In der Katastrophenlücke

Stefan von Bergen schaut in die Vergangenheit, um heute besser durchzublicken.

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Vor 90 Jahren verwüstete ein gewaltiges Hochwasser das südbündnerische Bergell. Die Spizarun-Brücke beim Dorf Bondo, auf der ich bei meinen Aufenthalten jeweils ins Postauto einsteige, hielt der Sintflut des Maira-Bachs nicht stand. Überall im steilen, tief eingeschnittenen Gebirgstal rissen die Maira und ihre Zuflüsse am 25. und 26. September 1927 Brücken, Strassen, ganze Häuser mit. Die Katastrophe, könnte man annehmen, sei nicht so schnell vergessen worden.

Als ich letzte Woche beim Warten aufs Postauto von der Spizarun-Brücke auf die schwach plätschernde Maira ­hinunterblickte, kam mir auf einmal Christian Pfisters Katastrophenlücke in den Sinn. Vom Umwelthistoriker hatte ich an der Uni gelernt, dass man Unwetter und Hochwasser leicht vergisst, wenn sie – wie im 20. Jahrhundert – länger ausbleiben. Laut Pfister geht in so einer Lücke das Wissen über gefährdete Orte verloren.

Im Bergell zähmte man Bäche mit Staumauern, wurde mit den Jahren sorgloser und baute immer näher ans Wasser. Etwa die Einfamilienhäuser aus den 1960er-Jahren, gleich bei der Spizarun-Brücke. Der Schreck war gross, als im August 2012 nach einem Gewitter der gefährlich angeschwollene Bondasca-Bach aus einem Seitental Geröll bis in die Gärten dieser Einfamilienhäuser schwemmte.

An der Stelle des Zeltplatzes, der in jener Gewitternacht notfallmässig geräumt wurde, hat man nun ein 7 Millionen Franken teures Auslaufbecken gegraben. Es ist eine Einöde mit einer hässlichen Mauer aus Beton, die nun die falsch platzierten Einfamilienhäuser schützt.

Das Sommerhochwasser von 2012, das die Bergeller aus dem Schlaf des Vergessens weckte, hatte übrigens schon einen Vorboten. Am 28. Dezember 2011 gab es hinten im Bondascatal – in scheinbar sicherer Entfernung von der nächsten Siedlung – einen gewaltigen Bergsturz.

Der tauende Permafrost liess am instabil gewordenen Piz Cengalo Fels im Umfang von 2500 Einfamilienhäusern wegbrechen. Ein halbes Jahr später verfrachtete das Gewitter dann Abbruchmaterial bis vor die Haustüren der Menschen im Tal. Weil das Klima feuchter und der Fels brüchiger wird, gibt es in den Bergen ein neuartiges und verzögertes Zusammenspiel des Unheils.

Als ich letzte Woche ins wilde Bondascatal hinaufwanderte, erkannte ich mit Sorge, dass Christian Pfisters Lücke defi­nitiv vorbei ist. Auf der gewal­tigen Geröllhalde des Berg­sturzes liegt genug Material für mehrere böse Überra­schungen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.08.2017, 08:54 Uhr

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