Von der Verbindung ihrer Tochter zu Tracey hält sie gar nichts. Glücklich und grausam zugleich eröffnet sie der Tochter, deren Plattfüsse würden jeglichen Traum von einer Karriere als Tänzerin vereiteln. Lernen soll sie und den schwarzen Körper mit dem Rhythmus im Blut vergessen. In der Bildung sieht die Mutter den einzigen Weg zum sozialen Aufstieg.

So weit, so gut die Ausgangslage des klassischen Bildungsromans. Und tatsächlich: Die hübsche, talentierte Tracey gewinnt ein Stipendium an der Musicalschule. Die Erzählerin verbaut sich aus Trotz gegenüber der Mutter eine gute Ausbildung, macht doch noch einen Abschluss und wird schliesslich Assistentin der Popdiva Aimee, die nach dem Vorbild von Madonna gezeichnet ist.

Damit weitet sich die Anlage der konkurrierenden Freundinnen zur Dreierkonstellation. Tracey erhält in der Popdiva einen Counterpart. Und das Buch gewinnt eine globale Dimension. Der Roman stellt die Kinder- und Jugendjahre der Freundinnen einander gegenüber. Londons Norden, wo die Mädchen aufwachsen, spiegelt sich in einem west­afrikanischen Land. Dort spendet Aimee Geld für den Aufbau einer Mädchenschule.

Rasse, Klasse, Geschlecht sind die Themen der 41-jährigen jamaikanisch-britischen Autorin, die mit ihrem Debüt «Zähne zeigen» im Jahr 2000 mit nur 24 Jahren fulminant die Bühne der internationalen Literatur betreten hat. Im neuen Buch fächert sie diese Themen zu einer weltumspannenden Auslegeordnung auf, die in ihrer Breite allerdings überfordert. Ob das Absicht ist?

Moderne Form der Sklaverei

Tracey hat «den Rhythmus in jeder einzelnen Zelle», schreibt die Erzählerin über die Freundin. Durch ihre Augen sehen wir, wie das kleine Mädchen seinen Traum, ein Star im Showbusiness zu werden, hartnäckig verfolgt. Und doch ist allein die Tatsache, dass sie es überhaupt einmal auf eine Bühne schafft, schon als ­Erfolg zu werten.

Statistisch viel höher ist für sie die Wahrscheinlichkeit einer Zukunft als alleinerziehende Mutter. Es wird Traceys Schicksal werden: Nachdem ihre eigene Mutter gestorben und deren Unterstützung weggefallen ist, muss sie ihren Traum aufgeben.

Besser gelingt es der weissen Aimee, sich an die Spitze der Gesellschaft zu stellen. Auch sie stammt aus sozial benachteiligten Verhältnissen und sieht es als Verpflichtung, mit privatem Engagement in den Lauf der Welt einzugreifen. Wie Entwicklungshilfe den guten Intentionen zuwiderlaufen mag, ist bekannt.

Und so edel Aimees Wille scheint, steht nur schon die Tatsache, dass sie sich mit ihrer Assistentin eine moderne Form der Sklaverei leistet, in eklatantem Widerspruch dazu. Als diese es wagt, sich zu widersetzen, wird sie auf ihren Platz verwiesen und vor der Weltöffentlichkeit geschmäht.

«Jetzt weiss endlich jeder, wer du wirklich bist» – die Erzählerin hat bis anhin selbst nicht gewusst, wer sie war und was sie im Leben wollte. Obwohl sie in der ersten Person spricht, war ihr «Ich» eine Leerstelle, die sich durch ihr «Anderssein» füllt – in England wird sie als «Schwarze» wahrgenommen, in Afrika als «Weisse».

Smith versucht, diese schwierige Suche nach einer postkolonialen Identität in ihrem Roman erzählerisch umzusetzen. Was konzeptuell überzeugen mag, ist als Leserfahrung zumindest gewöhnungsbedürftig.

Zadie Smith:«Swing Time», Kiepenheuer & Witsch, 640 Seiten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.08.2017, 16:51 Uhr

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