«Die Angst macht blind, unklug und destruktiv»

Die israelische Schauspielerin Orit Nahmias ist Ensemblemitglied am Berliner Gorki-Theater. Seit den Pariser Anschlägen erlebt sie den einst so sicheren Westen anders.

Der Balkankrieg auf der Theaterbühne: Yael Ronens «Common Ground». Foto: Thomas Aurin

Der Balkankrieg auf der Theaterbühne: Yael Ronens «Common Ground». Foto: Thomas Aurin

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Aus Ihrer Heimat Israel kennen Sie das Gefühl, dass jederzeit eine Bombe hochgehen kann. Wie geht es Ihnen in Berlin?
Seit drei Jahren lebe ich hier, und diesen gehetzten Rundumblick, den ich aus Jerusalem kenne – etwa, wenn du in einen Bus einsteigst und die Leute scannst –, den hatte ich hier nie. Erst seit den Anschlägen in Paris ist er da, und ich bin geschockt, wie natürlich er sich anfühlt. In Berlin zu leben, ist ein Privileg. Frieden und Sicherheit erscheinen als Selbstverständlichkeit in Westeuropa, und nun sind die Leute fassungslos über das, was in Paris geschah. Dass anderswo Menschen ständig mit der Terrorangst leben müssen, geht gern vergessen; und an die jüngsten Opfer in Beirut denkt keiner. Wenn ich mit meinem zweijährigen Söhnchen demnächst meine Eltern in Jerusalem besuche, werde ich ihm die Welt meiner Kindheit, die Jerusalemer Altstadt, nicht zeigen: Es ist zu gefährlich.

Ihr Dokumentarfilm «Jerusalem for Cowards» beschreibt aber nicht eine angsterfüllte Flucht aus der Stadt, sondern wieso sich Ihre Generation unzugehörig, «out of place», fühlt.
Ich bin in den Achtzigern in einem linken, säkularen Umfeld aufgewachsen. Es gab da den Traum von einem kosmopolitischen und modernen Jerusalem. Meine Generation aber ist kaum bereit, für diesen Traum zu kämpfen oder gar zu sterben. Zumal seine Verwirklichung in immer weitere Ferne gerückt ist – wir Linken leben in einer Blase.

Was hat sich in der Gesellschaft in den letzten Jahren verändert?
Was in Israel früher als extrem rechts galt, ist heute mehrheitsfähige Mitte. Und was früher als links betrachtet wurde, wird jetzt als ultralinks verteufelt. Angst und Hass scheinen täglich zu wachsen, und Angst macht blind, unklug, destruktiv. Die Situation wirkt ausweglos. Je länger es geht, desto hoffnungsloser wird man. Ministerpräsident Netanyahu bewirtschaftet diese Ausweglosigkeit; er sollte abtreten. Es war kein «Statement» von mir, das Land zu verlassen, sondern eine Notwendigkeit. Der polnische Pass, den ich durch meinen Grossvater habe, war für mich eine riesige Chance, selbst wenn der Anfang in Berlin hart war.

Was war schwierig?
Du bist abgeschnitten, nichts flutscht mehr, alles ist ein Gestrampel. Es war ein regelrechtes Trauma: Fremdheit ist schwer. Man fühlt sich verunsichert, einsam, muss seine Qualitäten neu finden. Bei mir dauerte das fast zwei Jahre. Dabei hatte ich die besten Voraussetzungen und wurde total unterstützt von den Theaterleuten. Um wie viel schlimmer muss es für Flüchtlinge sein, die mit nichts als Angst und einer vagen Hoffnung hierherkommen! In den letzten Jahren zogen viele Israelis nach Berlin – zurzeit leben um die 25?000 hier –, und manchmal fragen mich potenzielle Einwanderer um Rat. Ich sage immer: Sei auf einen Schock gefasst und einen sehr langsamen Anpassungsprozess.

Ihr Sohn ist in Berlin geboren?
Ja, und er geht in eine deutsche Kita, aber bis jetzt habe ich ihn noch nicht Deutsch sprechen hören. Mich selbst übrigens auch sehr wenig; mein Mann ist Israeli. Vielleicht bin ich die einzige Schauspielerin, die je an einem deutschen Theater angestellt wurde, ohne Deutsch zu können! Es ist für mich immer noch ein grosses Mysterium, dass das so gut funktioniert.

Wie bewältigen Sie das?
Ich habe vor allem mit der in Jerusalem geborenen Theaterregisseurin Yael Ronen zusammengearbeitet; da war die Verständigung kein Problem. Aber bei den Proben mit Sebastian Nübling für das Flüchtlingsstück «In unserem Namen», das jetzt Premiere hatte, kam ich ziemlich auf die Welt. Ehrlich gesagt, gelangte ich an einen Punkt der völligen Verzweiflung, als ich realisierte, wie sehr es mit der Kommunikation haperte. Zum Glück konnte ich dann eigene Textpassagen entwickeln. Selbst ohne Sprachproblem kann ich ja am besten mit eigenen Texten auftreten.

Hatten Sie in Berlin schlimme Erlebnisse als Israeli?
Eigentlich nein. Im Gegenteil, ich habe gleich mehrere Befreiungen erlebt. Eine ist: Ich bin hier Palästinensern so nahegekommen wie nie zuvor. Israels Gesellschaft ist sehr separiert; ich hatte dort kaum palästinensische Freunde. Hier konnte ich diese Barriere erstmals durchbrechen. Ein anderes befreiendes Erlebnis war die Mitarbeit am Stück «Common Ground», mit dem wir nun in Zürich auftraten. Fünf Darsteller unseres Ensembles kommen aus Serbien und Bosnien, es sind Täterkinder und Opferkinder aus den Jugoslawienkriegen, die einander da gegenüberstehen. Für einmal nicht selbst im Fokus zu sein, nicht auf den Nahostkonflikt oder den Holocaust hin befragt zu werden, tut gut. Da gibt es junge Leute heute, die mehr «fucked-up» sind als meine Generation in Israel! Auf dem Common Ground, unserem Theaterboden, wird das Eigene perspektivisch zurechtgerückt. Ein solcher relativierender Raum wäre auch in Israel hilfreich.

Sie haben in Israel Produkte aus den Siedlungen boykottiert und einen Auftritt dort abgelehnt.
Ich wehre mich gegen die Politik der Regierung, nicht gegen einzelne Siedler, und versuche, jede Seite zu verstehen. Ich vermute, dass eine Zweistaatenlösung keine Lösung wäre, schon weil über 20 Prozent der Bürger Israels Araber sind. Wo die Grenze ziehen? Ein Staat für alle, ein Common Ground im Grossen, wäre besser – aber im Moment sieht das aus wie ein Ding der psycho­logischen Unmöglichkeit. Den Gaza­streifen haben wir ja auch verlassen und kontrollieren trotzdem alles, was hinein- und hinausgeht. Liesse man jetzt locker, hätte man, wenigstens am Anfang, sicher ein grosses Chaos; die lang Unterdrückten müssten sich Luft machen. Aber man muss das Undenkbare wagen.

Und die kulturellen wie religiösen Unterschiede?
Die Behauptung, dass wir so unterschiedlich sind, ist Propaganda. Ganz ehrlich: Zwischen einem Deutschen und mir gibts mehr Unterschiede als zwischen einem Palästinenser und mir. Oder, wohlgemerkt, zwischen einem ultra­orthodoxen Juden und mir.

Ist «Lockerlassen» eine Option?
Ist Nicht-Lockerlassen eine? Wohin geht es dann? Wer hätte früher gedacht, dass es jemals eine Berliner Mauer geben würde – und als sie stand, wer hätte geglaubt, sie würde jemals fallen? Ich habe das Lockerlassen für mich selber gelernt: Heute kann ich durch einen deutschen Wald wandern und die Bäume bewundern; ich sehe nicht überall Leute, die sich verstecken. Und 2014 habe ich mit andern eine tragikomische Stand-up-Show gemacht, ein selbstironisches Ding über Schwangerschaft und alles Mögliche – und bin mächtig stolz, dass ich da keinen Satz über den Holocaust gesagt habe. Das ist ein Triumph, nachdem mich in meinen ersten zwei Deutschlandjahren alles daran erinnert hat. Ich weiss auch keinen Weg aus den Krisen und kann auf der Bühne bloss kritische Fragen stellen. Aber dass wir kein Heilmittel für die Menschheit sehen, heisst nicht, dass es keines gibt. Vielleicht findet man es eines Tages.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2015, 17:42 Uhr

«Common Ground» am Civil-Twilight-Festival

Auf der Suche nach einem gemeinsamen Boden

Mit stehenden Ovationen und einem Applaus, der nicht enden wollte, quittierte das Pfauen-Publikum am Wochenende die Aufführung von Yael Ronens «Common Ground» am Civil-Twilight-Festival des Schauspielhauses Zürich. Zu Recht! Der knapp zweistündige Abend des Gorki-Theaters – der ans Berliner Theatertreffen 2015 eingeladen wurde – geht einen Kantengang zwischen autobiografischem Betroffenheitstheater, selbstironischer Politcomedy und trendigem Reportagentagebuch; und er stürzt nicht ab, sondern stellt uns auf.

Hier also der hilflos-couragierte Rückblick aufs Gemetzel, da der Versuch, das Leben der Eltern und das Leben der anderen heute zu verstehen: Das ist so nah an die Akteure heraninszeniert und doch mit so raffinierter Distanz heruntercausiert, dass ein ganz eigenes, unmissionarisches Moraltheater im besten Sinn entsteht. Eines, das man gerade dieser Tage brauchen kann.

Dass sich beim Vorsprechen am Migrantentheater Gorki ausgerechnet die Tochter eines serbischen Kriegsverbrechers aus dem bosnischen Prijedor und jene eines Opfers eben des Prijedor-Massakers begegnen, ist eine der irren Geschichten, die das Leben schrieb. Mit ihr entwarf die israelisch-österreichische Autorin und Regisseurin Yael Ronen «Common Ground»: Sie schickte diese Töchter zusammen mit drei weiteren Schauspielern mit jugoslawischen Wurzeln fünf Tage in und um Sarajevo auf Vergangenheitsrecherche.

Mit von der Partie waren ein Deutscher (Niels Bormann) und eine Israeli (Nahmias), und just die beiden sorgen, man glaubts kaum, für den Comic Relief. Ronen zeigt harte, kurze Clips; ein Soundtrack aus historischen Musikzitaten schlägt den Rhythmus. Und der Trip in die blutigen Neunzigerjahre und ins vernarbte Bosnien heute lässt, andeutungsweise, eine Route in eine versöhnlichere Zukunft ahnen. Die Gräuel werden nicht verschwiegen, die Traumata nicht wegtherapiert – aber man steht auf einem gemeinsamen Bühnenboden und baut, mit nichts als Holzboxen, ein alle berührendes Theaterjetzt. (ked)

Weiteres Civil-Twilight-Programm: «Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino» (Martin Crimp, Katie Mitchell), 25./26. 11.; «Tessa Blomstedt gibt nicht auf» (Christoph Marthaler), 4.–6. 12.; «Karamasow» (Fjodor Dostojewski, Thorsten Lensing), 12./13. 12.; «Golem» (1927/Young Vic London), 16./17. 12.

Orit Nahmias


1977 in Jerusalem geboren, studierte Schauspiel in Tel Aviv. Für ihr Drama «Why Me?» wurde sie 2008 ausgezeichnet. Seit 2009 tritt sie in Berlin auf, neu ist sie im Gorki-Ensemble.

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