Im Straflager war sie bereit zu sterben

In ihrem Buch erzählt Nadja Tolokonnikowa, weshalb nicht Putin das Hauptproblem Russlands ist. Morgen liest sie auch in Zürich daraus vor – und nimmt die Schweiz in die Pflicht.

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Der Blick von Nadja Tolokonnikowa hat oft etwas Nachdenkliches, fast schon Träumerisches, als würde sie permanent von einem besseren Russland träumen. Das würde jedoch nicht zur Aktionskünstlerin passen, die in ihrem kürzlich veröffentlichten Buch «Anleitung für eine Revolution» unter anderem die Menschen auffordert: «Willst du etwas verändern, dann beweg dich. Warte nicht, bis man es dir auf dem Silbertablett serviert. Hier wird nichts serviert. Bei uns ist Selbstbedienung.»

Im Westen gefeiert

Tolokonnikowa wuchs bei ihrer Grossmutter auf, die insbesondere ihre politische Haltung sehr geprägt hat. Zu Beginn des Studiums lernte sie den Künstler und Politaktivisten Pjotr Wersilow, den sie später heiratete, kennen. Seit 2007 setzt sich Tolokonnikowa als Aktivistin für bessere Menschenrechte in ihrem Heimatland ein. Bereits 2009 sagte sie: «Wir wollen das Regime entsakralisieren.» 2011 gründete sie die Punkrockband Pussy Riot, wodurch die Mutter einer Tochter endgültig für weltweites Aufsehen sorgte. Für ihr «Punk-Gebet», eine Performance-Nummer in einer Moskauer Kathedrale, wurde sie mit zwei anderen Mitgliedern zu Haft verurteilt.

Nach internationalem Protest und Hungerstreiks kam sie im Dezember 2013 im Zuge einer Massenamnestie der Regierung im Hinblick auf die anstehenden Olympischen Spiele in Sotschi vorzeitig frei. Die Frauen von Pussy Riot wurden schliesslich im Westen als Kämpferinnen gegen das autoritäre Regime gefeiert, «gleichsam als letzte Hoffnung für den zivilisierten Rest der Menschheit», wie das Kreml-Propagandablatt «Komsomolskaja Prawda» höhnt.

In einem Interview mit dem Magazin «annabelle» sprach Tolokonnikowa auch darüber, wie sie die Zeit im Gefängnis verändert hatte: «Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich stark genug bin und mir diese Zeit nichts anhaben konnte. Ich habe heute noch Albträume wegen meiner Zeit im Straflager.» Sie war überrascht gewesen, mit welcher Härte das Regime gegen sie vorgegangen ist. Die beiden schlimmsten Erfahrungen seien aber gewesen, dass man andere für sie bestraft hat und der Hungerstreik: «Wenn du im russischen System in den Hungerstreik gehst, musst du bereit sein zu sterben.» Ausserdem gab sie zu, immer wieder auch um ihr Leben zu fürchten. Dennoch will sie kein Überwachungssystem zu Hause installieren: «Wenn sie mich umbringen wollen, dann schaffen sie das auch.»

Auftritt in US-Erfolgsserie

Trotzdem setzt die 26-Jährige weiter auf Provokation und verfolgt konsequent die Linie, mittels Sex möglichst viele Leute zu erreichen. So schreibt sie in ihrem Buch: «Pussy Riot ist wie Sex. Ohne Fantasie betrachtet, wirken beide wie gehirnamputierte Bewegungen. Alle Macht der Fantasie! Ich laufe mit meinen besten Freunden am Kopf der Demonstration und bin, glaube ich, vor lauter Begeisterung kurz davor zu kommen.» Im Zuge einer Protestaktion küsste sie während Monaten Dutzende Polizistinnen: «Es war sehr angesagt, Bullen zu hassen. Wir aber beschlossen, den Feind zu lieben.»

Ihr grösster Feind ist aber Staatschef Wladimir Putin. Um gegen ihn zu protestieren, trat Tolokonnikowa sogar in der US-Erfolgsserie «House of Cards» auf. Bei einem Galadinner, in dem Viktor Petrow eine naheliegende Darstellung Putins verkörpert, spricht sie einen Toast aus: «Wir trinken auf den russischen Präsidenten, der seine Freunde so sehr liebt, dass er ihnen das halbe Land verkauft hat; auf den Oberkommandierenden, der sich vor niemandem fürchtet ausser vor Schwulen.» Diese Woche stellte Tolokonnikowa in Köln ihr Buch vor. Unter stehenden Ovationen sagte sie: «Putin hat die Träume so vieler Menschen in meinem Land zerstört.»

Dennoch sieht sie im Gegensatz zum Westen nicht den Kreml-Regierungschef als Hauptproblem, sondern die russische Gesellschaft. Gegenüber dem «Spiegel» liess sie eine künstlerische Kehrtwende durchsickern: weg von der intellektuellen Elite, hin zum Volk. Weniger Subkultur, mehr Mainstream. In Köln sagte Tolokonnikowa: «Es gibt in Russland auch Menschen, die sind lustig und versuchen, etwas zu ändern. Es ist noch nicht alles verloren.»

Neuer Song geplant

Vor ihrem morgigen Auftritt im Zürcher Kaufleuten nahm die Aktivistin aber auch die Schweiz in die Pflicht. Sie verlangt, dass das in der Schweiz gelagerte Geld eingefroren wird. «An diesem Geld klebt so viel Blut, Menschen wurden umgebracht, damit russische Regierungsmitglieder noch reicher werden. Die Schweiz sollte dazu beitragen, dass hier investigiert wird, damit diese Verbrechen gelöst werden. Das kann nur passieren, wenn die Schweiz diese Spielchen nicht mehr mitspielt», sagte sie gegenüber der «annabelle».

Derzeit lebt Tolokonnikowa in Los Angeles, gemeinsam mit namhaften Produzenten arbeitet sie an einer neuen Platte. Der vorgesehene Name: «Straight Outta Vagina». (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.03.2016, 14:31 Uhr

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