Für den Traum einer offenen Gesellschaft

Kaum jemand löste 2016 einen solchen Hype und zugleich so viel Aggression aus wie sie: die mit dem renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrte Publizistin Carolin ­Emcke. Was steckt dahinter?

Sorgte für Kontroversen:  Die deutsche Publizistin Carolin Emcke, 49.

Sorgte für Kontroversen: Die deutsche Publizistin Carolin Emcke, 49. Bild: zvg

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«Der europäische Traum ist der grösste Traum, den die heutige Generation geschenkt bekommen hat. Jetzt ist es erstmals Zeit, dass wir als Generation heraus­gefordert sind, diesen Traum zu verteidigen», sagte Carolin Emcke in der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie». Das war zu Beginn dieses Jahres.

Seither ist viel geschehen. Die Publizistin erhielt den renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie publizierte ein neues Buch. Und im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit avancierte sie zu einer neuen Ikone der Linken. Gleichzeitig schlug ihr unverblümter Hass entgegen. Grosse deutsche Feuilletons verspotteten die 49-Jährige als «Moralsuse» oder als «Hohepriesterin der politischen Korrektheit». Wieso polarisiert diese Frau derart?

Demokratische Werte

Carolin Emcke hat in Philosophie doktoriert und lange als Reporterin für das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» und für «Die Zeit» aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet. Im Bücherschreiben verbindet sie die direkte Erfahrung der Reporterin mit der Theorie der Philosophin. Ihr neues Buch mit dem Titel «Gegen den Hass» zielt auf das Thema der Stunde.

Neu ist im Grunde wenig davon, was Emcke in dem Essay schreibt. Aber Carolin Emcke tritt mit einer Entschiedenheit für demokratische Werte und Menschlichkeit ein, die sie zur Wortführerin und zu einer der wichtigsten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum gemacht hat.

Doch damit verkörpert sie auch das Problem der ­intellektuellen Linken: Emcke tritt für Minderheitenrechte, für Gleichstellung und für eine pluralistische Gesellschaft ein. Sie vertritt eine moralisch-ethische Position, der aus der linken Ecke kaum jemand widersprechen würde. Und wenn sie von der ­sozialen Konstruktion kollektiver Identitäten schreibt, von Zuschreibungen und dem unsichtbar oder monströs gewordenen «Anderen», tut sie es auch in einer Argumentation und in einer Sprache, die es kaum schaffen dürften, Leute aus anderen Lagern hinzuzugewinnen.

Ergreifend sind ihre präzise und feinfühlig beobachteten, genau analysierenden Reportagen. Ihr 2013 erschienenes Buch «Weil es sagbar ist» handelte von den Geschichten von traumatisierten Menschen – Geschichten, wie sie auch die Weissrussin Swetlana Alexijewitsch in ihren Büchern aufzeichnet, die 2015 mit dem Nobelpreis geehrt wurde.

Bei diesen Texten geht es um die Zeugenschaft, darum, diese Lebensgeschichten und Erfahrungen als Teil unserer Gesellschaft zu bergen – für Emcke die ethische Pflicht «der Ungeprügelten». «Schreibst du das auf!»: Menschen im Irak, im Gazastreifen, in Afghanistan oder Kosovo hatten sie immer wieder dringlich darum gebeten.

Exemplarisch für den Demokratieverlust

In ihrem jüngsten Buch führt Carolin Emcke zwei Geschichten an, die exemplarisch für den Demokratieverlust und den Fremdenhass unserer Zeit stehen. Geschichten, die zugleich aufzeigen, wo und wie es möglich wäre, anders zu handeln.

Die eine erzählt von der Attacke auf einen Flüchtlingsbus im deutschen Clausnitz im Februar dieses Jahres. Die ­andere von Eric Garner, einem Schwarzen, der 2014 in den USA im Würgegriff eines Polizisten ­erstickte. Emcke zeichnet nach, was sie auf gefilmten Sequenzen sieht. Sie lässt sich nicht von ­Empörung hinwegtragen. Sie beschreibt langsam, zerlegt den Hass, indem sie den Blick auf einzelne Personen und deren Handeln richtet: in der Gruppe derer, die Hassparolen skandieren, bei den Zuschauenden, bei den Polizisten.

Und genauso schreibt sie auch über einzelne Flüchtlinge im Bus oder über eine freiwillige Helferin in der Unterkunft der Flüchtlinge. Es ist dieser Blick auf das Individuum, der zeigt, wo und wie es möglich wäre, aus der Eskalation auszusteigen. Ein Blick, der Handlungen kritisiert, nicht aber Personen, und der damit die Möglichkeit offenlässt oder im besten Fall das Begehren weckt, anders zu handeln.

Rhetorische Schutzschilder

«Die Schwelle des Sagbaren hat sich verschoben», sagt Carolin Emcke. «Der Hass ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.» Fremdenfeindlichkeit werde heute mit Angst und Sorge «ummantelt». Angst und Sorge fungierten als «rhetorische Schutzschilder», denen unverhohlen rassistische Ressentiments nachgestellt würden. «Seit wann ist es eine Qualität geworden, einen Exhibitionismus der Kaltherzigkeit zu zelebrieren?», fragt sie.

Es ist die Frage, die viele umtreibt. Schlag auf Schlag folgten Hiobsbotschaften, die den Traum von einer liberalen, offenen Gesellschaft bröckeln lassen: das Votum der Briten für den Brexit, der Putschversuch in der Türkei und die repressive Eskalation, der Durchmarsch von Donald Trump, auch das Erstarken der Rechten in Ungarn und Polen, das Echo der AfD, des Front National und der SVP hierzulande – und, spiegelverkehrt, der radikalisierte Islamismus mit Attentaten in Würzburg, Nizza, Rouen oder jüngst in Berlin.

Als Reporterin hat Carolin Emcke viele Gespräche mit Leuten in Kriegsgebieten oder mit Flüchtlingen geführt. Viele Flüchtenden, die aus den Krisengebieten im Nahen Osten oder in Afrika nach Europa unterwegs seien, würden für die Demokratie brennen, meint sie. Sie würden sich zur Idee von Europa, zu Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit, zu Meinungsfreiheit und Menschenrechten bekennen und hätten diese Ideale verinnerlicht.

Es sei gerade nicht so, dass die Flüchtenden die demokratischen Ideale bedrohten. «Sie fliehen weg von der Gewalt, Willkür und Zerstörung in ihrer Heimat. Aber sie fliehen auch hin, von Sehnsucht getrieben, in die Länder, in denen der Staat nicht gegen die eigene Bevölkerung kämpft», sagt sie. Wir in Europa dagegen seien eher dabei, die Offenheit der Gesellschaft zu verlieren. Nicht wegen der vermeintlichen Bedrohung von aussen, so Emcke, sondern wegen rechtspopulistischer Demagogie.

Dem Populismus – und dem islamistischen Extremismus – hält sie ein «Lob des Unreinen» entgegen. Individualität, also Einzigartigkeit, lasse sich nur in der Verschiedenheit erleben, sagt sie und bringt die eigene Erfahrung als Frau, als Lesbe und als Intellektuelle ein.

Es war schon immer ihre Art zu schreiben, am deutlichsten in dem 2012 erschienenen Buch «Wie wir begehren», ihrem öffentlichen Coming-out. Es ist ein Ansatz, der sie verletzlich macht und ihrer Position zusätzliche Dringlichkeit verleiht. Aber kann ein solches Bekenntnis zu Vielfalt dem rauen Gegenwind entgegenwirken?

Unanfechtbarer Standpunkt

Emcke argumentiert identitätspolitisch. Ihr moralischer Standpunkt ist kaum anfechtbar. Die theoretische Herleitung wurde allerdings in den letzten rund fünfzig Jahren angelegt. Das Wissen darum ist bis in die Mitte der Gesellschaft gesickert – man denke etwa an «Diversity-Programme», die selbst in wirtschafts­nahen Unternehmen auf dem Papier stehen. Was nicht heisst, dass das Anliegen an Dringlichkeit verloren hätte.

Ist die Theorie am Ende? Emcke steht für beides: Sie ist zum Aushängeschild einer moralischen Position geworden, die es zu behaupten gilt. Genauso steht sie aber auch für den Bedarf, neue Argumente für diese Position zu finden. Es müssten solche sein, die sich nicht nur auf gesellschaftspolitischer Ebene bewegen, sondern auch sozialpolitisch greifen. Argumente, die die real-wirtschaftlichen Bedingungen von heutigen Globalisierungs­verlierern und sozial Abgehängten mit einschliessen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.12.2016, 18:07 Uhr

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