«Islamisten waren die Hot Shots»

Zwei Schwestern ziehen zum Heiligen Krieg in den ­Isla­mischen Staat, der Vater reist ihnen nach in die syrische Hölle. In ihrem neusten Buch hat die norwegische Journalistin Åsne Seierstad recherchiert, wie es dazu kommen konnte.

Åsne Seierstad: «Die Mädchen hatten die Möglichkeit, zu ­fliehen. Und sie haben ­gewählt, das nicht zu tun.»

Åsne Seierstad: «Die Mädchen hatten die Möglichkeit, zu ­fliehen. Und sie haben ­gewählt, das nicht zu tun.» Bild: Raphael Moser

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Frau Seierstad, die beiden Schwestern in Ihrem Buch schlossen sich dem IS in Syrien an. Wie geht es ihnen heute?
Åsne Seierstad: Vor zwei Wochen erfuhr ihr Vater über zwei Ecken, dass Ayan und Leila mit ihren Kindern aus Raqqa nach al-Bukamal an der Grenze zum Irak ge­flohen sind. Ayans Ehemann ist offenbar vor sechs Monaten verschwunden. Vielleicht ist er tot, wer weiss. Aber Leilas Ehemann war bei ihnen.

Welche Zukunft haben sie jetzt, da das IS-Kalifat am Ende ist?
Der Vater hofft, dass sie in ein Flüchtlingslager gelangen. Sie sollten versuchen, da rauszukommen, sich nach Norwegen deportieren lassen, ihre Verurteilung entgegennehmen, ihre Strafe absitzen – und dann sind sie frei! Sie sind jetzt Anfang Zwanzig und haben noch ein langes Leben vor sich. Sie könnten zur Einsicht kommen, dass es ein Fehler war, nach Syrien zu gehen. Oder aber sie denken: Je mehr wir leiden, umso besser wird der Platz im Paradies sein. Wir bleiben bis zum bitteren Ende.

Die Schwestern hatten gute ­Zukunftschancen. Wann wurde der Schalter umgelegt?
Die Mädchen haben sich nicht selbst geäussert. Also musste ich versuchen, das herauszufinden. Ein wichtiger Faktor war der charismatische Koranlehrer, der ihnen einen Ort eröffnete, an dem der Islam etwas ist, das ihnen Kraft und Selbstwert gibt. Ein anderer Faktor war die Jugendorganisation Islam Net, der sie beitraten. Ihr Leben begann sich rund um den Islam zu entfalten: Der Islam war das Coolste und Beste, und alle anderen Einflüsse fielen weg – das Norwegische, die Schule, Freundinnen. In diesen Jahren waren die Islamisten wirklich die neuen Kids in der Stadt, die Hot Shots. Der Islam fühlte sich für sie einfach als der richtige Platz an. Richtig auch im Sinn von: was Gott will, dass man tut.

Hat sie auch etwas aus der Gesellschaft vertrieben?
Ihre Freundin Aisha flieht vor einem beelendenden Leben. Dasselbe gilt für die jungen Männer. Die meisten Syrien-Fahrer waren Jungs, und von diesen sind 60 Prozent vorbestraft. Das ist so in den meisten europäischen Ländern. Sie fliehen vor einem Leben auf der Strasse, mit Kleinkriminalität. Indem sie nach Syrien gehen, können sie sich frei machen.

«Der Islam war das Coolste und Beste, andere Einflüsse fielen weg.»

Aber die beiden Mädchen hatten ja ein gutes Leben!
Natürlich gibt es da diese Erfahrung, Somali zu sein, schwarz in Norwegen zu sein, von einer stark stigmatisierten Gruppe zu stammen. Sie wissen, dass ihre Familie auf der tiefsten Stufe der Gesellschaft steht. Aber die Schwestern hatten die Möglichkeit, aufzusteigen, sie glänzten bereits. Für sie war die spirituelle Dimension wichtig. Sie tauchten tief in die Religion ein.

Geht es grundsätzlich für die Frauen eher um die Religion?
Für manche Männer war die Religion überhaupt kein Beweggrund. Sie gaben das vor, aber es ging für sie eher darum, im Krieg zu sein, ein Gewehr zu erhalten, zu kämpfen und einen Sinn im Leben zu finden. Es ist schwierig, zu generalisieren. Aisha hatte auch viele andere Anliegen. Aber für die beiden Schwestern war die Religion der wichtigste Faktor.

Als die Mädchen anfangen, den Nikab zu tragen, gehen sie in die Schule und streiten mit den Lehrern darüber. Was können wir von diesem Konflikt lernen?
Zu diesem Zeitpunkt wären Ayan und Leila sowieso nach Syrien gegangen. Aber das Wissen ist wichtig, und die Warnsysteme, die eine Gesellschaft errichtet. Heute gibt es Anti-Radikalisierungs-Kurse. Diese Mädchen wären erfasst worden. Sie folgten dem ABC der Radikalisierung, beginnend mit der Kleidung, dem ­Beten, der Schwarz-Weiss-Sicht, wenn sie sagen: «Ich kann einen Jungen nicht berühren.» Die islamistische Radikalisierung ist sehr offensichtlich, auch bei den Jungs mit dem Dresscode der Bärte. Anders als etwa bei Anders Breivik, bei dem es nur eine innere Radikalisierung gibt, die vor allem im Internet stattfindet.

Worum geht es in den Anti-Radikalisierungs-Kursen?
Es geht um Kooperation. Und die gibt es heute. Schulen, Jugendorganisationen, soziale Institutionen, Polizei und Familien arbeiten zusammen. Eltern sind fast nie radikalisiert, und das Letzte, was Eltern wollen, ist, dass ihr Kind ein Terrorist oder ein Selbstmordattentäter wird. Normalerweise haben die Eltern keine Ahnung davon, wenn ihre Kinder in extremistischen Organisationen rumhängen.

Es ist genau das, was der Vater mit dem Buch erreichen wollte.
Teilweise gibt es diese Sensibilisierung wegen des Buches. Der Vater redet heute auch an Veranstaltungen über seine Töchter. Aber es gibt in Norwegen auch nicht so viele Extremisten wie ­etwa in Frankreich oder England. Man kann sie überwachen, sie sind überschaubar.

«Der Vater wird zu einer komplexen Figur. Das trägt zu der romanartigen Qualität bei.»

Sie haben Anders Breivik erwähnt, über den Sie Ihr letztes Buch geschrieben haben. Welche Parallelen sehen Sie zu ihm?
In ihrer Ideologie sind beide faschistisch, im Glauben an das Extreme und in der Haltung, sich über andere zu stellen. In der Aussage, man müsse sie auslöschen. Aber es ist schwierig, in ihrer Persönlichkeit Parallelen zu sehen. Breivik ist eine Einzelperson, die sich diese Ideologie zusammensucht und sich selbst vorbereitet, um ganz allein diese vielen Leute umzubringen. Die beiden Mädchen hingegen folgen nur einem Trend in ihrem Umfeld.

Haben Sie die Mädchen ­manchmal bewundert?
(entschieden) Nein. Sie hätten es besser wissen müssen. Sie waren klug, aber sehr dickköpfig. Diese Dickköpfigkeit hat eine gute und eine schlechte Seite. Wer dickköpfig ist, kann etwas erreichen, aber man kann auch auf einen komplett falschen Weg geraten.

Das Kalifat ist gefallen, im Buch sprechen Sie vom «virtuellen Schlachtfeld». Wird der «Ruhm» des IS im Netz weiterleben?
Ihre goldene Zeit der Propaganda im Internet, als sie diese Videos machten, ist vorbei. Ihre Studios in Syrien sind bombardiert. Sie sind immer noch aktiv im Netz, aber es gibt viel weniger Propaganda. Bis 2015 war das Internet auch offener. Twitter war die ­Arena der Extremisten, viele hatten dort ihre Konten. Heute überwacht Twitter das.

Ihr Buch liest sich wie ein Roman, auch wegen der doppelten Geschichte von Vater und Töchtern. War das von Anfang an ­geplant?
Ich konnte nie wissen, ob die Mädchen nach Hause kommen würden. Weil sie es nicht taten, übernahm der Vater gewissermassen die Geschichte. Er wird zu einer komplexen Figur, das trägt zu der romanartigen Qualität bei. Er ist nicht mehr nur der Vater, der seine Töchter sucht. Er kann sich selbst und anderen gegenüber nicht zugeben, dass seine Töchter ihn zurückgewiesen haben. Sie sagen: «Uns geht es gut. Wir werden hier sterben. Geh und leb dein eigenes Leben.» Ich hoffe, dass Leser sich dann überlegen: Was hätte ich gemacht?

Am Schluss zeichnen Sie das Bild der Babys der Schwestern.
Es war schwierig, das Buch zu Ende zu bringen: Wie beendet man eine Geschichte, bei der es kein Ende gibt? Ich musste mit dem neuen Leben enden.

Ist es als Drohung zu verstehen?
Eher als Tragödie. Was wird mit den Tausenden von Kindern passieren? Die Kinder, die von ihren Müttern oder Vätern nach Syrien gebracht wurden oder dort geboren sind: Was für ein furchtbarer Start ins Leben. Dafür tragen die Mädchen Verantwortung: Sie haben diese Kinder zur Welt gebracht. Sie hätten Syrien verlassen können. Sie hatten die Möglichkeit, zu fliehen. Und sie haben gewählt, das nicht zu tun.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 29.11.2017, 08:30 Uhr

Åsne Seierstad und das Buch «Zwei Schwestern»

Die eine wollte Diplomatin ­werden, die andere Rechtsanwältin, sie vertraten feministische Ideen. Doch innerhalb von zwei Jahren war plötzlich alles anders: «Wir haben euch sooo lieb», schreiben sie in einer Mail an ihre Eltern. Da sind die Schwestern Ayan und Leila schon weg, unterwegs nach ­Syrien, um sich dem Islamischen Staat anzuschliessen. Es ist der 17. Oktober 2013. Kurz entschlossen reist ihnen der Vater hinterher. An der syrischen Grenze verpasst er sie knapp, er engagiert einen Schmuggler und passiert die Grenze.

Aus Norwegen fuhren 100 junge Leute nach Syrien, 10 davon waren Frauen. Und nur ein Vater begab sich ins Kriegsgebiet im Versuch, seine Töchter zurückzuholen. Die 47-jährige, preisgekrönte norwegische Kriegsreporterin und Journalistin Åsne Seierstad hat ihr neues Buch «Zwei Schwestern» (Kein & Aber, 528 S.) jüngst bei ReaLit im Schweizerhof vorgestellt. ass

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