Lost in Züri

Maria Künzli über den Berner Zürich-Komplex.

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Die Berner haben einen Zürich-Komplex, sagt man. Ich gebs ungern zu, aber: Ich habe ihn auch. Obwohl mich das grossstädtische Getue der Anzugträger in der Bahnhofstrasse nervt, schüchtert es mich gleichzeitig ein, und ich versuche, nicht allzu «bernerisch» zu wirken: Ja nicht langsam reden oder gehen, nicht im Weg rumstehen. Und im Tram nicht warten, bis alle ausgestiegen sind, sondern einfach reinmarschieren, als wäre ich allein auf der Welt.

Dass der Zug aus Bern nicht mehr ebenerdig in der mondänen Bahnhofhalle ankommt, sondern unterirdisch auf Gleis 30 plus, steigert das Berner Selbstbewusstsein auch nicht gerade. So müssen wir die Grossstadt verschüpft durch den Hintereingang betreten. Wie die armen Verwandten aus Dielsdorf oder Wülflingen.

Natürlich passiert mir gerade in Zürich immer etwas Blödes. Neulich das: Ich hatte noch 15 Minuten Zeit gehabt, bevor der Zug zurück nach Bern fuhr. Eine Ewigkeit, in geschäftiger Züri-Zeit gerechnet. Also noch kurz in den H&M (mit Berner Lohn reichts leider nicht für Dior).

Der H&M ist verwinkelt, ich nehme Rolltreppen und einmal den Lift, um ganz nach oben zu kommen. Dort sind die Kinderkleider. Also wieder einen Stock runter über eine Treppe im hinteren Bereich. Kurz rumgucken – und schon muss ich zum Zug. Doch wo ist der Ausgang? Wo die Rolltreppe? Der Lift? Ich gehe um die Ecke und stehe vor den Kabinen. Wieder zurück. Herren­hosen. Einen Stock runter. Damensocken und Unterwäsche.

Ich hätte einfach jemanden fragen können, denken Sie? Und mich als Berner Landei outen, das nicht mal den Ausgang aus einem urbanen Zürcher Bekleidungsgeschäft findet? Niemals! Also noch mal suchen, Treppe hoch, Rolltreppe runter, um drei Ecken, wieder Treppe runter. Schweissausbrüche.

Irgendwann stehe ich an der frischen Luft. Der Zug nach Bern ist abgefahren. Und der nach Zürich sowieso. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.10.2017, 14:40 Uhr

Maria Künzli, Redaktorin. (Bild: zvg)

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