«Ein Virus, der das Zivilleben befällt»

Wir reagieren mit einer Gefühlsverwirrung auf Terroranschläge, sagt der Berner Philosoph Eduard Kaeser. Jeder Terrorakt bestärke unsere paranoide Neigung, uns mögliche Gefahren auszumalen.

«Jeder neue Terrorakt weitet den Raum bedrohlicher Möglichkeiten ­weiter aus.»

«Jeder neue Terrorakt weitet den Raum bedrohlicher Möglichkeiten ­weiter aus.» Bild: Keystone

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Herr Kaeser, muss man sich schämen, wenn man angesichts der Terroranschläge von Brüssel routiniert dachte: Schon wieder! Oder gar: Nicht schon wieder!
Eduard Kaeser: Nein. Ich glaube, dieses Gefühl hatten die meisten. Man rechnete ja auch mit neuen Anschlägen. Im neuen Terror-infizierten Klima in Mitteleuropa gehört dieses Déjà-vu leider schon fast zur Normalität.

Ist diese routinierte Reaktion vielleicht gar gesund, weil man dann nicht der Verunsicherung und Panik erliegt, die die Terroristen verbreiten wollen?
Zu wünschen wäre es jedenfalls. Nur sollte Routine nicht zur Abstumpfung führen, was im heutigen Medienkonsum aber durchaus wahrscheinlich ist. Ich gestehe, dass meine erste Reaktion auf die Brüsseler Anschläge war: Oh Gott, jetzt kommt wieder ein Unflat an Schlagzeilen und Kommentaren auf mich zu. Ich fasse mich da allerdings an die eigene Nase.

Sie haben in der NZZ geschrieben, dass sich unsere Ängste oft nicht auf eine reale Gefahr beziehen, sondern auf Mögliches, Eingebildetes, Heraufbeschworenes. Wenn realer Terror passiert, reagieren wir dann gar nicht mit Angst, sondern mit Ratlosigkeit? Überforderung? Verdrängung?
Mit einem dieser Gefühle, mit einer Mischung, mit allen – das kann man nicht generell sagen. Jeder neue Terrorakt weitet den Raum bedrohlicher Möglichkeiten weiter aus. Hinzu kommt ein Phänomen, das in der Soziologie als Thomas-Theorem bekannt ist: Auch wenn ich etwas als bloss möglich betrachte, kann das reale Folgen haben. Ich entwickle also zum Beispiel Ängste, Paranoia und handle entsprechend. Das ist die Infamie des Terrors. Die Täter haben erkannt, dass die hochvernetzte Gesellschaft ihnen zuarbeitet. Sie müssen nur wichtige Nervenzellen attackieren. Der reale Anschlag ist die Initialzündung, die sich wie ein Stromstoss im Netz unserer sozialen Beziehungen fortpflanzt.

Berührt uns die Dauerberichterstattung über Terroranschläge überhaupt? Oder tut sie das nur, wenn wir persönliche Erlebnisse von Opfern erfahren, wenn also die Gefahr ein Gesicht bekommt?
Es werden uns ja jetzt reale Gesichter gezeigt. Von den mutmasslichen Tätern. Für die Fahndung mag das sinnvoll sein. Aber der Effekt ist eben auch, wie das Thomas-Theorem sagt, ein tückischer. Er führt dazu, dass ich nur noch bestimmte Gesichter sehe. Ich gehe mit einem inneren Suchbild durch die Strassen und Zentren einer Stadt: Dieser arabisch aussehende junge Mann da im Tram, könnte der nicht auch... Das ist ein Virus, der unser ziviles Leben befällt und zersetzt. Der Prozess hat schon begonnen.

Wir können den Terror heute über Breaking News und Handyfilme von Augenzeugen fast live mitverfolgen.?Bringt uns das die Ereignisse näher, macht es den Schrecken nachvollziehbar?
Die Ereignisse sind uns präsenter, aber ob sie uns auch nahegehen, ist die Frage. Es kann auch sein, dass die Livebilder eine Erzähltechnik der Angstgeschäftemacherei sind, wie das der amerikanische Soziologe Barry Glassner ausdrückt. Eine solche Technik ist die Hochstilisierung des isolierten Einzelfalls zum Trend. Das ist heute ja in den heutigen sozialen Medien schon Alltag. Singuläre Botschaften können beinahe in Sekundenschnelle zu Ereignissen potenziert werden. Glassner nennt das Beispiel der Amokläufe an amerikanischen Schulen in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre. Damals schien es in den USA eine Häufung solcher Gewaltakte zu geben. Tatsächlich sank aber in dieser Periode die Zahl der Gewalttaten an Schulen. Man sprach dennoch von «Teenager-Zeitbomben» und «Kindern ohne Seele».

Der Berner Philosoph Eduard Kaeser. Bild: zvg.

Ist die schnelle Behauptung eines Trends eine Art Erklärungsversuch – zur eigenen Beruhigung?
Ja, aber ein falscher. Ein Kriminologe, der im Fernsehen zu erklären versuchte, dass es sich bei den Amokläufen in den USA der 1990er-Jahre nicht um einen Trend handle, wurde vom Gastgeber fast verärgert unterbrochen: «Sie sagen, dies seien bloss anomale Ereignisse?» Ja, Anomalie sei der präzise Ausdruck, erwiderte der Kriminologe, und er bezeichnete es als schwerwiegenden Fehler, sich unter solchen Anomalien etwas anderes vorzustellen. Aber genau das taten die Medien. Sie stellten sich etwas anderes vor, nämlich etwas, das sein könnte: einen Trend, eine Welle, eine Epidemie. Es war aber nur eine Epidemie einer verderbten Einbildung.

Je mehr sich der Terror wie jüngst häuft, desto mehr lässt unsere Betroffenheit nach. Mangelt es uns an Empathie?
Ich glaube, dass es mit unserer Empathie ohnehin nicht weit her ist. Der Philosoph Günther Anders hat gesagt, dass unsere Gefühlskapazität viel zu klein sei für das, was wir anrichten können.

Nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo sagten alle: «Je suis Charlie». Viel weniger Leute sagen nun «Je suis Bruxelles». Weil wir spüren, dass das kollektive Wir-Gefühl nicht lange anhält oder gar ein Lippenbekenntnis ist?
Dieses Wir-Gefühl halte ich dennoch für wichtig. Es ist allerdings ambivalent. Wichtig ist es, weil nun ja das Bewusstsein aufkommt, dass ein fragiles universelles Wir bedroht ist, an dem viele von uns in Europa teilhaben: das Wir einer freien, offenen, rechtsstaatlich und demokratisch geregelten Gesellschaft. Vielleicht entdecken manche dieses Wir jetzt erst. Ich weigere mich zu sagen: zu spät. Die Gefahr besteht aber, dass ein solches Gefühl auch zu krampfartigen Zuständen führen kann, zu einem abgeschotteten Wir, wie wir es ja überall – auch in der Schweiz – beobachten. Ein Wir wie ein Schliessmuskel.

Der türkische Präsident Erdogan sagte, die Anschläge in Brüssel zeigten, dass Bomben nicht einfach in Istanbul und Ankara, sondern in jeder europäischen Stadt explodieren könnten. Ist diese Relativierung der einen Anschläge mit einem anderen zynisch?
Der Satz ist ja erst mal eine triviale Feststellung. Und er demonstriert, wie gut Politiker mit Trivialitäten schwadronieren können. Erdogan ist auch Nutzniesser eines «glücklichen» Zufalls. Er kann das «Ihr-auch-Argument» in Stellung bringen. Selbstverständlich lenkt er davon ab, dass die Situation in der autoritär regierten Türkei nicht vergleichbar ist mit jener in Belgien. Aber jeder kann in der gegenwärtigen Unübersichtlichkeit ganz wacker mit seinen politischen Pfunden wuchern. Unter diese Rubrik fallen ja auch die immer wieder geäusserten morschen Beileids-Communiqués, deren Routine man schon eher als Zynismus bezeichnen möchte. Man stelle sich vor, ein Politiker hielte ganz einfach mal die Klappe. Schon wirkte er glaubwürdiger.

Eduard Kaeser (61) ist ausgebildeter Physiker und Philosoph in Bern. Als freier Autor schreibt er über ein menschliches Leben in der Welt der Geräte. Er führt den philosophischen Blog //kaeser-technotopia.blogspot.ch/. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.03.2016, 19:59 Uhr

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