«Der Kulturkampf von Stadt und Land spitzt sich zu»

Seit ihrem Debüt ist sie ein Star der deutschen Literatur und äussert sich immer wieder auf politischen Bühnen. Mit «Unterleuten» hat Juli Zeh nun einen Gesellschaftsroman geschrieben.

Schriftstellerin Juli Zeh (41): «Die Menschen sind heute gezwungen,ihren eigenen Interessen zu folgen.»

Schriftstellerin Juli Zeh (41): «Die Menschen sind heute gezwungen,ihren eigenen Interessen zu folgen.» Bild: Thomas Müller

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Juli Zeh lebt mit ihrer Familie eine Stunde ausserhalb von Berlin. In die Stadt kommt sie nicht für Interviews, zu Hause empfängt sie keine Journalisten, am liebsten sind ihr telefonische Gespräche. Mails beantwortet sie postwendend, aber knapp. Überraschend frisch klingt ihre Stimme, als man endlich mit ihr über ihren neuen Roman reden kann, der in einem brandenburgischen Dorf spielt. Juli Zeh spricht ins Handy, die Antworten sind gestochen scharf, zweimal fährt sie während des 40-minütigen Gesprächs in ein Funkloch: Die Autorin hat den Telefontermin so gewählt, dass sie eine Autofahrt übers Land zum Reden nutzen kann.

Frau Zeh, Sie sind vor zehn Jahren aus Leipzig in ein 300-Seelen-Dorf gezogen. Warum?
Juli Zeh: Ich wollte eigentlich mit meinem Mann nach Berlin. Dann sind wir über eine Immobilienanzeige gestolpert. Wir sind da reingerutscht, es hat sich so ergeben.

Wie gut sind Sie im Dorf integriert?
Wir hatten den Eindruck, dass wir fast vom ersten Tag an von den Leuten gut angenommen worden sind. Irgendwie stimmt die Chemie. Man lebt zusammen, ohne dass es zu eng wäre. Wir fühlen uns sehr wohl dort.

Sie haben keine Feindseligkeiten gegenüber Städtern erlebt?
Uns persönlich hat das gar nicht betroffen. Ich habe aber schon erlebt, dass Leute auf dem Dorf empfindlich reagieren, wenn Städter idealisierte Vorstellungen vom romantischen Landleben mitbringen. Wer aus der Stadt kommt und dann den Leuten sagen will, wies geht, stösst schon auf Ablehnung. Die Leute mögen es einfach nicht, wenn man sie belehrt.

Sie selbst haben das gut umschifft.
Wir hatten vom Landleben keine Ahnung. Wir sind als Lernende gekommen, fühlten uns hilflos, und man begegnete uns mit sehr viel Hilfsbereitschaft. Es war für uns von Vorteil, dass wir so dahergestolpert sind.

Ihr neues Buch spielt in einem Dorf, das «Unterleuten» heisst. Wie ist das zu verstehen: Ist man in der Stadt nicht unter Menschen?
Das Buch will ja nicht nur ein Dorfroman sein. Es will etwas Grundsätzlicheres erzählen, über das menschliche Miteinander, über die Zeit, in der wir leben. Der Mensch ist keine Insel, so sehr wir jetzt alle Individualisten sein wollen. Wir sind trotzdem immer unter Leuten, und deswegen heisst das Dorf auch so.

Der Verlag kündet das Buch als Gesellschaftsroman an. Was ist für Sie ein Gesellschaftsroman?
Ein Roman, der versucht, über die Handlung hinaus etwas über das Zeitalter, in dem er stattfindet, zu sagen, und der nur genau in dem Jahrzehnt, in dem er angesiedelt ist, stattfinden kann. Die Figuren, die darin auftauchen, sind stark beeinflusst von der Gesellschaft, in der sie leben. Das versucht «Unterleuten »zu sein.

Und was hat Sie daran interessiert?
Der Mensch in der Gesellschaft ist mein grosses Thema. Mein ganzes Denken dreht sich immer wieder um die Frage: Wie leben wir zusammen in der Zeit, in der wir uns befinden? Was sind unsere Regeln, unsere Moral? Woher haben wir das? Was sind unsere Konflikte? Wie geht es weiter?

In dem Roman jetzt aber doch in einem umfassenderen Wurf.
Literarisch auf jeden Fall. Das liegt schon allein an der Menge der Figuren. Ich habe bislang in meinen Romanen eher kammerspielartige Anordnungen gehabt mit drei bis vier Figuren. Auch die Zeiten, in denen die Handlung sich ereignet, waren eher kurz. Es war überschaubarer, weil ich das nicht anders konnte. Schreiben hat viel damit zu tun, was man aushalten kann. In «Unterleuten» spielen auch die Vorgeschichten der Leute eine grössere Rolle, und es wird mehr Epoche und mehr Welt miterzählt.

Im Buch klingen Vorbilder an.
Dass die Figur Linda aus dem Buch mit Nachnamen Franzen heisst, ist eine Verbeugung quer über den Atlantik. Der Roman «Freiheit» von Jonathan Franzen hat mich ungeheuer beeindruckt. Aber ich habe nicht versucht, der deutsche Franzen zu werden. Es hat mich einfach ermutigt, in so eine Richtung zu gehen.

Wenig Frauen haben sich an einen Gesellschaftroman herangewagt.
Ich glaube, es ist eigentlich ein genuin männliches Geschäft. Ich werde ja auch ständig gefragt, warum ich sage, das Buch ist ein Gesellschaftsroman. Die Leute fragen das immer mit einem leichten Unterton von: «Ja pass mal auf, Mädchen, ist das nicht ein bisschen übertrieben?» Ich glaube, einer Frau gesteht man so etwas erst mal gar nicht zu. Das müssen 65-jährige Männer schreiben und nicht 30- oder 40-jährige Frauen. Ein solcher Roman kommt sehr muskulös daher und hat einen grössenwahnsinnigen Gestus, deshalb ist es von der Tendenz her ein maskuliner Ansatz.

Bei mir war kein Unterton mitgemeint.
Vielleicht nicht bei Ihnen, aber ich höre das wirklich ganz oft. Es ist die erste Frage: «Gesellschaftsroman, wirklich? Ist das denn jetzt gelungen?» Der Begriff in Kombination mit meinem Profil löst zuerst mal Ressentiments aus.

Sie sind politisch aktiv, treten oft in Talkshows auf und haben auch schon gesagt, dass Sie sich damit auf die «Seite des männlichen Prinzips» stellen. Mit diesem Roman ist das jetzt also ähnlich.
Ich will die Begriffe männlich und weiblich nicht überstrapazieren. Aber schon bei meinem Roman «Spieltrieb», einem Buch mit einem enorm starken Erzähler, wurde mir zurückgespiegelt, dass das eine Stimme ist, die zu mir als damals ja noch jüngerer Frau überhaupt nicht passt. Einige Leute haben es als Anmassung empfunden, mit so einer starken Allmächtigkeit zu erzählen. Das sind Erwartungshaltungen, die uns prägen. Von Frauen erwartet man mehr Innerlichkeit und vielleicht einen poetischen Blick fürs Detail. Aber nicht aphoristische Sätze, den grossen Blick auf die Gesellschaft oder gar eine auktoriale Stimme.

Spornt Sie das an, gerade etwas anderes zu machen?
Nein. Ich bin nicht in der Lage, mein Schreiben in eine bestimmte Richtung zu drängen. Es sucht sich seinen Weg. Ich arbeite meist an vielen Texten und verschiedenen Formen gleichzeitig, und welcher Text es mal schafft, ein Roman zu werden, entscheidet sich nur danach, ob es sich gut anfühlt und ob es gut läuft. Das andere sind Dinge, die mir auffallen. Allerdings eher im Kontakt mit der Öffentlichkeit als in dem Moment, wo ich am Schreibtisch sitze, in meiner Fantasie versinke und meinen literarischen Weg gehe.

Ihr Buch will Abbild der Zeit sein. Erleben wir heute einen besonders grossen Wandel?
Ich glaube eher, wir haben einen wahnsinnig grossen Wandel schon hinter uns gebracht und stehen vor dem Neuen, ohne damit umgehen zu können. Damit meine ich vor allen Dingen den Abschied von kollektiven Glaubenssystemen. Nicht nur in der Religion, sondern auch politische Glaubenssysteme, die uns im 20. Jahrhundert noch ganz stark in der Welt verankert haben. Wir haben als Einzelne unseren Platz in der Gesellschaft verloren. Die Menschen sind gezwungen, ihren eigenen Interessen zu folgen, weil sie nicht mehr wissen, wem oder was sie sonst folgen können.

Im Buch ist das Dorfleben aber auch bestimmt von dem Kampf zwischen zwei Konkurrenten, die für das kommunistische und kapitalistische Prinzip stehen.
Der Streit zwischen den beiden Platzhirschen ist eigentlich eher das, was das Dorf die ganze Zeit am Leben erhalten hat. In dem Moment, wo sich dieser Streit auflöst oder vielseitiger und demokratischer wird, weil Leute kommen, die sich einmischen und neue Fronten entstehen, gerät das Dorfleben ins Wanken. Diese Veränderung ist paradoxerweise, was wir noch nicht so richtig aushalten können, obwohl sie gleichzeitig das ist, was man will. Das Neue hat für sich noch kein Funktionsprinzip gefunden. Es wirkt anarchisch und konzentriert sich dann eben stark auf Eigeninteressen, weil die verbindende Erzählung fehlt.

Mit hinein spielt der Kampf zwischen dem Dorfleben und den Einflüssen aus der Stadt.
Das ist eine Komponente, die mich selber unheimlich interessiert. Wir reden ja viel über den Kampf der Kulturen und meinen damit eigentlich immer die weltweite Dimension, die vermeintlichen Gegensätze zwischen Morgenland und Abendland oder zwischen Judentum und Islam. Wenn man sich Konflikte in ihrer Binnenstruktur anschaut, stellt man fest, dass es oft nicht so sehr Konflikte zwischen grossen Ideologien oder grossen Religionen sind, sondern Konflikte zwischen unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Die finden sich in der Stadt als hoher Entwicklungsstufe und dem Land, das in seinen Entwicklungsmöglichkeiten oft abgehängt ist.

Dieser Kulturkampf ist ja eigentlich nicht neu.
Ich glaube einfach, dass er sich immer stärker auswirkt. Je weniger wir uns als Nation definieren, je weniger wir uns als Ethnien definieren, je mehr grosse Erzählungen verloren gehen und verbindende Prinzipien aufhören, desto stärker wird unter Umständen die Frage: Komme ich aus einem 500-Seelen-Dorf oder aus einer 3-Millionen-Stadt. Es prägt die Biografie und die Frage, was man für gut und richtig hält, viel tiefer als alles andere. Das sind auch politikwissenschaftliche Diagnosen, nicht nur literarische Beobachtungen.

Die Städter, die aufs Land ziehen, gefährden also die Strukturen?
Nein, hier im Umland von Berlin nicht. Hier gibt es keine idyllische Dorfstruktur, die zerstört werden könnte. Hier bluten die Dörfer aus. Es gibt vor allem einen grossen Trend raus aus dem Land und hinein in die Städte. Nicht weil es in den Städten für die Leute so schön ist, sondern weil es auf dem Land keine Arbeit gibt und keine Infrastruktur. Im Grunde freuen sich die Dörfer über Zuzüger, weil das Zukunftsboten sind, die andeuten, dass es für die Provinzen überhaupt noch ein Leben in der Zukunft gibt. Ein Leben als Speckgürtel oder so.

Aber die Städter bringen schon weniger Gemeinschaftssinn mit, der im Dorf ja sehr stark ist.
Das stimmt. Was die Städter wirklich schlecht können oder noch nicht gelernt oder verlernt haben, ist eine Verbindung zu den ganz einfachen Tugenden. So etwas wie Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Loyalität, Gemeinschaftssinn. Ich würde trotzdem nicht davon sprechen, dass Städter das Gefüge gefährden oder zerstören. Die meisten Städter, die rauskommen aufs Dorf, lernen, wie man sich dort verhält, damit das Miteinander funktioniert. Die, die dies nicht lernen, gehen halt wieder, aber die zerstören nicht das Dorf.

Im Buch liest man einmal «Die Zeit der alten Männer ist vorbei». Gewinnen die Frauen an Einfluss?
Das tun sie auf jeden Fall. Eine so selbstbewusste Figur wie Linda Franzen wäre vor zwanzig Jahren noch unglaubwürdig gewesen. Die Frage bleibt, ob das, was sie macht, wirklich besser ist oder einfach nur anders. Aber natürlich prägt es unsere Zeit ungeheuer stark, dass auch schon junge Frauen, vielleicht auch gut aussehende Frauen, sich selber als Player betrachten und nicht mehr als Service-Kräfte.

Linda ist nicht die Einzige. In unterschiedlichen Figurentypen wird angedeutet, dass Frauen künftig eine grössere Rolle spielen.
Jule im Buch verliert ja eigentlich den Kampf gegen die neuen Rollen. Sie findet sich überhaupt nicht in der neuen Zeit. Sie kann nicht Mutter sein, sie kann nicht Akademikerin sein, sie geht richtig verloren in dem grossen Umbruch. Wer es noch schaffen wird, ist aber Kathrin. Die ist wirklich der Bote der neuen Zeit. Sie wird Bürgermeisterin und wird dem Dorf eine neue Identität verleihen. Aber das ist schon nach der Handlung des Romans.

Dann ist da noch Krönchen, die für die zukünftige Generation steht.
Krönchen wird das Dorf verlassen, schätzungsweise. Wenn sich nicht alles noch ganz stark ändert, wird sie vielleicht noch ihre Schulausbildung dort machen. Aber sicher wird sie ihr Leben nicht in Unterleuten verbringen.

Sie haben acht Jahre mit den Figuren gelebt. Wie gut können Sie Ihre Figuren loslassen?
Das geht in dem Fall wirklich nicht oder ist ganz schwer. Es ist aber auch nicht nötig, weil es aller Wahrscheinlichkeit nach noch zwei weitere Romane geben wird, in denen einige der Figuren wieder auftauchen. Die Figuren sind noch nicht literarisch tot.

Ein literarischer Kosmos, wie bei García Márquez oder Faulkner?
Wer weiss... Manchmal passiert Autoren so etwas anscheinend. Sie kommen nicht mehr weg aus einem fiktiven Ort, in dem sie sich eingerichtet haben. Man spürt, dass da eine Energiequelle ist, und muss dem folgen. Es ist schon schwer genug, dass das Buch abgeschlossen ist. Mit dem Kosmos abschliessen, das schaffe ich nicht.

Apropos schaffen: Sie sind promovierte Juristin, Schriftstellerin, nehmen an Talkshows teil und betreten politische Bühnen, haben zwei Kinder – und sogar noch zwei Pferde: Wie schaffen Sie das?
Gar nicht, eigentlich. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich das schaffe, ich wurstle mich durch. Für mich hatten jetzt die Kinder starke Priorität. Da bin ich irgendwie doch konservativ. Ich will keine abwesende Mutter sein, wie es früher die Väter waren. Deswegen habe ich mich seit dem zweiten Kind stark aus dem öffentlichen politischen Bereich zurückgezogen und bin für ein paar Jahre eben nicht mehr so präsent, wie ich es davor war. Mit dem Schreiben verträgt es sich aber ganz gut.

Das Leben im Dorf und die öffentliche Bühne sind also ein grosser Spagat?
Das hat nichts mit dem Dorf zu tun. Das hat damit zu tun, dass aus meiner Sicht Familie und Beruf nach wie vor für eine Frau absolut nicht vereinbar sind. Ich glaube, dass wir in meiner Familie das ziemlich gut machen. Es lastet trotzdem ein spezieller Verantwortungsdruck auf den Frauen. Ich weiss nicht, ob es ein gesellschaftlicher oder biologischer Druck ist, jedenfalls verträgt es sich einfach nicht mit einer Vollbeschäftigung. Da ist noch ganz vieles im Argen. Nicht nur im Bereich von Kinderbetreuung und Krippenplätzen. Einfach auch in unseren Köpfen und unserer Kultur. Muttersein hat irgendwie keinen Platz im gesellschaftlichen Leben, nach wie vor. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.03.2016, 09:18 Uhr

Buch und Lesung

«Unterleuten»: Juli Zeh, Luchterhand-Verlag, 340 Seiten.
Lesung: 17. Mai, 20 Uhr, Kaufleuten, Zürich.

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Juli Zeh

Sie wurde 1974 in Bonn geboren, ist promovierte Juristin und hat am Literaturinstitut Leipzig studiert. Schon mit ihrem Debüt «Adler und Engel« (2001) zog Juli Zeh internationale Aufmerksamkeit auf sich. Juli Zeh wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und ist für ihr ­gesellschaftspolitisches Engagement bekannt. In ihrem jüngsten Roman «Unterleuten» spiegelt sie im Mikrokosmos eines fiktiven Dorfes die Konflikte unserer Zeit. Der Roman ist virtuos komponiert, besticht ­gleichermassen durch die Psychologie der Figuren wie durch den spannungsgeladenen Plot. Juli Zeh lebt mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern (1 und 4 Jahre) in einem Dorf bei Berlin.

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