Endlich beginnt für Trump der Reality-Check

Gut, tritt Donald Trump heute Mittag Washingtoner Zeit sein Amt als US-Präsident an. Nun lassen sich seine grossspurigen Ankündigungen – aber auch die panischen Warnungen vor ihm – an seinen Taten messen.

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Was wurde seit der Präsidentenwahl vom 9. November nicht alles über Donald Trump verbreitet. Wohl noch nie ist einer, der noch gar nicht im Amt ist, so überhöht und heruntergemacht, verdammt und gerühmt worden. Zum Glück versiegt diese Flut der Mutmassungen ab heute mit der Inauguration Trumps. Endlich beginnt für Trump – und auch für alle aufgeregten Trump-Deutungen – der Reality-Check.

Der Mann soll hier nicht gutgläubig mit Goodwill verharmlost werden. Aber es wäre gut, ihm mit mehr Augenmass und kühler Skepsis zu begegnen. Neben der bisweilen hysterischen Erregung in den sozialen Medien gibt es auch eine Er­müdung: Je mehr grelle Einschätzungen Trumps publiziert wurden, desto weniger lösten sie aus. Weil alle wie im Chor vor Trump warnten, hörte man gar nicht mehr richtig hin. Der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat sich jüngst geweigert, sich zu Trump zu äussern. Das bedeute aber nicht, dass er diesen nicht aufmerksam verfolge, sagte er. Enzensbergers wohltuendes Schweigen kann man auch so deuten: Statt Trump zu dämonisieren, sollte man ihn ernst nehmen. Mit Realitätssinn.

Trump ist schon oft zur historischen Ausnahmefigur und sein Machtantritt zum Epochenwechsel überhöht worden. Er lanciert angeblich eine postfaktische Ära der Unverfrorenheit und Lüge. Er gilt als Zerstörer der Demokratie. Als Terminator des globalen Handels. Als erster ab­solut unfähiger und ungeeigneter Präsident der USA. Aber haben nicht schon Ronald Reagan und George W. Bush die Welt schamlos belogen? Gehört die Lüge nicht zum Kerngeschäft der Politik? Und sind nicht schon andere selbst ernannte Heilsbringer an die Schalthebel der Macht gelangt? Es ist eine Binsenwahrheit der Geschichte: Ob eine Figur und eine Ära im Guten oder im Schlechten denkwürdig waren, kann man immer erst im Nach­hinein sagen. Nicht schon im Voraus.

Donald Trump schillert im Scheinwerferlicht der Angstlust, die auf den sozialen Medien kursiert. Mit einem gewissen Schauer prophezeien viele, dass Trump die Welt auf den Kopf stellen, die west­liche Ordnung aus den Angeln heben, Wladimir Putin umarmen und Europa im Stich lassen wird. Aber diese apokalyptischen Visionen sind zu simpel. Der Lauf der komplexen Welt ist immer schwerer prognostizierbar. Trump gilt überdies als unberechenbar und hat damit schon gehörig Unsicherheit gestiftet. Allerdings ist bleierne Berechenbarkeit nicht eine viel bessere Alternative.

Die Trump-Panik ist insbesondere ein europäisches Phänomen. Gern verzerren wir Europäer den US-Präsidenten, diesen reichen und grossen Onkel aus Amerika, von dessen Markt und Macht wir ab­hängen. Entweder überhöhen wir ihn wie Barack Obama zum Heilsbringer. Oder schimpfen ihn einen unbedarften Dummkopf wie Ronald Reagan oder George Bush. Europa reiht Trump zudem mit Putin und Erdogan in eine Gilde von Autokraten ein, von denen es sich bedroht fühlt. Was Europas Angst noch steigert: dass diese drei auch Populisten wie Ma­rine Le Pen Auftrieb verleihen. Diese kumulierte Angst aber lässt sich ver­mindern, indem man sie etappiert. Und jede dieser Figuren präzis und einzeln betrachtet.

Meist kommt es anders, als man denkt. Donald Trump könnte sich als fauler Ankündigungsweltmeister entpuppen, der wie Silvio Berlusconi nur um sich kreist und nichts bewegt. Er könnte sich langweilen, weil sich der Staat nicht so flott dirigieren lässt wie ein Unternehmen. Wegen einer krassen Verfehlung könnte er vorzeitig zurücktreten, um einer Amtsenthebung zu entgehen. Und vielleicht ist er trotz der Machtbefugnisse des US-Präsidenten kein starker Macher, sondern ein eher schwacher Regent, der vom schlauen und zynischen Putin über den Tisch gezogen wird.

Fast unter ging im vorpräsidentiellen Trump-Bashing, dass wir ihm ein paar Einsichten verdanken. Etwa die, dass Europa bequem auf dem Trittbrett des Weltpolizisten USA mitfährt und sich seine Sicherheit ohne adäquate finanzielle Beteiligung garantieren lässt. Oder die, dass Wallstreet-Banker nicht das Volk vertreten und es eine wachsende Anzahl von Menschen gibt, die sich von den traditionellen politischen Parteien nicht mehr vertreten fühlen. Nicht bei allen sind diese Erkenntnisse angekommen. Selbst sehr kluge Kommentatoren beschimpfen Trump mit dem Gewicht ihres Nobel­preises und ihres Renommees als einen Idioten. Und bestätigen so nur die Ar­roganz der Eliten.

Gut, fängt Donald Trump heute endlich an und muss nun Taten statt Worte liefern. Jetzt muss er zeigen, ob Exzentrik eine Strategie ist. Ob er, über ein brachiales Kosten-Nutzen-Prinzip hinaus, überhaupt eine Strategie hat. Ob sich eine Weltmacht wie eine Firma führen lässt. Ob man mit Wladimir Putin befreundet sein kann. Ob sich die Mexikaner über­reden lassen, für die USA eine Mauer zu bezahlen. Und wie lange es noch möglich ist, den Klimawandel hartnäckig zu leugnen. Einige Befürchtungen über Trump werden sich wohl bewahrheiten. Aber die Welt liegt Trump nicht wehrlos zu Füssen und lässt sich von ihm alles gefallen. Wenn Trump ab heute agiert, werden andere auf ihn reagieren. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.01.2017, 06:25 Uhr

Hintergrund-Redaktor Stefan von Bergen zum Start von Donald Trumps Präsidentschaft.

Mail: stefan.vonbergen@bernerzeitung.ch (Bild: Stefan Anderegg)

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