«Sex ist für sie eine Form des Protestes»

Ramita Navai, Journalistin mit iranischen Wurzeln hat ein Buch darüber geschrieben, wie Iraner den restriktiven Alltag in der Islamischen Republik meistern – mit Lügen.

«Das Herz der Stadt pulsiert im Süden»: Ramita Navai (43) erzählt von Lebenswelten in Teheran.

«Das Herz der Stadt pulsiert im Süden»: Ramita Navai (43) erzählt von Lebenswelten in Teheran. Bild: Enrique Muñoz García

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Frau Navai, nächste Woche wird der neue Präsident im Iran gewählt. Wie ist die Atmosphäre im Land?
Ramita Navai: Was die politische Situation angeht, sind die Iraner heute viel resignierter als 2003, als ich nach Teheran kam. Sie wollen keinen dramatischen Wechsel, und sie wollen sicher keine Intervention des Westens. Sie sahen Afghanistan, den Irak, dann Syrien. Sie haben Angst vor einem Blutbad.

Bei den vorletzten Wahlen 2009 gab es ja Massenproteste.
Sie begannen damit, dass die Wiederwahl von Mahmoud Ahmadinejad infrage gestellt wurde. Die Proteste wurden brutal zerschlagen. Man kann diese Pro­teste als Auslöser des Arabischen Frühlings sehen. Aber im Iran glauben heute selbst Leute, die gegen das Regime sind, ein Wechsel müsse langsam und aus dem Inneren heraus geschehen.

Hat sich die Lage mit dem aktuellen Präsidenten Hassan Rohani und mit dem Nuklear­abkommen nicht verbessert?
Für mich hat sich nichts geändert. Als ich 2003 nach Teheran kam, gab es unter dem damaligen Präsidenten diese wunderbare Zeit wirklicher Reformen. Unter Ahmadinejad fiel das Land zurück. Rohani spricht sich für Reformen aus. Aber auf den Strassen hat sich nichts verändert.

Wieso glauben Sie nicht an die Reformen von Rohani?
Rohani kommt aus Khomeinis Lager, er war ein Berater in nu­klearen Fragen in einem Rat, der dem Obersten Führer nahestand. Er stammt aus dem konservativen Lager. Wir dürfen nicht vergessen, dass es eine grosse Verschiebung nach rechts gab. Rohani scheint moderat im Vergleich zu seinem Vorgänger. Aber wie viel Macht hat er wirklich? Die Führer der Reformbewegung, Moussavi und Karroubi, stehen unter Hausarrest seit 2009.

Vor ein paar Wochen wurde Ahmadinejad als Kandidat von den jetzigen Wahlen ausgeschlossen. Ist das nicht positiv?
Ahmadinejad ist im Iran eine lächerliche Figur, er ist der Trump des Iran. Niemand rechnete damit, der Oberste Führer würde ihn wieder antreten lassen.

Die wirkliche Macht liegt also bei Ali Khamenei?
Die Macht ist unter den Konservativen aufgeteilt, letztlich liegt sie beim Obersten Führer. Und sie spielen ein cleveres Spiel. Es ist wie bei einem Dampfkessel. Immer mal wieder heben sie den Deckel, lassen Dampf ab und legen den Deckel wieder drauf. Sie geben den Leuten genug soziale Freiheiten, damit sie zufrieden sind. Auf der anderen Seite kon­trollieren sie ihre sozialen Freiheiten so weit, dass die Leute ihre Zeit damit verbringen, wie sie die Restriktionen umgehen können. Sie werden keine Revolution ausbrüten, wenn ihr Kopf damit beschäftigt ist, wie sie ihre Freundin sehen können, wie sie mit ihr schlafen können und wo sie das tun können.

Was halten Sie von Ebrahim Raisi, dem konservativen Hauptkonkurrenten von Rohani?
Wen auch immer der Oberste Führer unterstützt, er wird gewinnen. Die iranischen Wahlen sind eine Art Scharade. Sie sollen eine Form islamischer Demokratie sein. Das ist Betrug. Alle Kandidaten, die nicht genehm sind, werden von vornherein ausgeschlossen. Die Aussenpolitik wurde auch immer durch den Obersten Führer bestimmt. Deswegen kommt es nicht darauf an, wer Präsident ist. Aber natürlich beschäftigt mich, wie der Iran zum Rest der Welt steht. Der Iran ist überaus wichtig mit Blick auf Syrien und den Irak. Der Iran ist Teil des Problems, und der Iran wäre die Lösung für so viele dieser verfahrenen Situationen im Mittleren Osten.

Ist das Projekt einer Islamischen Republik überhaupt möglich?
Innerhalb des Landes gibt es darüber eine Debatte. Das ist bemerkenswert. Ich traf im Iran ­religiöse Leute, die für die Trennung von Religion und Staat waren. Einer der Architekten der Revolution, der Geistliche Hussein-Ali Montazeri, der sich später mit dem Obersten Führer überwarf, trat gegen Ende seines Lebens für eine Trennung von Religion und Staat ein. Man muss nicht weltlich sein, um im Iran davon überzeugt zu sein.

Die Islamische Revolution von 1979 war ja am Anfang eine breit abgestützte Bewegung.
Es war eine linksintellektuelle Bewegung, die von den Islamisten gekapert wurde. Aber es gab dennoch eine Umverteilung des Reichtums, die Macht wurde den Leuten zurückgegeben. Es gab auch viel Gutes.

Zum Beispiel?
Nach 1979 hatten Frauen aus re­ligiösen oder armen Familien erstmals die Möglichkeit, an die Universität zu gehen, weil es ein islamisches System war. Vorher waren die Universitäten als westliche Höhlen des Imperialismus und als unmoralisch angesehen worden. Es gab auch Konzepte für Sozialwohnungen. Viele Iraner fühlten zum ersten Mal, der Iran war wieder ihr Land – jene, die zuvor diskriminiert worden waren, wenn sie einen Tschador getragen hatten. Das Problem im Iran ist die Trennung in säkulare und religiöse Gruppen. Bis diese Trennung überwunden ist, wird immer eine Seite unglücklich sein.

«Das Problem im Iran ist die Trennung in säkulare und  religiöse Gruppen. Bis diese Trennung überwunden ist, wird immer eine Seite unglücklich sein.»Ramita Navai, Autorin

Sie haben ein Buch mit Lebensporträts geschrieben, weil das Bild vom Iran aus den Medien nicht übereinstimmte mit dem, was Sie vor Ort sahen. Haben wir ein falsches Bild?
Es ist nicht falsch. Aber das Nu­klearabkommen stand im Zen­trum der Aufmerksamkeit. Die eigentliche Atmosphäre im Land wurde übersehen. Journalisten bleiben tendenziell im Norden, in ihrer Blase. Der Süden von Teheran ist eine andere Welt. Es ist schwierig, Zugang zu bekommen. Aber dort pulsiert das Herz der Stadt. Die Revolution geschah dort. Sie geschah nicht zwischen Cappuccinos und Lattes.

Die Reichen haben also ohnehin mehr Freiheiten.
Die Reichen können tun und lassen, was sie wollen, das ist überall so. Wobei eines der interessantesten Phänomene der letzten fünfzehn Jahre die wachsende Mittelschicht ist. Dort findet ein grosser gesellschaftlicher Wandel statt. Die Leute haben angefangen, vor der Heirat zusammenzuleben, in einer sogenannt weissen Heirat.

Sie schreiben auch über das erstaunliche Phänomen der «Ehe auf Zeit».
Das ist purer Pragmatismus, damit man Sex haben kann. Prostituierte nutzten die «Ehe auf Zeit» oder Männer, die Geliebte hatten. Aber heute nutzen junge Leute diese Möglichkeit, um zu reisen. Sie heiraten für einen Monat oder so, weil Unverheiratete nicht in einem Hotelzimmer übernachten können. Es ist eine Möglichkeit, die sozialen und sexuellen Restriktionen zu umgehen.

Der Wandel findet in der Ge­sellschaft statt, Sie sprechen von einer sexuellen Revolution. Wie meinen Sie das?
Ich würde es ein sexuelles Er­wachen nennen. Die «weisse Heirat» ist eine bemerkenswerte Veränderung. Heute umgehen selbst Leute aus religiösen Familien das Gebot der Jungfräulichkeit. Das hängt damit zusammen, dass mehr junge Leute an die Uni gehen, wo sie Iraner unterschiedlicher religiöser oder politischer Färbung kennen lernen.

Und die Regierung lässt das zu?
Sie kann nicht viel dagegen tun. Ich sprach mit Protestierenden nach den Wahlen von 2009. Sie erzählten mir, sie hätten während der Proteste viel Sex gehabt. Für sie war das eine Form des Protestes. Was sie mit ihrem Körper machten, war der Bereich, den die Regierung nicht kon­trollieren kann. In jedem Land, in dem etwas unterdrückt wird, werden die Leute besessen davon, was sie nicht tun dürfen. Im Iran sind die Leute besessen von Sex, in allen Teilen der Gesellschaft, auch in der Regierung.

Über Verbote setzten sich die Leute auch in der Nutzung der sozialen Medien hinweg.
Soziale Medien sind immer noch verboten. Aber alle Leute nutzen sie. Alle Politiker haben Konten. Rohani hat eine Twitter-Site. Der Oberste Führer ebenfalls. Im Internet gibt es eine strenge Zensur. Trotzdem hat das Internet zum Beispiel die Schwulenszene im Iran sehr verändert. Es bringt Leute aus verschiedenen sozialen Schichten zusammen. Sie sind gay, das ist, was sie teilen.

Ist es für diese Leute nicht ein Risiko, das Internet zu benutzen?
Man kann dafür umgebracht werden. Aber wenn man sich ruhig verhält, forschen sie nicht unbedingt nach. Die Bestrafung ist vergleichsweise tief, wenn man schaut, wie aktiv die «gay community» ist.

Sie haben viele der Porträts in Ihrem Buch verfremdet. Um die Leute zu schützen?
Vor allem deshalb, aber nicht ­immer. Bei der Geschichte der Prostituierten Leyla habe ich zwei Biografien miteinander verschmolzen. Ich wollte zeigen, dass man im Iran wegen seiner vermeintlichen Verbrechen umgebracht werden kann, wenn man kein Geld oder keine Macht hinter sich weiss. Manchmal hatte ich auch grosse Lücken in meiner Geschichte, weil die Leute sonst erkennbar geworden wären. Um diese Lücken zu füllen, sprach ich mit anderen Leuten mit demselben gesellschaftlichen Hintergrund.

Sie haben von 2003 bis 2006 als Korrespondentin aus Teheran berichtet. Wie frei waren Sie dabei?
Als ich offiziell als Journalistin dort arbeitete, wurde ich wie die meisten Journalisten vom Sicherheitsdienst überwacht. Das ist normal. Sie versuchen, einen einzuschüchtern. Sie stellen sicher, dass man weiss, dass man vielleicht beschattet wird oder dass sie das Telefon abhören.

Wie war das für Sie?
Es ist eine beängstigende Er­fahrung. Ich wurde ein paarmal verhaftet. Viele meiner Kollegen kamen ins Gefängnis – Doppelbürger und Iraner. Am Schluss hatte ich genug davon, so genau überwacht zu werden. Ich hatte auch genug von meiner Selbstzensur.

Sie machen vor allem auch Reportagen fürs Fernsehen und berichten aus Krisengebieten, zuletzt von der Front im Irak. Warum gehen Sie an diese Orte?
Meine Motivation ist immer die Geschichte. Mich interessieren Geschichten, die einen anderen Blickwinkel zeigen als das, was gerade im Zentrum der Auf­merksamkeit steht.

Macht es einen Unterschied, dass Sie als Frau an diese Orte gehen?
Als Frau wird man nicht so ernst genommen. Das erleichtert oft den Zugang. Einige Male fühlte ich mich deswegen nicht sicher. Einmal berichtete ich aus Papua-Neuguinea, wo es eine hohe Vergewaltigungsrate gibt. Ich habe auch über die Vergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz in Ägypten recherchiert. Da brauchten wir Bodyguards. Abgesehen von solchen Situationen ist es ein Vorteil. Zudem haben wir Zugang zur Hälfte der Bevölkerung, denn die Frauen in solchen Ländern reden nicht mit Männern.

Ist es schwieriger für Sie jetzt, da Ihr Buch «Stadt der Lügen» publiziert ist, in den Iran zurückzugehen?
Habe ich mit dem Buch eine Grenze überschritten oder nicht? Das weiss man nie. Das Buch ist nicht politisch. Aber wenn sie jemanden packen wollen, werden sie einen Grund finden. Ich denke, im Moment ist es für mich nicht klug, in den Iran zu gehen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 12.05.2017, 22:14 Uhr

«Stadt der Lügen»

Hausfrauen, die Pornos drehen, Ehemänner, die statt nach Mekka nach Thailand pilgern, Mullah-Hotlines zu allen Fragen rund um Sex oder Revolutionsrichter, die bei den Nachkommen der Exekutierten Vergebung suchen: In dem Buch «Stadt der Lügen» (Kein & Aber, 288 S.) zeichnet Ramita Navai Einblicke in Lebenswirklichkeiten hinter dem Schleier, die von dem sozialen Wandel im Gottesstaat erzählen.

Die 43-jährige Journalistin mit iranischen Wurzeln war von 2003 bis 2006 Korrespondentin der «Times» in Teheran.Im Rahmen der Gesprächsreiche «Realit» im Schweizerhof kam sie nach Bern. ass

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