Der Albtraum beginnt morgen

Sie häufen sich unter den Neuerscheinungen: Bücher, die ein schwarzes Bild unserer Zukunft zeichnen. Das jüngste Beispiel: Juli Zehs neuer Roman «Leere Herzen». Was sagt uns das?

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Angela Merkel ist zurückge­treten, die «Bewegung Besorgte Bürger» ist an der Macht. Europa steht kurz vor der Auflösung. Im neuen Roman «Leere Herzen» der erfolgreichen deutschen Schriftstellerin Juli Zeh ist «Politik wie das Wetter: Sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht, und nur Idioten beschweren sich darüber.»

Der Mehrheit ist die Fähigkeit, für etwas einzustehen, abhandengekommen. Nur romantische Exoten erträumen sich ein Haus, wo sie sich aus der Welt ausklinken können. Die anderen haben sich Zynismus zugelegt. So Britta Söldner. Sie hat die verbreitete Abwesenheit von Sinn zum lukrativen Geschäft gemacht. Ihr Geschäftspartner Babak hat einen Algorithmus entwickelt, der jene Leute aus dem Internet fischt, die sich Selbstmordfantasien hingeben.

Die Firma akquiriert diese Menschen, lässt sie ein zwölfstufiges Testverfahren durchlaufen. Wer nach dem Schreiben eines Abschiedsbriefes, nach Psychotherapie, Waterboarding oder Todesdrohung noch immer an seinen Selbstmordabsichten festhält, den führt das Unternehmen mit passenden Organisationen zusammen – ökologischen Aktivisten etwa, Tierschützern oder Separatisten.

Die Firma ist ein Terrordienstleister. Die Sterbewilligen beglückt sie, indem sie ihrem Tod Sinn verleiht. Das Ganze wird sauber abge­wickelt, nach definierten Regeln und möglichst ohne weiteren menschlichen Kollateralschaden. Chaotische Amokfahrten mit Lastwagen in Menschenmengen, die traurige Realität der heutigen Tage, gibt es nicht mehr.

Düstere Visionen im Trend

Juli Zehs neuer Roman dreht aktuelle Entwicklungen wie den Aufstieg der AfD in Deutschland und die für den Jihad angeworbenen Selbstmordattentäter weiter. Es ist nicht der einzige Roman, der aktuelle Tendenzen in ein albtraumartiges Szenario überführt. Jüngst fantasierte auch Charles Lewinsky in «Der Wille des Volkes» über eine Schweiz der nahen Zukunft, in der die Populisten an der Macht sind und über ihren Sprachgebrauch das Volk manipulieren.

US-Amerikaner Omar Al Akkad malte in «American War» ein Szenario, in dem die USA in einem neuen Bürgerkrieg versinken. Der französische Starautor Michel Houellebecq fantasiert in «Die Unterwerfung» ein Frankreich herbei, in dem Islamisten die Macht übernommen haben. Dave Eggers aus den USA schrieb in «The Circle» über die Selbstüberwachung eines Techkonzerns nach dem Vorbild von Google.

Dass sich Bücher mit düsteren Zukunftsvisionen häufen, ­be­stätigt Literaturprofessor Philipp Theisohn, der am Deutschen Seminar der Universität Zürich über Science-Fiction in der Literatur forscht. Dystopische Erzählungen, also negative Utopien, erleben nicht nur in der Literatur, sondern auch in Film und Fernsehen einen Aufschwung – ein Zeichen für den Zustand der heutigen Welt?

Die Dystopie hat ihren Ursprung in der Modernitätserfahrung des Menschen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie sich der Einzelne in der Gesellschaft repräsentiert fühlt, sagt Philipp Theisohn. Im Aufstieg von Autokraten wie Donald Trump oder im Brexit den Grund für das aktuelle Hoch von dystopischen Szenarien zu sehen, greife zu wenig tief. In der Dystopie gehe es nicht um das Monster von aussen, sondern um Wünsche nach Ordnung, Sicherheit oder wirtschaftlichem Erfolg, die in eine Bedrohung verkehrt werden. Und: Dystopien können auch eine Form sein, auf spannende Art über ihr Gegenstück, die Utopie, zu sprechen. Utopische Romane gibt es nämlich kaum – abgesehen von «Utopia» von Thomas Morus, dem Roman aus dem 16. Jahrhundert über eine ideale Gesellschaft, nach dem das Genre benannt ist. Über Glück zu schreiben, ist schlicht nicht interessant.

Die wohl bekannteste Dystopie beschreibt George Orwells Roman «1984», den der Autor 1949 kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hat. Das Buch hat ein Revival erlebt, 2016 war es bei Amazon eines der meistverkauften Bücher in den USA. Orwell skizziert in «1984» ein Szenario, in dem der Wunsch nach einem Staat, der sich um seine Mitglieder kümmert, ins Gegenteil verkehrt ist – in Unterdrückung. Mit der darin vorkommenden Sprache «Neusprech» schafft er eine Ausdrucksform, die es verunmöglicht, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Mit ­Fake-News ist das heute Realität.

Begriffe für die Gegenwart

«Die Dystopie kann Begriffe schaffen und Strukturen erkennen lassen, die in den Wissensschatz einwandern und helfen, die Gegenwart zu analysieren», sagt Philipp Theisohn. Orwells «Neusprech» ist ein Beispiel dafür. Ihre Stärke entfalte die Dystopie dabei, je weiter sie vom Alltag entfernt ist und je besser sie aufzeigen kann, wie die Fremd­beherrschung ein Verlust von Selbstbeherrschung ist. Margaret Atwoods Roman «Der Report der Magd» von 1985 – jüngst als Serie verfilmt – zeichnet eine Zukunft, in der die meisten Menschen zeugungsunfähig geworden sind. Die wenigen noch fruchtbaren Frauen müssen als Gebärmaschinen dienen. Das Buch analysiert den Sexismus in Gesellschaften und fragt nach den Triebkräften. Auch dieser Roman ist wieder sehr aktuell.

Juli Zeh lässt ihr neues Buch in einer nahen Zukunft spielen. Ihr geht es um den Wert von Meinungen und die Bedeutung des öffentlichen Diskurses – demokratische Errungenschaften, die es zu bewahren gilt. Die Autorin packt ihr Thema in die Form eines Krimis – wie auch Charles Lewinsky in seinem Roman. Das kommt nicht von ungefähr. Die beiden Genres sind verwandt, sagt Theisohn. Bei der Dystopie und beim Krimi geht es darum, verdeckte Strukturen offenzu­legen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.11.2017, 13:23 Uhr

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